Capitals vs. Eisbären = Länderspielstimmung

  • Der Star der Eisbären: Der mit 921 NHL-Einsätzen dekorierte Daniel Brière scorte für Berlin in 17 Spielen 27 Punkte.
    foto: epa/maxünielski

    Der Star der Eisbären: Der mit 921 NHL-Einsätzen dekorierte Daniel Brière scorte für Berlin in 17 Spielen 27 Punkte.

  • Der Spielplan des Finalturniers der European Trophy, das vom 13. bis 16.12. in Bratislava und Wien ausgetragen wird.
    vergrößern 579x321
    foto: derstandard.at/hannes biedermann

    Der Spielplan des Finalturniers der European Trophy, das vom 13. bis 16.12. in Bratislava und Wien ausgetragen wird.

Als Gastgeber des Finalturniers empfangen die Vienna Capitals am Donnerstag im Viertelfinale der European Trophy den deutschen Meister Berlin

Als der Österreichische Eishockey Verband (ÖEHV) im September in Wien anlässlich seines 100. Geburtstags zum Jubiläumsländerspiel gegen Deutschland antrat, kamen weniger als 3.000 Fans in die Albert-Schultz-Halle. Sie wurden Zeugen einer 3:4-Niederlage, die sich die rot-weiß-rote Equipe ob dreier Gegentreffer innerhalb von gut acht Minuten im Schlussabschnitt vornehmlich selbst zuzuschreiben hatte. Richtige Feierstimmung wollte aber schon zuvor nicht aufkommen, zu lange bewegt sich das Nationalteam bereits in einer Abwärtsspirale, bei der Weltmeisterschaft im kommenden Mai in Helsinki unternimmt man den nächsten Versuch, erstmals seit 2004 den Klassenerhalt in der A-Gruppe zu schaffen.

Wildcard für Wien

Nachdem es der ÖEHV-Auswahl im September weder gelang, prickelnde Länderspielstimmung zu erzeugen noch Deutschland zu schlagen, versuchen sich am Donnerstag die Vienna Capitals auf Klubebene in diesen beiden Disziplinen. Im Viertelfinale der European Trophy trifft der Tabellenführer der Erste Bank Eishockey Liga auf den deutschen Meister, die Eisbären Berlin (20.15 Uhr, live bei ServusTV).

Als Co-Gastgeber des bis Sonntag in Wien und Bratislava ausgespielten Finalturniers im wichtigsten Klubbewerb des Kontinents erhielten die sportlich knapp nicht qualifizierten Capitals eine Wildcard für das Viertelfinale. Das Ranking der Finalteilnehmer nach der zwischen Ende Juli und Ende November ausgetragenen Vorrunde mit 32 Teams bescherte ihnen ausgerechnet den Topklub aus dem benachbarten Deutschland als Auftaktgegner in der KO-Phase.

Sechs Titel in acht Jahren

Die Eisbären Berlin, zu DDR-Zeiten als Dynamo Berlin 15-facher Meister, entwickelten sich in den letzten Jahren zum dominierenden Team der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Seit 13 Jahren Teil des Sport-Imperiums der Anschutz Entertainment Group (u.a. Mehrheitseigentümer am aktuellen Stanley Cup-Sieger, den Los Angeles Kings) bespielt der Klub seit 2008 die größte Veranstaltungshalle Berlins vor im Schnitt rund 14.000 Fans pro Spiel. Zwar fuhr man zuletzt Verluste von 1,5 bis 2 Millionen Euro pro Jahr ein, dennoch kürten sich die Eisbären in sechs der jüngsten acht Spielzeiten zum Meister. Mehrfach wiesen sie Studien als den bekanntesten Sportverein Deutschlands abseits des Fußballs aus.

Profiteure des NHL-Lockouts

Trainer der Berliner ist seit 2007, als er Nachfolger des heutigen Salzburg-Zampanos Pierre Pagé wurde, Don Jackson, wesentlichen Anteil an den auf Kontinuität in der Personalpolitik fußenden Erfolgen der letzten Jahre hat aber Manager Peter John Lee. Obwohl das Team im Sommer Schlüsselspieler wie Verteidiger Richie Regehr oder Klubikone Sven Felski (über 1.000 Spiele für die Eisbären, am Donnerstag Co-Kommentator auf ServusTV) verlor, weist der Kader einen seit mehreren Jahren stabilen Stamm aus vornehmlich deutschen Spielern auf.

Die nicht gänzlich geglückten Besetzungen der Importstellen im Sommer konnte Berlin für die Dauer des NHL-Lockouts mit den Verpflichtungen der beiden Philadelphia Flyers-Stars Claude Giroux und Daniel Brière kompensieren. Ersterer wird in Wien zwar verletzt fehlen, doch Brière konnte seine Klasse zuletzt auch auf sich alleine gestellt ausspielen und punktete in 14 seiner bisher 17 DEL-Einsätze.

Kompakte Capitals-Abwehr

Die Vienna Capitals gehen mit dem Rückenwind eines 4:2-Erfolgs über den EC Salzburg am Dienstag ins Duell der Hauptstädte. Mit 24 von 30 möglichen Punkten sind sie vor eigenem Publikum das stärkste Team der EBEL, der Heimvorteil in einer möglichst gut gefüllten Albert-Schultz-Halle könnte auch gegen Berlin ausschlaggebend sein. Prunkstück der Wiener ist in dieser Spielzeit zweifellos die Defensive: Vor dem auf hohem Niveau ausgeglichenen Torhüterduo Matt Zaba und Fabian Weinhandl (EBEL-Gegentorschnitt 1,97 bzw. 2,00) steht eine sehr kompakte, wenngleich nicht sonderlich bewegliche Abwehr. In 17 ihrer 30 Saisonspiele kassierten die Capitals nur zwei oder weniger Gegentore, bei numerischem Gleichstand am Eis gelangen ihren Gegnern überhaupt nur durchschnittlich 1,37 Treffer pro Partie.

Das Offensivspiel des EBEL-Leaders funktionierte in dieser Saison über weite Strecken zwar noch nicht nach Trainer Tommy Samuelssons Vorstellungen, ist insgesamt aber ausgeglichener und nicht mehr so stark von der Produktivität der ersten Angriffslinie abhängig wie in vergangenen Jahren. Mit Benoît Gratton findet sich nur ein Akteur in den Top 19 der Punkteliste, im Ranking der Torjäger sucht man unter den ersten 17 überhaupt vergeblich nach Capitals-Cracks.

Deutschland in historischer Bilanz voran

Wien gegen Berlin im Viertelfinale eines europäischen Bewerbs, das garantiert am Donnerstag wohl Länderspielstimmung in Kagran, wenngleich internationale Spiele auf Klubebene im Eishockey nie jene Bedeutung erlangten wie etwa im Fußball. So treffen sich Capitals und Eisbären zum erst 20. österreichisch-deutschen Duell in einem kontinentalen Wettkampf. In der historischen Bilanz hat Deutschland - DDR-Klubs mit eingerechnet - die Nase mit 9:8 Siegen bei zwei Unentschieden leicht vorne.

Die eindrucksvollsten Siege gelangen dem damaligen DDR-Serienmeister Dynamo Weißwasser, der 1972/73 (10:2 und 9:3) wie auch 1974/75 (8:1 und 7:3) dem KAC keine Chance ließ. Im "Arbeiter- und Bauernstaat" hatte Weißwasser damals nur einen Gegner: Dynamo Berlin, die heutigen Eisbären. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 12.Dezember 2012)

Share if you care