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Wien - Es ist ein bis jetzt nur wenig erforschtes Gebiet, in der Geschichtswissenschaft findet es erst seit etwa einem Jahrzehnt Beachtung: Das Schicksal von Kindern im, vor allem aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie wurden als Zwangsarbeiter verschleppt, als Kinder von Zwangsarbeiten auf fremdem Territorium geboren, aufgrund ihrer jüdischen Religion in christlichen Familien versteckt oder kamen als "Kriegsfolge" in den Besatzungszonen kurz nach Kriegsende zur Welt. Eine Konferenz in Wien widmet sich von 13. bis 15. Dezember unter dem Titel "War Children in the Post-war" ihren Geschichten.
Heiß umkämpft waren nach Kriegsende Kinder, die nicht in ihren Heimatländern lebten - insbesondere diejenigen, die verschleppt worden waren. Diese "displaced persons" sollten in den aufkommenden Nationalisierungskampagnen zurück in ihre Heimat gebracht werden. Dort sollten sie als "Rückgrat der Nation" für den Wiederaufbau verantwortlich sein, erklärte Maren Röger vom Deutschen Historischen Institut in Warschau, eine der Organisatorinnen der Konferenz.
Dabei sei häufig nicht auf das Kindeswohl geachtet worden, so Röger. Beispielsweise seien zwangsgermanisierte polnische Kinder aus deutschen Familien wieder zurück nach Polen geholt worden. "Sie wurden aufgespürt und zurückgeholt, auch wenn in Polen keine Familie, sondern das Kinderheim wartete", erzählte Röger.
"Das war der Versuch, den 'großen Blutverlust' des Krieges auszugleichen", meinte Röger. Daher sei es allen europäischen Staaten besonders wichtig gewesen, die Kinder nicht nur zurückzuholen, sondern auch "ideologisch richtig" zu erziehen. Im Sozialismus sollte diese Erziehung klassisch über die Einbeziehung in Jugendorganisationen stattfinden, in Westeuropa startete eine europäische Jugendkampagne mit Ausbildungsreihen und Jugendkonferenzen. Hier sollten die Kinder nicht nur ihr Heimatland verstärken und demografische Lücken füllen, sondern als Stütze eines friedlichen Europas fungieren.
Die Ausgangsfrage der Konferenz ist jene nach dem Schicksal von Kriegskindern in der Nachkriegszeit - die Definition, die die Organisatorinnen Machteld Venken und Maren Röger dabei für "Kriegskinder" gewählt haben, ist eine bewusst breite: Forschungsgegenstand sind alle Kinder, die den Krieg selbst erlebt haben oder eine Folge des Krieges sind, die sogenannten "Besatzungskinder". Dabei gehe es vor allem auch um den Vergleich zwischen west- und osteuropäischen Schicksalen. Hier gebe es zwar viele Parallelen, aber auch einige Unterschiede. Röger selbst, die sich der Geschichte von deutschen Besatzungskindern in Polen widmet, spricht von einem "anderen Selbstverständnis". "In Polen hat man lange nicht darüber geredet, teils bis heute nicht. Diese Kinder sahen sich auch nicht als Opfer, das ist ein völlig anderer Diskurs", so Röger.
Viele der rund 20 Referenten der Konferenz, die unter anderem aus den USA, Deutschland und Österreich kommen, arbeiten mit Interviews von Zeitzeugen. "Das ist sicher auch der letzte Versuch, diese Stimmen zu retten und für die Forschung aufzubereiten", erklärte Röger. Das gilt auch für jüdische Kinder, die in Konzentrationslagern oder versteckt überlebt haben - hier entwickelte man zum Teil erst spät Konzepte, wie mit diesen Kindern und ihren Traumatisierungen umgegangen werden sollte. "Viele Kinder - seien es jüdische Kinder in christlichen Familien oder Besatzungskinder - haben auch erst spät von ihren eigentlichen Wurzeln erfahren. Das ist dann natürlich ein schmerzhafter Prozess", erklärte Röger. (APA/red, derStandard.at, 12. 12. 2012)
"War Children in the Post-war: A West-East perspective on child policies, child experiences and war childhood remembrance cultures in Europe since 1945", 13. bis 15. Dezember, Polnische Akademie der Wissenschaften, Boerhaavegasse 25, 1030 Wien
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