Ronald Pohl

    13. Dezember 2012, 18:11
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    Album
    SCOTT WALKER
    Bish Bosch

    (4AD)

    Alles scheint in bester Ordnung im Hause Walker. Scott stammelt mit butterweichem Bariton Verse über Zwerge auf Fahnenstangen. Er füllt Multiple-Choice-Bögen über Nicolae Ceausescu aus. Dubstep-Bässe und Hundefürze geleiten ihn auf Bish Bosch ins Reich der Finsternis. Musik aus dem ausgehenden 22. Jahrhundert.

    Song
    GO-KART MOZART
    White Stilettos In The Sand

    (West Midlands)

    Lawrence, der eigenwillige Londoner Dandy, schrieb in den 1980er-Jahren für die Band Felt schüchterne Songs, die Kunstpostkarten glichen. Heute provoziert "Lawrence from Belgravia" das Vereinigte Königreich mit schundigen Synthpop-Hymnen. Ziemlich großartiger Glam aus der Kompostgrube.

    Newcomer
    SONS OF NOEL AND ADRIAN
    Knots

    (Broken Silence)

    Aus Brightons fruchtbarer Erde entsprossen, widmet sich dieses Kollektiv mit Verbindungslinien zu Miserable Rich und Mumford & Sons dem herzerweichenden Bänkel- und Matrosengesang. Knots klingt so, als hätte der Waldschrat von Beirut nicht den Balkan, sondern die Themsemündung bereist.

    Österreich
    GALINA USTVOLSKAYA
    Piano Sonatas

    (col legno)

    Markus Hinterhäusers neu aufgelegte Einspielung der sechs Klaviersonaten von Galina Ustvolskaya öffnet weite Räume. Erschütternd die spirituelle Untröstlichkeit, mit der eines Jahrhunderts der Umwälzungen und des physischen Grauens gedacht wird. Die berühmte "Klangrede", aber in Feuerzungen.

    Re-Issue
    CAN
    The Lost Tapes

    (Mute)

    Noch der "Abfall" aus dem berühmten Can-Studio in Weilerswist bei Köln stellt ein paar Komplettjahrgänge Groove-Musik in den Schatten. Unter besonderer Berücksichtigung der Malcolm-Mooney-Jahre (1968/69) erzielt das Krautrockkollektiv Hypnosewirkungen ohne Ende. Drummer Jaki Liebezeit versetzt die Verhältnisse in Schwingung.

    Helden/Heldinnen
    HENRY THREADGILL ZOOID
    Tomorrow Sunny / The Revelry, Spp

    (Pi Recordings)

    Henry Threadgills freie Musik hat das selbstgefällige Getröte manch anderer Freejazz-Veteranen weit hinter sich gelassen. Sein Sextett mit Tuba und Cello swingt kühl. Es erinnert an eine Zirkus-Combo, die in ihrer Freizeit mit Ausdauer kontrapunktische Rätsel löst. (Ronald Pohl, Rondo, DER STANDARD, 13.12.2012)

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      cover: 4ad
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