Wolf Prix: "Ich denke nicht daran aufzuhören"

Interview12. Dezember 2012, 17:45
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Der Architekt und Mastermind des Wiener Büros Coop Himmelb(l)au feiert am Donnerstag seinen 70. Geburtstag

Mit Wojciech Czaja blickte Prix auf seine sieben Leben zurück und sprach auch über zukünftige Pläne.

STANDARD: Am 13.12. startet in der Galerie Aedes in Berlin Ihre Geburtstagsausstellung "7+". Gezeigt werden sieben Projekte und die "sieben Leben des Architekten". Wieso sieben Leben?

Prix: Die Ausstellung ist ein Querschnitt durch die 70 Jahre meines Lebens und durch die 45 Jahre meiner Arbeit. Das Hauptaugenmerk liegt auf meinen sieben Lieblingsprojekten. Und sieben Leben deshalb, weil ich manchmal das Gefühl habe, man brauche als Architekt wie eine Katze sieben Leben, um die Schwierigkeiten, gegen die man permanent ankämpfen muss, zu überleben.

STANDARD: Im wievielten Leben sind Sie gerade?

Prix: Als Architekt lebt man ständig alle sieben Leben gleichzeitig.

STANDARD: Sie haben heuer die Leitung des Architekturinstituts an der Angewandten zurückgelegt ...

Prix: ... weil hier Entscheidungen gefallen sind, die ich nicht mittragen will. Ich bin der Meinung, dass eine beamtete Führungspolitik an einer kreativen Produktionsstätte wie der Angewandten nichts verloren hat. Überhaupt haben Beamte in leitenden Kulturfunktionen nichts zu suchen.

STANDARD: Dass die Angewandte im Herbst 2013 vorübergehend in den alten WU-Komplex in der Spittelau einzieht, hat auch dazu beigetragen?

Prix: Natürlich! Das ist eine Katastrophe! Eine Kunstuniversität in einem der hässlichsten Gebäude Österreichs, das kann und will ich nicht akzeptieren. Zwei Studentengenerationen werden in diesem vermieften Gebäude ausgebildet. Man hätte sich für eine intelligentere und progressivere Lösung entscheiden sollen.

STANDARD: Sie streiten heuer mit der Bayrischen Staatsoper, für die Sie vor zwei Jahren eine mobile Spielstätte geplant haben.

Prix: Alle Behauptungen, die man so lesen kann, sind selbstverständlich falsch. Sie sind, wie so oft, ein von politischer Seite provoziertes Problem. Immer wenn sich Politik in Kultur einmischt, wird es problematisch.

STANDARD: Der Auf- und Abbau des temporären Pavillons dauert nicht zwei Wochen wie geplant, sondern einige Monate und kostet nach Angaben des Betreibers rund eine halbe Million Euro. Derzeit ist das Ding in einer Lagerhalle in Augsburg eingemottet und soll demnächst verschrottet werden.

Prix: Soviel ich weiß, ist der Pavillon bereits verschrottet. Schade, denn wir leiteten kürzlich zwei seriöse Kaufanfragen weiter. Tatsache ist, dass der Pavillon immer als temporäres Gebäude geplant war. Aber die technischen Anforderungen wurden während des Planungsprozesses immer komplexer und komplexer, folglich auch der Auf- und Abbau. Und dieses Problem wurde politisch und medial aufgebauscht.

STANDARD: Am Beginn Ihrer Karriere mussten die Bauwerke noch fliegen können und brennen. Wo stehen Sie heute?

Prix: Daran hat sich nichts geändert. Aber eines der sieben Leben heißt Geduld. Die Gebäude können noch nicht fliegen. Das Brennen gilt aber als Metapher nach wie vor. Unsere Gebäude brennen! Nicht wirklich, aber emotional.

STANDARD: Früher haben Sie gegen das Establishment angekämpft und provoziert, heute bauen Sie für das Kapital. Wird man mit der Zeit angepasster?

Prix: Nein. Das radikale Realisieren unserer radikalen Ideen war immer schon mein Ziel. Jetzt haben wir die Gelegenheit, unsere Ideen zu bauen. Aus diesem Grund liebe ich auch Grundsteinlegungen: In diesem Moment werden abstrakte Gedanken zur Realität.

STANDARD: Einer Ihrer jüngsten Wettbewerbssiege ist das Parlament in Tirana, Albanien. Wird das Projekt noch realisiert?

Prix: Ich habe im Jänner einen Termin mit dem Ministerpräsidenten. Ich denke, dass wir noch ein bisschen Geduld haben müssen, bis die Wahlen im Sommer vorbei sind. Ich bin optimistisch.

STANDARD: Viele Jahrzehnte hatten Sie nur geplant und nie gebaut. Hatten Sie je Existenzängste?

Prix: Noch nie.

STANDARD: Sie sind jetzt 70. Wie geht es weiter?

Prix: In den kommenden Jahren werden große Projekte fertig. Im März eröffnet das Kongresszentrum in Dalian, 2014 stellen wir die Europäische Zentralbank in Frankfurt fertig, in Bau befinden sich außerdem das Musikhaus in Aalborg und das Musée des Confluences in Lyon. Weitere Projekte werden folgen. Ich freue mich über die 70 Jahre meines Lebens und dass es mir mit meinen Freunden gelungen ist, die Grenzen der Architektur zu erweitern. Ich denke nicht daran aufzuhören. Ich werde weiterplanen und weiterbauen.   (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 13.12.2012)

Wolf Prix ist Chef des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au. Von 1993 bis 2011 war er Professor an der Universität für angewandte Kunst in Wien. 2014 soll der Bürodoppelturm der EZB in Frankfurt fertiggestellt sein. Die Ausstellung "7+" ist bis 24. Jänner 2013 zu sehen.

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    Wolf Prix realisiert derzeit den Bürodoppelturm der EZB in Frankfurt.

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