Das Arabische Emirat Schardscha

Das Light Festival rückt Schardscha aus dem Schatten von Dubai oder Abu Dhabi. Aber auch ohne Neoneffekte bietet dieses Emirat ein buntes Spektrum

Einen in den Sand gesetzten pakistanischen Frachter bietet Schardscha an diesem Morgen, und einen schnellen Ausflug nach Khor Kalba, wo der Emir mitunter selbst durch die Lagune schippert, den Wasserschildkröten und Flamingos hinterher. Milchig blau schimmert der Golf von Oman im frühen Licht. Die Fischer bleiben lieber im Allradwagen sitzen, treten weich aufs Gaspedal - denn in Kalba zieht man die Netze gefühlvoll per Land Cruiser an Land. Und weil gerade Freitag ist, verhält sich auch die einsame Oase des tief eingeschnittenen Wadi Wuraya nicht so, wie man es von einer isolierten Schlucht des mächtigen Hajar-Gebirges erwartet. Der einsame Wasserfall, der sich auf den Broschüren des Fremdenverkehrsamtes über schäumende Kaskaden in smaragdgrüne Pools ergießt, hat sich in eine überfüllte Freiluftdusche verwandelt. Die Stille des Wadi in einen Trichter, aus dem Bollywood-Pop und Schampoo-im-Auge-Gekreische dringt.

Mitten in der Wüste auf der Seife stehen muss man trotzdem nicht. Schließlich ist die Exkursion zu den vier räumlich getrennten Enklaven des Emirats Schardscha ja bereits eine Art Kür. Kalbas restauriertes Fort, das dunkelgrüne Schmatzen des ältesten Mangrovengebiets der Vereinigten Arabischen Emirate, die Chance, vor dem Fischerdörfchen Dibba Delfinflossen zu erspähen, sind schnell abgehakt. Und das ist vielleicht ganz gut so. Denn so bleibt mehr Zeit für Schardscha-Stadt.

Spaziergänge durch gläserne Aquarientunnel hat die drittgrößte Stadt der Arabischen Emirate zu bieten, und ein neues maritimes Museum - ideal zum Tilgen letzter Bildungslücken in Sachen Perlenhandel. Blickt man von hier aus über den angrenzenden Sharjah Creek und erst recht über die verloren wirkenden Muschelkalktürmchen des Ali Khan Restauration Project, dann verfestigt sich ein Eindruck: Schardscha ist anders als die protzigen Vettern am Turbo-Golf, eine Zeitkapsel aus einer vergangenen Ära, in der Minztee noch auf Schilfmatten serviert wurde. Eine Prise 1980er-Jahre scheint in der Luft zu liegen. Und Bilder aus Tagen, in denen die emiratischen Häuser noch niedriger waren, die sandigen Leerflächen zwischen den Stadtteilen weiter, die Märkte arabischer.

All das kommt keineswegs von ungefähr, sondern zeugt von System. Das System heißt al-Qasimi, in aller Pracht ausgeschrieben: Seine Hoheit Scheich Sultan Doktor bin Muhammad al-Qasimi III. Er gilt seit 1972 als zentrales Gestirn des Retro-Emirats - und blickt auf ein differenziertes Vorleben zurück. Da wäre zunächst die Biografie des Emirs selbst, die im Großen und Ganzen ohne Exzesse und mit überschaubarem Privatjet-Verschleiß auskommt: Gleich zweimal hat Qasimi in Großbritannien promoviert, Philosophie und dann Agrarökonomie.

Bei der Frankfurter Buchmesse 2004, als die Arabische Welt "Gastland" war, trat der Emir als Schriftsteller hervor. Mit The Myth of Arab Piracy in the Gulf etwa, weil es Vorurteile rund um die Piraterie am Golf ausräumen half. Der kunstsinnige Emir und die vorsichtige Öffnung der Emirate Anfang der Siebziger - dieser Paarlauf prägt die "Kulturhauptstadt der Emirate" bis jetzt. Denn irgendwie hat sich Schardscha die Erinnerung an die Tage vor dem Ölrausch, als dieses Emirat als wichtigstes der späteren Union galt, lebendig erhalten. An dieses Erbe will Schardscha heute anknüpfen.

Spaziert man durch das perfekt restaurierte Altstadtviertel des "Heritage and Art Area" am Sharjah Creek sieht man auf Anhieb, wie das gemeint ist. Neben dem einzigen runden Windturm der Emirate haben sich im Al-Arsah-Souk kleine Gewürzläden gehalten, ein uriges Café und Traditionsbetriebe wie der alte Palmzuckersieder. Etwas später taucht das milchig blaue Runddach des zentralen Souks an der Khaleed-Lagune auf, der berühmtesten Markthalle der Emirate. Wenige Meter neben den hölzernen Daus am schmalen Hafenkanal locken das Museum Islamischer Zivilisation und dann das einzige Kalligrafie-Museum der Welt Interessierte an. Gemeinsam verraten sie den Masterplan Seiner Majestät: Heritage statt Höhenrausch.

Projektionen von Frieden

Szenenwechsel: Schardscha bei Nacht, Mitte Februar. Die knochengelben Sonnenflecken am Al-Hisn-Fort, dem ersten Wohnhaus des Doktor Qasimi, haben jetzt einem knallroten Teufel Platz gemacht, mit zotteligem Haarwuchs bis zum Huf und mit irrem Blick, der allerdings nach wenigen Sekunden anderen Bildern weicht: Projektionen von fetten Friedenstauben tauchen am Fort auf. Dann treiben klobige Segelboote über die Steinfassade der historischen Burg. Die friedlichen Kinderzeichnungen am martialischen Gebäude bleiben keineswegs die einzigen Lichtblicke, die Schardscha-Stadt an diesem Abend zu bieten hat.

Die Stadt erfreut sich gerade am "Sharjah Light Festival", einem Event, das diesen Winter in die dritte Runde geht und zu den spannendsten Beispielen seiner Art zählt - und das nicht bloß innerhalb der arabischen Welt. Dem Retro-Emir, der das Emirat ohne Bleifuß in die Zukunft steuern will, schwebt jedenfalls ein ausgewogener Mix vor: Die Tradition des arabischen Wandertheaters schimmert bei der Umsetzung ein wenig durch, aber auch die technische Expertise von Lichtdesignern aus Kanada und Frankreich, aus Tunesien und dem Libanon.

Einer davon ist Peter Heybutzky, der aus Deutschland kommt, Discos in aller Welt illuminiert und dem Koran-Roundabout eine himbeerfarbene Lichtdusche verpasst. Doch weil in der Mitte des Kreisverkehrs eben ein steinernes Koran-Denkmal steht, muss das Halogen auch ein wenig heilig sein. Grellbunte Licht-Disco kann man in so einem Fall nicht bringen. Stattdessen tunkt der "Licht-DJ" das Buch in eine satte Sicherheitsdosis Grün und baut darüber strahlend weiße Mikadostäbe auf, die zusammenfallen, sich wieder aufrichten, mal als Pyramide, mal als Raute.

Heybutzky ist der einzige Teilnehmer, der am Set improvisiert und seinen Job live erledigt, von acht bis Mitternacht. Das verraten die Französinnen Charlotte und Colombine, Kreativgespann einer Performance-Agentur, die sich "Nomadá - Wanderer des Himmels" nennt, was mitunter die digitale Vermessung einer Moschee inkludiert. Und zwar mit dem konkreten Ziel, einer nach ottomanischem Vorbild errichteten Moschee ein ebenso buntes wie passendes Lichtkleid zu verpassen. Wochenlang tüftelten Software-Spezialisten herum, erst dann saß die Halogen-Haut der Al-Noor-Moschee wie angegossen.

Hier träumt der Kleine Prinz

Im Ausgehviertel Al-Qasba, wo sich Schischa-Cafés und libanesische Restaurants am Ufer eines gleichnamigen Kanals reihen, sorgt ein Riesenrad auch an normalen Abenden für drehende Lichtkreise. Dann schlägt das Sharjah Light Festival in Volksfeststimmung um - etwa wenn der Kleine Prinz zwischen bunten Paintball-Flecken und Sternennacht-Lila träumt.

Ein gutes Dutzend solcher und ähnlicher Projekte verwandelt Schardscha so für einige Winternächte in ein urbanes Kaleidoskop aus Lichtkreisen und bunten Häuserflecken. Bekannte Wahrzeichen dienen als Leinwand, nehmen für wenige Stunden gar neue Identitäten an, zwingen aus Amtsgebäuden Grau heraus. Die Konzepte, die sich die Teilnehmer ausdenken, fallen unterschiedlich aus. Beispiel Museum für Islamische Zivilisation: Hier wurden die Exponate zuletzt nach außen transferiert - in Form von leuchtenden Detailbildern, die historische Teppiche, Kalligrafien oder Ornamente an die Museumswand werfen.

Im Falle des weitläufigen Al-Majaz-Parks, einer weiteren Location, stellt sich diese Frage erst gar nicht. Hier im "Schatten" der umliegenden Bürobauten wachsen die Lichtobjekte wie beiläufig aus dem Parkrasen: E-Bäume aus knallroten Stromkabelstämmen, die strahlende Früchte aus Halogenbirnen tragen oder meterhohe LED-Blumen. So viel Natur wuchert im Retro-Emirat allemal. (Robert Haidinger, DER STANDARD, Rondo, 14.12.2012)

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