Wien: "Hauptschulen sind zu Restschulen geworden"

12. Dezember 2012, 14:34
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Wien und Kärnten schnitten bei den Bildungsstandards am schlechtesten ab

In der Bundeshauptstadt und ganz im Süden des Landes gibt es besonders viele schlechte Schüler. Wien und Kärnten sind die Schlusslichter bei der Überprüfung der Bildungsstandards, die am Dienstag präsentiert wurde. Die Schüler der achten Schulstufe erreichten in Mathematik in Kärnten 533, in Wien nur 517 Punkte. Der österreichweite Durchschnitt liegt bei 535 Punkten.

Besonders schlecht schneiden die Wiener Hauptschüler ab. 51 Prozenten erfüllen hier die Bildungsstandards in Mathematik nicht, 35 Prozent teilweise - und nur 14 Prozent erreichten die verlangten Standards. Kärnten ist zwar ein wenig besser als Wien, aber auch hier verfehlten 20 Prozent der Kinder die Bildungsstandards. Während das Ergebnis in Wien zu erwarten war, weiß die Politik in Kärnten noch nicht, wie die schlechten Leistungen zu erklären sind.

 

Für Günter Haider, Direktor des Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (Bifie), kam das Wiener Ergebnis nicht überraschend. Großstädte würden bei derartigen Ergebnissen immer eher schlecht abschneiden, sagte er bei der Präsentation am Dienstag. Im Vergleich zu Deutschland seien die Unterschiede zwischen den österreichischen Bundesländern nicht besonders hoch. Dort sei die Differenz zwischen Bayern und Berlin doppelt so hoch wie jene zwischen Wien und Oberösterreich, jenem Bundesland, das in Österreich die besten Ergebnisse lieferte.

Schlechte Rahmenbedingungen in Wien

Eine Erklärung für die schlechten Leistungen der Wiener Schüler sind auch die Rahmenbedingungen. Das Bifie hat deshalb in einem "fairen Vergleich" auch einen "Erwartungswert" berechnet. Herangezogen wurden dafür Faktoren wie die Anzahl der Schüler mit Migrationshintergrund, der Bildungsstand der Eltern und die Größe der Gemeinde. Diesen Wert hat Wien im Gegensatz zu Kärnten erreicht.

Glattauer: "Das wissen wir seit Jahren"

Auch der Lehrer und Autor Niki Glattauer war von den schlechten Ergebnissen der Wiener Schulen "natürlich nicht" überrascht. Die Ergebnisse würden nur das bestätigen, "was wir seit Jahren wissen". Er erklärt die schlechten Leistungen der Wiener Schüler vor allem damit, dass es hier besonders viele Kinder mit anderer Muttersprache als Deutsch gebe und viele Kinder aus "benachteiligten Gesellschaftsschichten" kämen.

Mehr Gymnasiasten in Wien

Eine andere Erklärung, warum Länder wie Oberösterreich und Tirol besser abschneiden, ist, dass dort wesentlich mehr Kinder aus verschiedenen Gesellschaftsschichten in die Hauptschule gehen. "Wien ist in einer anderen Situation", sagt Glattauer. Hier würden alle Schüler ins Gymnasium drängen.

"Toll finde ich, dass das Gymnasium in Wien gut abgeschnitten hat", sagt Glattauer, der dort an einer Kooperativen Mittelschule unterrichtet. Die Gymnasiasten erreichten in Wien 583 Punkte, die Hauptschüler 441 Punkte. Für ihn zeigt das Ergebnis, dass "alle Kinder" in der Unterstufe ins Gymnasium gehen sollten. "Wir müssen aufhören, die Kinder in ein Zweiklassensystem zu drängen", so Glattauer. Neue Mittelschulen und Hauptschulen "können gar nicht anders" und hätten keine Möglichkeit, bessere Ergebnisse zu liefern. Sie seien zu "Restschulen" geworden, besucht von Kindern, die früher die Sonderschule besuchten und um die sich "niemand kümmert".

Sprachdefizite

Als Lösung, um die Sprachdefizite auszugleichen, sieht der Lehrer deshalb die Gesamtschule. Dort würden Kinder aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zusammenkommen. Schüler aus bildungsfernen Schichten würden damit selbstverständlich auf solche aus bildungsnahen Haushalten treffen und könnten dabei feststellen, "dass Bücher nicht schlecht sind und Lesen dazugehört und dass man einen eigenen Schreibtisch hat". "Für unsere Kinder ist das völlig unnormal", so Glattauer.

Bringen dann aber die Tests zu den Bildungsstandards überhaupt etwas, wenn alle Schulen und Lehrer bereits vorher wissen, wie ihre Schüler abschneiden werden? Immerhin könnten nötige Maßnahmen politisch leichter durchsetzbar sein, wenn man immer wieder höre, wo das Schulsystem "im Argen" liege, meint Glattauer. Ein anderer Vorteil sei, dass die Schüler so an die Form von Standardtests gewöhnt werden. Damit würden ihnen auch internationale Vergleichsstudien wie PISA leichter fallen.

Ragger kann Ergebnisse noch nicht erklären

In Kärnten ist die Situation anders als in Wien. Der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund liegt hier bei 10 Prozent, in Wien dagegen bei 39 Prozent. Dennoch erreichten die Kärntner Schüler beim "fairen Vergleich" 20 Punkte weniger als vom Bifie erwartet.

Der zuständige Landesrat Christian Ragger konnte die schlechten Ergebnisse am Dienstag noch nicht erklären. "Wir müssen das Abschneiden analysieren, uns die Punkte genau anschauen, wo Lücken sind", sagte Ragger zur APA. Seit einem Jahr werde schrittweise ein Programm umgesetzt, das Schwächen wie Dyskalkulie (Rechenschwäche) und Legasthenie schon in der Volksschule individuell bearbeitet. Davon erwartet sich Ragger eine "sprunghafte Verbesserung" im Niveau der Kärntner Schüler.

Gebildete wandern ab

Konrad Krainer, Professor für Mathematikdidaktik an der Universität Klagenfurt, will die Daten noch genauer analysieren und keine voreiligen Schlüsse ziehen. Er hat aber einen Verdacht, warum die Ergebnisse in Kärnten großteils schlechter ausfallen als in den anderen Bundesländern: Er führt das auf sozioökonomische Faktoren zurück. Etwa darauf, dass es wenige attraktive Arbeitsplätze im Land gebe und die gebildeten Kärntnerinnen und Kärntner häufig abwandern. Deren Kinder würden dann Schulen in anderen Bundesländern besuchen. Man müsse also insgesamt in das Bundesland investieren, damit die Abwanderung eingedämmt werde.

Krainer, der für die Lehrerausbildung in Kärnten zuständig ist und dort der neu gegründeten "School of Education" vorsteht, zieht aber insgesamt ein positives Resümee über die Einführung der Bildungsstandards. Durch die Ergebnisse könne man sich gezielt die Frage stellen, was einzelne Schulen besser machen können. Er appelliert aber an das Unterrichtsministerium, die Daten der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung zu stellen.

Natürlich sei dabei Vertraulichkeit im Umgang mit den Daten Voraussetzung, sagt Krainer, er wünsche sich aber "ein wenig mehr Transparenz", damit eine Weiterentwicklung des Schulsystems stattfinden könne. Großflächig publizierte Rankings lehnt Krainer jedoch ab.

Ergebnisse für betroffene Schulen

Bisher wurden nur die Ergebnisse von ganz Österreich und den einzelnen Bundesländern veröffentlicht. Die Berichte über die Resultate der einzelnen Schulstandorte bekommen nur die betroffenen Schulen. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) begründet das damit, dass sie den Qualitätsentwicklungsprozess am Standort nicht mit Rankings und Ratings beeinflussen wolle. (Lisa Aigner/Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 12.12.2012)

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