Selbstmorde schocken türkische Armee

Alle vier Tage bringt sich ein türkischer Soldat um - Ein großer Teil der Rekruten wirft Vorgesetzten Misshandlungen vor

Sie preist sich gern als die größte Armee in der Nato nach den USA an, aber sie ist auch die Armee mit der größten Zahl an Selbstmorden. Seit die Menschenrechtskommission im türkischen Parlament das Thema publikgemacht hat, ruft die Armeeführung zum besseren Umgang mit Untergebenen auf. Denn statistisch gesehen bringt sich alle vier Tage ein türkischer Soldat um.

934 Armeeangehörige - meist Rekruten - haben in den vergangenen zehn Jahren Selbstmord begangen; es waren mehr, als zur selben Zeit bei den fortgesetzten Kämpfen gegen die kurdische Arbeiterpartei PKK starben: 818 Soldaten.

Allein in der letzten Novemberwoche kam es zu zwei Suiziden und einem angeblichen Unfall mit tödlichem Ausgang. Im Schlafsaal einer Kaserne in Bergama an der Mittelmeerküste schreckten Re-kruten durch einen lauten Krach auf: Ein 20-jähriger Soldat hatte sich an einem Metallrohr an der Decke aufgehängt. Er hatte in den letzten zehn Tagen kaum noch mit seinen Kameraden gesprochen, hieß es.

Der Generalstab hat mittlerweile eine Initiative mit dem Namen "Enger Freund" gestartet. Die Idee: Soldaten sollen sich besser umeinander kümmern; ein "enger Freund" in jeder Rekrutengruppe soll darauf schauen, wer selbstmordgefährdet ist - oder Zeichen von Disziplinlosigkeit zeigt. Die Armeeführung schickte auch ihre eigenen Psychiater in Stellung, um die Statistik der Menschenrechtskommission im Parlament zu relativieren. Auf 100.000 Soldaten kamen demnach 32 Selbstmorde im Jahr 2002, mittlerweile sei das Verhältnis um die Hälfte auf 15 Selbstmorde gefallen.

Die türkische Armee ist schließlich groß: 720.000 Angehörige, doch nur 210.000 ausgebildete Berufssoldaten; eine halbe Million sind Rekruten und Unteroffiziere mit Zeitverträgen. Hier fangen die Probleme an, sagen ehemalige Soldaten, die sich in der Vereinigung "Soldatenrechte" zusammengefunden haben.

47 Prozent der Rekruten, die sich an die Vereinigung wenden, klagen über schwere Beleidigungen durch Vorgesetzte, so heißt es bei der Initiative "Soldatenrechte"; 39 Prozent - mehr als ein Drittel - über Schläge. 16 Prozent berichten über extreme körperliche Anstrengungen, die ihnen befohlen wurden. 15 Prozent sehen sich medizinisch nicht ausreichend versorgt.

Liebeskummer und Schulden

Fortgesetzte Misshandlungen durch Vorgesetzte können zum Selbstmord führen, sagte Tolga Islam, der die Webseite von "Soldatenrechte" managt, bei seiner Anhörung vor der Menschenrechtskommission. Liebeskummer, Schulden, verletztes Ehrgefühl oder psychische Erkrankungen gelten als andere Ursachen. Tolga Islam, der nach seinen schlechten Erfahrungen während der Wehrdienstzeit die Initiative startete, plädiert für eine Berufsarmee.

Die mittlerweile in Kraft getretene Regelung zum Freikauf vom Armeedienst dürfte das soziale Ungleichgewicht bei den Wehrpflichtigen noch ausgeprägter machen. Männer ab 30, die noch nicht den bis zu 15 Monate langen Wehrdienst abgeleistet haben, können sich für 30.000 Lira - umgerechnet derzeit 13.000 Euro - von der Pflicht befreien. Dies betrifft vor allem Uni-Abgänger aus vermögenden türkischen Familien. Damit kommen mehr junge und weniger gebildete Türken in die Armee. Sie sind sich ihrer Rechte selten bewusst und lassen sich leichter unterdrücken. (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 13.12.2012)

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