Großer Wissensdurst bleibt ungestillt

Die Finanzindustrie fordert mehr Finanz-Bildung. Wie aber stehen Schüler zu dieser Forderung? Der Standard hat sich umgehört

Julia ist 15 Jahre alt und besucht in Wien die zweite Klasse der Oberstufe eines Bundesrealgymnasiums. Das Thema Geld ist im Unterricht bisher in keinem Fach vorgekommen. Wie man mit dem Taschengeld ein Auslangen findet, auf Wünsche spart, Schulden vermeidet und vor allem in Schuldenfallen nicht hineintappt, wird in Julias Unterricht nicht wirklich thematisiert.

Was eine Aktie ist und eine Anleihe, davon hat Julia schon einmal was gehört. "Aber nur kurz und nur eine Stunde", sagt sie zum Standard. Aktuelle politische oder wirtschaftliche Themen, etwa die Troubles in Griechenland, werden im Unterricht auch eher ausgespart. Und das, obwohl Julia davon eigentlich gerne mehr wissen möchte.

Ganz unterschiedliche Meinungen gibt es bei Schülern einer Kooperativen Mittelschule aus Wien. Johannes, ebenfalls 15 Jahre alt, sagt, dass er ein eigenes Wirtschaftsfach gut finden würde. Denn die Themen Geld und Aktien findet er schon interessant. Der Umgang mit Geld kommt auch in seiner Schule in keinem Fach als eigene Thematik vor.

Geografie und Geschichte

Das meiste, was er über Wirtschaft und Politik bisher gelernt hat, war eingeflochten in den Unterrichtsgegenstand Geschichte. Dort hat er auch schon ein wenig über Aktien und Anleihen gehört und darüber, warum Unternehmen solche Instrumente auf den Markt bringen. Groß behandelt würden diese Themen aber nicht. Darüber mehr zu erfahren wäre aber nicht schlecht, meint er.

Stana ist 13 Jahre alt und auch sie hat zum Thema Auskommen mit dem Taschengeld in der Schule noch nichts gehört. Wie man richtig spart und ob sich Ratenkäufe lohnen, ist nicht Teil ihres Unterrichts.

Politische und wirtschaftliche Zusammenhänge kommen in dem Lehrplan ihrer Schule hauptsächlich in Geschichte vor. Da wird mit dem Lehrer auch richtig diskutiert und "wir können Fragen stellen", sagt Stana.

Die Bereiche Aktien und Kapitalmarkt wurden bisher im Fach Geografie und Wirtschaftskunde gestreift. Viel wissen Stana und ihre Schulkollegen darüber aber noch nicht.

Ein eigenes Fach für diese Themengebiete fände Stana toll, "weil ich später auch einmal Wirtschaft studieren will". Ihr Ziel ist es, Managerin zu werden.

Ihre Mitschüler stimmen der Idee mit dem eigenen Fach nicht einstimmig zu. Manchen würde es reichen, wenn diese Themen in vorhandene Fächer eingebaut würden, andere finden ein eigenen Faches besser.

Die Wirtschaftskrise findet der 14-jährige Philipp im Moment sehr interessant. Er weiß, dass rund 70 Prozent der Griechen keine Steuern gezahlt haben und daher das Land nichts beiseitegelegt hat und daher die finanzielle Not jetzt groß ist. Mehr über diese Bereiche zu erfahren würde auch ihm gefallen.

Zwiespalt

Ob die Themen Finanz und Wirtschaft in der Schule ausreichend behandelt werden, hat auch die Erste Bank in einer Umfrage erhoben. Demnach finden 20 Prozent der Befragten, dass das aktuelle Angebot überhaupt nicht ausreicht, und 34 Prozent finden, dass die Bereiche meist nicht ausreichend vorkommen. 32 Prozent können das nicht recht einordnen und sagen "teils, teils".

Nur zwölf Prozent der im August befragten Österreicher geben an, dass sie glauben, dass das, was Kinder und Jugendliche heute in der Schule zu diesen Themen lernen, "meist ausreicht". Zwei Prozent sind überzeugt, dass der Lehrstoff aktuell völlig ausreicht.

Jene Gruppe, die sich bei "teils, teils" wiederfindet, ist in Tirol mit einem Anteil von 46 Prozent am größten. Ober- und Niederösterreich liegen in der Kategorie "reicht meist nicht aus" mit jeweils 39 Prozent gleichauf. In Wien finden sich mit 29 Prozent die meisten Befragten, die glauben, dass das Lehrangebot überhaupt nicht ausreicht. Vorarlberg übernimmt in den Kategorien "reicht meistens aus" (20 Prozent) und " Lehrstoff reicht völlig aus" (acht Prozent) die Bundesländer-Führung.

Die Meinungen zu diesem Thema gehen auch bei Lehrern auseinander, wie in einem früheren Serien-Teil berichtet wurde. Auch innerhalb einer Kollegenschaft wird laufend darüber diskutiert, ob der Bereich Wirtschaft ausreichend, zu wenig oder bereits zu viel im Unterricht vorkommt. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 13.12.2012)

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