Der stille Kerker Frankreichs

Ratten, Kakerlaken, Müll - und kein Geld: Les Baumettes in Marseille gilt als das berüchtigste Gefängnis Frankreichs

August 2010. Eintrag in forum-prison.fr. Ac-GM: "Mein Verlobter ist in Les Baumettes. Wer kann mir etwas zu den Haftbedingungen sagen? Mich interessiert vor allem, was sich in Gebäude C abspielt. Was ist wahr an den Gerüchten?"

Martine 38: "(...) Willst du es wirklich hören? In den Zellen tummeln sich Kakerlaken und Ratten so groß wie Katzen. Das Gefängnis ist dermaßen überfüllt, es kommt täglich zu Prügeleien (...)."

Nathalie: "Es ist sehr, sehr schmutzig. Die Bettwäsche wird nur alle zwei Monate gewechselt. Es gibt Flöhe. Die Leute wollen sich gegenseitig umbringen. Mein Sohn sagt, er würde sich am liebsten aufhängen."

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"Wir können den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft nur daran messen, indem wir ihre Gefängnisse besuchen", sagte schon der französische Schriftsteller Albert Camus Mitte des vorigen Jahrhunderts. Doch zurück zur Gegenwart. Strafanstalt Les Baumettes, genauer gesagt le centre pénitentiaire de Marseille. Es wimmelt von Ratten, lebenden und toten, am Boden türmen sich Abfälle, Fensterscheiben sind gebrochen, es gibt so gut wie kein Fließendwasser und die Häftlinge sind gezwungen, Wasser aus den Toiletten zu trinken. Das Gefängnis im Süden Frankreichs gilt als das Horrorgefängnis schlechthin. Erbaut wurde es in den Jahren 1933 bis 1939. In dieser Zeit lagen die vier Gebäude noch außerhalb der Stadt. Hamida Djandoubi wurde im September 1977 wegen Mordes an seiner Freundin hier durch die Guillotine hingerichtet. Es war die letzte Exekution in Frankreich. Danach wurde die Todesstrafe abgeschafft.

Geblieben ist ein maroder Gebäudekomplex ausgerichtet für 1.190 Insassen. Drei Trakte sind ausschließlich für Männer reserviert. Im vierten Trakt sind erwachsene gemeinsam mit minderjährigen Frauen zusammengesperrt. Als Álvaro Gil-Robles, ehemaliger Kommissar für Menschenrechte beim Europarat, das Gefängnis im Jahr 2005 besuchte, war er nach eigenen Angaben von den unhygienischen Bedingungen "geschockt". Seit einer Woche nun liegt ein neuer Bericht vor, La Libération veröffentlichte wie einige andere französische Tageszeitungen die Bilder. Fazit: Die Zustände haben sich nicht nur nicht geändert, sie haben sich verschlimmert.

Drastische Kürzung des Budgets

Jean-Marie Delarue, Generalprüfer für Einrichtungen des Freiheitsentzugs, konstatierte, die Zustände in Les Baumettes würden einen "schweren Verstoß gegen die Menschenrechte" darstellen. Von den 98 untersuchten Zellen waren nur neun ohne gravierende Mängel. "Im Großteil der Einrichtung herrschen gesundheitsschädliche Zustände", heißt es in dem Bericht. Dabei handle es sich nicht nur um Konstruktionsfehler aus der Vergangenheit. Es fehle an Geld. Heute und viele Jahre zuvor. Zuletzt wurde das Budget für 2012 um 7,2 Prozent gekürzt. Unter anderem funktionierten die Lastenaufzüge zur Müllentsorgung nicht mehr, die Duschen seien verstopft bis unbrauchbar, Elektrokabel hingen ungesichert aus den Wänden, WCs seien zum Teil nicht fixiert, in Zellen regne es hinein. Die Nachtwächter benutzten wegen der fehlenden Glühbirnen ihre persönlichen Taschenlampen. Im Vergleich zum Vorjahr wurden die finanziellen Mittel für "Hygiene und Sauberkeit der Häftlinge" von 72.323 Euro auf 30.000 Euro (-58 Prozent), die für "Ausstattung und Arbeiten" von 284.611 Euro auf 180.000 Euro (-36,7 Prozent) gekürzt.

Bei der Kontrolle Anfang Oktober sitzen in Les Baumettes 1.769 Häftlinge ein. Das heißt, das Gefängnis ist zu 145,80 Prozent belegt. Manche schlafen auf dem Boden, viele würden aus Angst ihre Zellen nicht mehr verlassen und ihre Notdurft am Boden verrichten, sich in der Zelle übergeben. Die Gewalt-Statistik spricht eine deutliche Sprache: 2012 wurden offiziell 14 Mehrfachquetschungen registriert, acht tiefe Wunden, sieben Knochenbrüche, drei Schädel-Hirn-Traumata und eine Vergewaltigung.

Elsner in Les Baumettes

Am 14. September 2006 wurde der ehemalige Bawag-Chef Helmut Elsner aufgrund des internationalen Haftbefehls der Staatsanwaltschaft Wien in das Les-Baumettes-Gefängnis gebracht. "Mein Mann hat in 'Les Baumettes' nur eine Nacht in einer Einzelzelle der Spitalsabteilung verbracht. In den Morgenstunden hatte er Herzprobleme, es wurde der Arzt gerufen, der meinen Mann sofort für haftunfähig erklärte und veranlasst hat, dass er in die Herzabteilung der Universitätsklinik 'La Timone' transferiert wird", so Ruth Elsner auf Anfrage von derStandard.at.

Lionel Febbraro, Anwalt und Korrespondent von L'Observatoire international des prisons: "Die Situation in Les Baumettes bleibt empörend. Das Essen - offensichtlich ungenießbar - das die Gefangenen aus den Fenstern werfen, zieht die Ratten an. (...) In regelmäßigen Abständen gibt es Selbstmorde."

Das Gefängnis schließen? Für Frankreichs Justizministerin Christine Taubira ist das keine Lösung. Denn auch die anderen Haftanstalten der Region sind überbelegt (im Schnitt 136 Personen auf 100 Plätze), mehr als der Hälfte fehlten selbst die finanziellen Mittel, um Möbel zu kaufen. Zwar gibt es Pläne, Les Baumettes zu renovieren, doch die Umsetzung dauert. Laut jüngsten Angaben will man erst im Jahr 2017 damit beginnen.

Ein schwacher Trost für die meisten Häftlinge in Marseille: 80 Prozent büßen eine Haftstrafe von weniger als einem Jahr ab.

Martine 38: "Mein Sohn ist bereits 85 Tage dort. Er verlässt seine Zelle nur einmal am Tag, um Problemen aus dem Weg zu gehen." Insgesamt bekam er zwölf Monate, davon acht unbedingt. Bei einem Fußballspiel hatte er eine Dose auf den Schutzschild eines Polizisten geworfen. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 14.12.2012)

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