Andreas Schnauder: Salzburger Verluste können Nominale von 1,7 Milliarden übersteigen

Chat13. Dezember 2012, 11:28
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Der Wirtschafts-Ressortleiter von DER STANDARD zur Spekulationsaffäre

ModeratorIn: derStandard.at begrüßt den Wirtschaftsressortleiter von DER STANDARD, Andreas Schnauder, im Chat zum Salzburger Finanzskandal. Wir bitten um Fragen.

Andreas Schnauder: Guten morgen, let's swap

UserInnenfrage per Mail: seit 15.oktober wurden 253 derivatgeschäfte auf null gestellt, ohne schaden für das land salzburg. wie glaubwürdig ist diese behauptung?

Andreas Schnauder: schwer zu sagen, weil die Antworten der Regierung bisher auch alles andere als fundiert waren. ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass das ohne Verluste geht, wenn panikartig derartige Volumina aufgelöst werden. aber eigentlich will ich nicht spekulieren

meryn: Halten Sie es für realistisch, dass wirklich weder Brenner, Paul noch Burgstaller etwas von den Finanzgeschäften wussten?

Andreas Schnauder: nein. Nach meinen Informationen wusste Paulus nahezu alles, Brenner das meiste. Burgstaller weiß ich nicht. Die Banken haben spätestens 2009 eindringlich vor dem Verlustpotenzial gewarnt.

meryn: Für wie glaubwürdig halten Sie es, dass die Finanzbeamtin sich selbst als "unschuldig" bezeichnet?

Andreas Schnauder: Ich möchte der Staatsanwaltschaft nicht vorgreifen.

meryn: Können die Verluste noch höher als 340 Millionen Euro werden? Wenn ja, kann man irgendwas dagegen machen?

Andreas Schnauder: Die Verluste können sogar das Nominale von 1,7 Milliarden übersteigen. Wenn es stimmt, dass der verbliebene Wert des Portfolios 140 Millionen Euro beträgt, sollte man das glattstellen und einen Teil der Verluste somit ausgleichn.

meryn: Wer hat aus Ihrer Sicht die politische Verantwortung für das Finanzdebakel?

Andreas Schnauder: Die liegt zuerst einmal bei Brenner, in dessen Ressort die mutmaßlichen Malversationen erfolgt sind. Indem Burgstaller an Brenner festhält, macht sich auch Burgstaller angreifbar. Die ÖVP, in deren Ägide die Spekulationen begonnen haben, würde ich nicht aus der Verantwortung nehmen.

UserInnenfrage per Mail: welche geschäfte wurden denn genau getätigt? bitte um möglichst genaue erklärung der einzelnen derivate. und wenn das land 340 mio verlust gemacht hat, wer hat dann den gewinn gemacht? doch sicher nicht herr brenner und seine finanzbeamtin.

Andreas Schnauder: Sehr umfassende: Die harmloseren Kontrakte sind Zinstauschverträge. Toxischer sind schon jene Währungsswaps, bei denen man auf die Zinsdifferenz in verschiedenen Ländern setzt. Ein Beispiel (von vielen): Salzburg hatte Derivate, die einen (günstigen) Kredit in Schweizer Franken und Veranlagungen in britischem Pfund (hohe Zinsen) abbildeten. Ähnlich lief das mit Euro-südafrikanischer Rand, Euro-türkische Lira, Euro-isländische Krone... Beim Gewinn dürfen Sie raten: Wer gewinnt immer?

Alarian: Bei allen Vorschriften, denen Banken und Versicherungen heutzutage unterliegen, wie wahrscheinlich ist es, dass beim Reporting über Jahre hinweg, und bei solchen Verlusten bzw. anstehenden Verlusten, nur diese eine Mitarbeiterin informiert wurde und

Andreas Schnauder: Zweischneidige Antwort: Die Banken haben einerseits darauf gedrängt, dass eine Person eine Sub-Vollmacht erhält, damit man möglichst ungestört traden kann. Andererseits haben insbesondere die Hypo Salzburg, aber auch das ein oder andere Institut, Paulus und Brenner informiert als es zu heiß wurde.

f18f9f7c-2d2c-4b29-86e4-83cd15625c8e: Können Sie Bitte erklären worum es bei diesen Geschäften genau geht und was macht diese so riskant ?

Andreas Schnauder: Die Produkte kosten nichts, sie führen nur zu späteren Zahlungsflüssen. Da kann man einmal profitieren, dann wieder verlieren. Das fällt alles nicht sonderlich ins Gewicht. Aber: Hinter diesen strukturierten Produkten steckt eine Vielzahl von Einzelkontrakten. Zins-, Währungs- und andere Optionen. Sie haben eine Hebelwirkung: Ich kann mit 10.000 Euro Einsatz Millionen in Bewegung setzen. Wenn die Märkte verrückt spielen (wie seit vier Jahren), kann das Risiko explodieren - siehe Bawag-Swap in Linz.

Alarian: Wie ist es überhaupt möglich, dass 253 Derivatgeschäfte, ohne Meldung, über die Bühne gehen konnten?

Andreas Schnauder: Gute Frage.

ModeratorIn: Userfrage per E-Mail: Wie schaut es in den anderen Bundesländern aus? Welche sind am ärgsten von Spekulationsverlusten betroffen?

Andreas Schnauder: Die größte Black Box ist Niederösterreich. Hier ist aus dem letzten Rechnungsfhofbericht ein Derivatevolumen von zwei Milliarden bekannt. Das Land hat sich in Euro verschuldet, und zu einem Drittel in fremde Währung geswapt. Ich gehe davon aus, dass es sich um Schweizer Franken handelt und das Land schwer unter Wasser ist. Es gibt aber keine Infos dazu. Dann ist noch das Burgenland bekannt. Und natürlich die Gemeinden (neben Linz St. Pölten, Bruck an der Leitha, Hartberg uvm), die hat es ganz arg erwischt. Wien hat einen Schweizer Franken-Kredit über knapp 1,7 Mrd. Euro, was natürlich auch eher ungünstig ist, aber offenbar keine Derivate.

Der Schurke mit der Gurke: Ist es für mich als Salzburger möglich, zivilrechtlich gegen die Landesregierung vorzugehen?

Andreas Schnauder: Gute Idee, aber mir fällt keine rechtliche Grundlage dafür ein, ich bin aber auch kein Jurist.

Mara Tetto: Wenn ich richtig informiert bin, sind Hochrisikogeschäfte für Länder oder Gemeinden bisher nicht verboten. Haben die jetzt bekanntgewordenen Vorgänge denn überhaupt eine strafrechtliche Relevanzß

Andreas Schnauder: Denkbar wären Untreue und Amtsmissbrauch. Es gibt natürlich schon das Prinzip der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit in der Verwaltung.

danieln: Wäre es (auch in anderen Bundesländern oder im Bund) für eine Finanzabteilung machbar solche Spekulationen vor den verschiedenen Rechnungshöfen und der legislativen Kontrolle zu verheimlichen?

Andreas Schnauder: Ich denke, kriminelle Energie kann man nie ganz vom Netz nehmen. Wobei ich ausdrücklich dazusagen möchte, dass ich meine Zweifel an der Salzburger Variante habe, wonach eine Frau das alles verbockt haben soll. Und zumindest bei den Prüfungen hätte das auffliegen sollen. Da fragt man sich schon, was die Rechnungshöfe, Berater und Prüfer anschauen.

danieln: Gibt es andere (halb)öffentliche Einrichtungen bei denen ebenfalls mit solchen Geschäften spekuliert wird? (asfinag,Öbb, Sozialversicherung, Wirtschaftskammer, Landesenergieholdings, ...) #

Andreas Schnauder: Die ÖBB ist ja mit ihren CDOs bei der Deutschen Bank ziemlich auf die Nase gefallen. Da ging es auch um einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag, man hat sich dann verglichen .... Bekannt ist auch der Fall der Vorarlberger Sozialversicherung. Auch die Wiener Stadthalle ist betroffen.

Alarian: Von Brancheninsidern hört man in letzter Zeit öfter, dass aus halb Europa die "Experten" eingeflogen kamen, da es in Salzburg etwas zu holen gab. Wie ist es möglich, dass so etwas der Öffentlichkeit "verborgen" bleibt? Oder wollte man das einfach ni

Andreas Schnauder: Das ist richtig, zuletzt wurde mit 16 Banken - darunter Goldman Sachs, Societee Generele, RBS .... - geschäftlich verkehrt. Dass Salzburg ein dicker Fisch ist, war in Frankfurt und London Stadtgespräch. Warum das verborgen blieb? Völlige Intransparenz, Vertuschung, Unfähigkeit - oder eine Mischung aus alledem.

Pintinho: Kann mir nicht vorstellen, dass der Kanzler+Finanzminister nicht schon längst gewusst haben, dass Länder/Gemeinden gezockt und verzockt haben. Wie sehen Sie das?

Andreas Schnauder: Viele der Fälle sind ja seit Jahren bekannt. Jetzt herrscht auf einmal großer Aktionismus ("Troika-Mizzi")

yomo: Sie schreiben vorhin: Ihren infos nacht wusste paulus nahezu alles, brenner das meiste. sind das exkulsive infos oder wurde in der szene der wirtschaftsjournalisten etc. schon seit geraumer zeit gemunkelt, dass hier etwas im argen liegt?

Andreas Schnauder: Ich kann jetzt nur von mir sprechen. Ich habe im Juni gehört, dass in Salzburg eine Bombe platzen soll. Vom Land gab es nur Dementis. Erst nach dem ersten Bericht meldeten sich Banker, die neue Details hatten. Das Land dementierte weiter ....

Beagleboy: Wenn man sich das Protokoll der Budgetberatungen vom 28. November 2012 durchliest kommen einem die Statements von Frau Burgstaller und Herrn Brenner wie der blanke Hohn vor. Warum treten die nicht zurück? Mit dieser Hypothek (pun intended) werden si

Andreas Schnauder: Mir ist das Kalkül völlig unklar. Mit dem Rücktritt von Brenner könnte Burgstaller wenigstens einen Rest an Verantwortungsbewusstsein signalisieren. Aber vielleicht hat sie innerlich auch schon abgedankt.

Alarian: Das bedeutet man kann davon ausgehen, dass zumindest Brenner seit 2008-2009 ungefähr Bescheid wusste dass etwas im Busch ist?

Andreas Schnauder: Das ist zumindest der Stand meiner Informationen

Dornenboy: Wie verhalten sich die Spekulationsgeschäfte Salzburgs (formal und im Resultat) zu jenen Niederösterreichs? Warum ist Salzburg so wahnsinnig präsent, NÖ vor ein paar Jahren viel weniger?

Andreas Schnauder: Das Problem ist, wie gesagt, dass man über Nö sehr wenig weiß. In Relation zu den Schulden sind allerdings die Salzburger Derivate viel umfangreicher als die von Niederösterreich. Präsent werden Spekulationsgeschäfte immer erst, wenn die Bombe platzt.

danieln: Sie haben NÖ als große Blackbox bezeichnet, wer könnte diese Blackbox öffnen?

Andreas Schnauder: Ehrlich gesagt: Solange ein Mann dort schalten und walten kann, wie es ihm passt, habe ich keine großen Hoffnungen.

viola1911: Wie kann es sein, dass der in den Medien kolportierte mögliche verlust zwischen eur 340 mio. und eur 3.000 mio. schwankt? die negativen marktwerte sind bei der jeweiligen bank auf knopfdurck zu ermitteln und 250 beträge zu addieren sollte ja nicht a

Andreas Schnauder: Ich sehe das auch so, das müsste auf Knopfdruck erfolgen können. Paulus hat ja berichtet, dass sie den Stand täglich von der Deutschen Bank erhalten. Ich interpretiere die Zahlen so: 340 Millionen wurden verloren (es ist also kein Buchverlust, wie Brenner behauptet), 140 Millionen ist das Restportfolio angeblich im Plus. Macht minus 200 Mio.

Alarian: Wieso wurde nach dem Bawag-Swap in Linz nicht Österreichweit ein Auge auf diese Derivatgeschäfte gelegt, auch von höherer Stelle aus? Spätestens da hätte doch jedem klar sein müssen, dass jede Gebietskörperschaft, die diese Wetten erlaubt hat, schwe

Andreas Schnauder: Es gab schon Versuche, das Gesamtrisiko zu ermitteln. Aber in Österreich erhält die Statistik Austria nicht einmal Angaben über die Haftungen von Ländern und Gemeinden. Da verwundert es nicht, dass man bei Spekulationsgeschäften noch intransparenter ist.

meryn: Was halten Sie von der Idee solche Spekulationen ganz zu verbieten?

Andreas Schnauder: Nicht viel. Ich finde es nicht sinnvoll, der öffentlichen Hand die Reaktion auf die Marktlage zu verbieten. Ein Beispiel: Ein Land hat Anleihen zu drei Prozent aufgenommen. Dann sinken die Zinsen auf ein Prozent. Sie kann dann mit Zinstausch von niedrigeren Zinsen profitieren. Das entscheidende ist: Derivate müssen sich auf ein Grundgeschäft beziehen und es muss das Risiko bekannt und begrenzt sein.

f18f9f7c-2d2c-4b29-86e4-83cd15625c8e: Was kann man als Steuerzahler dagegen tun ? Es ist ja unterm Strich unser Geld.

Andreas Schnauder: Auf bessere Zeiten hoffen

ModeratorIn: So. Andreas Schnauder muss jetzt weiterarbeiten gehen. derStandard.at bedankt sich für den Besuch und die vielen Fragen der UserInnen. Schönen Tag.

Andreas Schnauder: Vielen Dank für die guten Fragen, wir bleiben am Ball und lassen Sie wissen

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