Ausgeleuchtete Liedemotion

12. Dezember 2012, 20:39
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Zum Liederabend von Sopranistin Renée Fleming

Wien - Das Klavier spielt vor, der rechte Arm der Sängerin beschreibt in energischer Geste einen weiten Kreis, das kunstvoll frisierte Haupt wird nach hinten geworfen, und dann hebt es an zu singen: "Lass, Liebster, wenn ich tot bin, / Lass du von Klagen ab. / Statt Rosen und Zypressen / Wächst Gras auf meinem Grab."

So angenehm prosaisch Alfred Kerr, der große Alfred Kerr, sein Gedicht eröffnet hat, so schließt er es auch: "Vom Schlaf erweckt mich keiner, / Die Erdenwelt verblich. / Vielleicht gedenk ich deiner, / Vielleicht vergaß ich dich." Erich Wolfgang Korngold spendiert dazu Harmoniewechsel im Sekundentakt, die sogar Richard Strauss' Musik als modulationssteif erscheinen lassen. Gibt es ein wohltuenderes, lichteres Sterbelied als dieses?

Große Oper erlaubt sich die amerikanische Sopranistin Renée Fleming - in der zweiten Konzerthälfte präsentgleich in eine goldene Robe wie aus Krepppapier eingewickelt - dann auch bei Korngolds Was du mir bist: Frei gibt sie es, mit einer konzentrierten Tiefe und mit kraftvollen Kantilenen wie gleißende Goldbögen. Und auch die zweite der vier Zugaben ist ein Korngold: Mariettas Glück, das mir verblieb aus der Oper Die tote Stadt, gewidmet der verstorbenen Lisa della Casa, deren Strauss-Spuren Fleming folgt.

Ein "Fenster zur Moderne" wollte die weltweit gefeierte US-Sopranistin mit dem Programm ihres nachgetragenen Liederabends öffnen, die einzelnen Fensterscheiben stellten Miniaturmaler Hugo Wolf (Fünf Lieder nach Johann Wolfgang von Goethe), Großkönner Gustav Mahler (Rückert-Lieder), der frühe Schönberg (Erwartung, Jane Eyre) und Zemlinsky (Fünf Dehmel-Lieder) dar.

Beweglich, subtil drängend und emotional agil präsentierte, erzählte und erlebte die Ausnahmekönnerin die Werke, mit kleinen kreativen Textveränderungen sowie in einer fast völligen vokalen Souveränität.

Am Klavier assistierte Maciej Pikulski - ein polnischer D'Artagnon - nuanciert, mit Zug und sichtbarer Freude an seinem Tun. Ein Konzert wie ein Geschenk.  (Stefan Ender, DER STANDARD, 13.12.2012)

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