Der stille Kerker Frankreichs

Sigrid Schamall
14. Dezember 2012, 05:30

Ratten, Kakerlaken, Müll - und kein Geld: Les Baumettes in Marseille gilt als das berüchtigste Gefängnis Frankreichs

August 2010. Eintrag in forum-prison.fr. Ac-GM: "Mein Verlobter ist in Les Baumettes. Wer kann mir etwas zu den Haftbedingungen sagen? Mich interessiert vor allem, was sich in Gebäude C abspielt. Was ist wahr an den Gerüchten?"

Martine 38: "(...) Willst du es wirklich hören? In den Zellen tummeln sich Kakerlaken und Ratten so groß wie Katzen. Das Gefängnis ist dermaßen überfüllt, es kommt täglich zu Prügeleien (...)."

Nathalie: "Es ist sehr, sehr schmutzig. Die Bettwäsche wird nur alle zwei Monate gewechselt. Es gibt Flöhe. Die Leute wollen sich gegenseitig umbringen. Mein Sohn sagt, er würde sich am liebsten aufhängen."

***

"Wir können den Zivilisationsgrad einer Gesellschaft nur daran messen, indem wir ihre Gefängnisse besuchen", sagte schon der französische Schriftsteller Albert Camus Mitte des vorigen Jahrhunderts. Doch zurück zur Gegenwart. Strafanstalt Les Baumettes, genauer gesagt le centre pénitentiaire de Marseille. Es wimmelt von Ratten, lebenden und toten, am Boden türmen sich Abfälle, Fensterscheiben sind gebrochen, es gibt so gut wie kein Fließendwasser und die Häftlinge sind gezwungen, Wasser aus den Toiletten zu trinken. Das Gefängnis im Süden Frankreichs gilt als das Horrorgefängnis schlechthin. Erbaut wurde es in den Jahren 1933 bis 1939. In dieser Zeit lagen die vier Gebäude noch außerhalb der Stadt. Hamida Djandoubi wurde im September 1977 wegen Mordes an seiner Freundin hier durch die Guillotine hingerichtet. Es war die letzte Exekution in Frankreich. Danach wurde die Todesstrafe abgeschafft.

Geblieben ist ein maroder Gebäudekomplex ausgerichtet für 1.190 Insassen. Drei Trakte sind ausschließlich für Männer reserviert. Im vierten Trakt sind erwachsene gemeinsam mit minderjährigen Frauen zusammengesperrt. Als Álvaro Gil-Robles, ehemaliger Kommissar für Menschenrechte beim Europarat, das Gefängnis im Jahr 2005 besuchte, war er nach eigenen Angaben von den unhygienischen Bedingungen "geschockt". Seit einer Woche nun liegt ein neuer Bericht vor, La Libération veröffentlichte wie einige andere französische Tageszeitungen die Bilder. Fazit: Die Zustände haben sich nicht nur nicht geändert, sie haben sich verschlimmert.

Drastische Kürzung des Budgets

Jean-Marie Delarue, Generalprüfer für Einrichtungen des Freiheitsentzugs, konstatierte, die Zustände in Les Baumettes würden einen "schweren Verstoß gegen die Menschenrechte" darstellen. Von den 98 untersuchten Zellen waren nur neun ohne gravierende Mängel. "Im Großteil der Einrichtung herrschen gesundheitsschädliche Zustände", heißt es in dem Bericht. Dabei handle es sich nicht nur um Konstruktionsfehler aus der Vergangenheit. Es fehle an Geld. Heute und viele Jahre zuvor. Zuletzt wurde das Budget für 2012 um 7,2 Prozent gekürzt. Unter anderem funktionierten die Lastenaufzüge zur Müllentsorgung nicht mehr, die Duschen seien verstopft bis unbrauchbar, Elektrokabel hingen ungesichert aus den Wänden, WCs seien zum Teil nicht fixiert, in Zellen regne es hinein. Die Nachtwächter benutzten wegen der fehlenden Glühbirnen ihre persönlichen Taschenlampen. Im Vergleich zum Vorjahr wurden die finanziellen Mittel für "Hygiene und Sauberkeit der Häftlinge" von 72.323 Euro auf 30.000 Euro (-58 Prozent), die für "Ausstattung und Arbeiten" von 284.611 Euro auf 180.000 Euro (-36,7 Prozent) gekürzt.

Bei der Kontrolle Anfang Oktober sitzen in Les Baumettes 1.769 Häftlinge ein. Das heißt, das Gefängnis ist zu 145,80 Prozent belegt. Manche schlafen auf dem Boden, viele würden aus Angst ihre Zellen nicht mehr verlassen und ihre Notdurft am Boden verrichten, sich in der Zelle übergeben. Die Gewalt-Statistik spricht eine deutliche Sprache: 2012 wurden offiziell 14 Mehrfachquetschungen registriert, acht tiefe Wunden, sieben Knochenbrüche, drei Schädel-Hirn-Traumata und eine Vergewaltigung.

Elsner in Les Baumettes

Am 14. September 2006 wurde der ehemalige Bawag-Chef Helmut Elsner aufgrund des internationalen Haftbefehls der Staatsanwaltschaft Wien in das Les-Baumettes-Gefängnis gebracht. "Mein Mann hat in 'Les Baumettes' nur eine Nacht in einer Einzelzelle der Spitalsabteilung verbracht. In den Morgenstunden hatte er Herzprobleme, es wurde der Arzt gerufen, der meinen Mann sofort für haftunfähig erklärte und veranlasst hat, dass er in die Herzabteilung der Universitätsklinik 'La Timone' transferiert wird", so Ruth Elsner auf Anfrage von derStandard.at.

Lionel Febbraro, Anwalt und Korrespondent von L'Observatoire international des prisons: "Die Situation in Les Baumettes bleibt empörend. Das Essen - offensichtlich ungenießbar - das die Gefangenen aus den Fenstern werfen, zieht die Ratten an. (...) In regelmäßigen Abständen gibt es Selbstmorde."

Das Gefängnis schließen? Für Frankreichs Justizministerin Christine Taubira ist das keine Lösung. Denn auch die anderen Haftanstalten der Region sind überbelegt (im Schnitt 136 Personen auf 100 Plätze), mehr als der Hälfte fehlten selbst die finanziellen Mittel, um Möbel zu kaufen. Zwar gibt es Pläne, Les Baumettes zu renovieren, doch die Umsetzung dauert. Laut jüngsten Angaben will man erst im Jahr 2017 damit beginnen.

Ein schwacher Trost für die meisten Häftlinge in Marseille: 80 Prozent büßen eine Haftstrafe von weniger als einem Jahr ab.

Martine 38: "Mein Sohn ist bereits 85 Tage dort. Er verlässt seine Zelle nur einmal am Tag, um Problemen aus dem Weg zu gehen." Insgesamt bekam er zwölf Monate, davon acht unbedingt. Bei einem Fußballspiel hatte er eine Dose auf den Schutzschild eines Polizisten geworfen. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 14.12.2012)

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Ich tue mir sehr sehr schwer für Sträflinge Mitleid aufzubringen!

Berichtet einmal über 1000 Opfer dieser armen Insassen!

Warten Sie doch mal ab, vielleicht kommen Sie ja auch mal unschuldig in ein Horror-Häfn. Dann will ich Ihre Berichte über Ihre 1000 Opfer lesen.

Es sitzen also nur Unschuldige?

Ich bin dann überhaupt dafür, niemanden mehr zu verurteilen - Ihrer ytheorie folgend!

Na ja, wenn die Schuld tatsächlich bewiesen ist und nicht bloß vom Gericht geglaubt oder angenommen wird, spricht nichts gegen eine Verurteilung, oder?

"Bei einem Fußballspiel hatte er eine Dose auf den Schutzschild eines Polizisten geworfen."

Und dafür 1 Jahr bekommen? Wers glaubt..

geworfen hat er auf den polizisten, der konnte sich mit dem schild schützen, sonst wär er vielleicht schwer verletzt oder tot. aber das hätte nicht zur tendenz der geschichte gepasst.

Man kann nicht alle Probleme von heute auf morgen beheben, aber vieles wäre einfach machbar:
Ordnung und Disziplin Schaffen und einen aus Häftlingen bestehenden Reinigungsdienst und eine Wäscherei aufmachen (kostet nichts).
Zuerst müssen einmal die gröbsten Missstände behoben werden. Nehmen wir das Dach -> Schnelles und günstiges Abdichten eines Daches: Teeren
Andere Missstände wie Abdichten von Leitungen, Putzen von verstopften Rohren, anschrauben von WCs - all das können auch ein paar handwerklich geschickte Häftlinge machen. Dann wäre eine da noch eine Häftlingsküche zu gründen.

Natürlich gehört das Gebäude generalsaniert, aber das kostet Zeit und viel Geld. - Die gröbsten Misstände könnte man aber dem notwendigen Willen beheben.

verstehe die Aufregung nur zum Teil

In Ö arbeiten die Häftlinge und produzieren Waren. Nicht alle, aber viele.
Soweit ich informiert bin, sind Häftlinge für ihr »Zuhause« verantwortlich, sprich Putzdienst, etc.

--> allein die Duschen: jeden Tag ein Putzdienst und dann wären die Duschen sauber. Ebenso für den Gang. Weiters einmal die Woche Bettwäsche wechseln und waschen - kann alles intern durch die Häftlinge geregelt werden. Es braucht bloß ein System. Weiters wäre das auch der erste Schritt für viele zur Resozialisierung, nämlich in einem Team zu denken und zu arbeiten, anstatt in der Zelle zu hocken und in die Ecke zu schei....
Dass es kein Dach gibt bzw. reinregnet ist wiederum ein Zustand, der nicht zumutbar ist - selbst für Gefangene nicht. Grenzt eher an Folter.

Les Baumettes : Vilimskys Feuchttraum für Österreichs Häfen

Warum

erscheint das in den Wirtschaftsnachrichten?

2.-) Was kann jemand in Ö verändern - Nichts

Oder sollten wird französische Produkte nicht mehr kaufen?
die Schüler_inne nicht mehr nach Frankreich schicken - keinen Schüler_innen Austausch mit Frankreich machen.

Ach ja und die Standard Redakteur_innen sollten sich keinesfalls - weil sie ja so pc sind - -+in Designermode aus den Häusern Chanel und Hermes etc. abbilden lassen.
Wenn schon- denn schon

Das wäre doch das richtige Gefängnis für...

... Grasser, Strasser, Scheuch und Co...

stay out of jail

...anständig leben, dann musst dort nicht hin. einfach eigentlich.

genau, weil im Gefängnis sitzen ja immer nur die Leute die was verbrochen haben :)

</ironie off>

wake up!

zu 99 prozent sicher!

es rennen zviel leut frei rum die eigentl da rein gehören!
wake "you" up!

und ich will gar nicht wissen warum sie der spezialist für solche fragen sind...

Ganz klar,

wenn Sie die Insassen fragen, sind diese natürlich Alle Opfer von Justizirrtümern.

Eine Umfrage unter Häftlingen hat ergeben,

dass beinahe alle unschuldig sind.

Bin ja bei Gott keiner der meint Strafgefangene brauchen ein Penthouse,

aber die EMRK gilt auch für Strafgefangene liebe französische Politiker / Beamte.
Aber wennst als Strafgefangener gegen die Bedingungen vorgehst, wirst du´s auch nicht lustig haben.

zustimmung!

So sieht also ein richtiges Gefängnis aus! Nicht wieder Korneuburger Luxustempel!

Ich bin wirklich gegen die Luxusbehandlung, die Häftlinge hierzulande erfahren. Wie kann ein Häftling 3000 € im Monat kosten, während meine Mama gerade mal 1000 € Pension bekommt, trotz lebenslangen Arbeitens und der Geburt von 4 Kindern??? Das verstehe ich einfach nicht. Das Geld wird für die falschen Sachen bzw. Personen ausgegeben.

Nichtsdestotrotz sind die im Artikel beschriebenen Zustände völlig untragbar. Es muss doch wohl einen Mittelweg geben.

woher haben sie denn diese zahlen? darf ich raten? aus der spatzenpost aus dem neunzehnten?

aus der Zeitung, Sie Schlaumeier(in).

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