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Khatia Buniatishvili in einem Kleid von Chanel.
>>>Zur Ansichtssache: Flügelstürmerin
"Ich bin gar nicht da", versucht jene Dame zu beruhigen, die Khatia Buniatishvili während des Gesprächs diskret schminkt. Lange Zeit geht das auch gut - dann allerdings ist um die Augen der jungen Dame offenbar etwas viel Schwarz. "Das ist schon ziemlich dunkel, das macht meine Augen nicht schöner. Es ist zwar spannend, wenn ich etwas Neues mit meinem Gesicht versuche, ich habe allerdings nicht so feine Züge, deswegen ist es gefährlich, etwas Ungewöhnliches zu probieren", erklärt die georgische Pianistin und übernimmt mit der Frage "Darf ich es selbst ausprobieren?" die Schminkregie, während sie Fragen nach ihrer Zeit in Wien, wo sie vier Jahre lang gelebt hat, beantwortet.
"Am Anfang war es sehr gut, dann wurde es schwer, und schließlich wollte ich weg. Jetzt vermisse ich Wien. Es war eben schwierig, Studium und Karriere zu verbinden. Irgendwann wurde es eigentlich unmöglich." Gelernt hat sie in Wien bei Oleg Maisenberg: "Er brachte mir die Unabhängigkeit der Interpretation bei. In Wien habe ich erstmals gespürt, dass ich meine eigene Version kreieren kann", so Buniatishvili, für die auch Martha Argerich wichtig war. "Von ihr kann man allerdings nichts Konkretes lernen - nur dass man einen so genialen Menschen nicht imitieren kann. Man soll das nicht versuchen, es ist unmöglich. So spielen kann nur sie, und das zu verstehen war ein guter Unterricht."
Mittlerweile lebt Buniatishvili in Paris. Aber bei all dem Herumreisen als Konzertpianistin, die nun beim CD-Multi Sony exklusiv unter Vertrag ist, kann man da wirklich von "dort leben" sprechen? "Nein", so die juvenile Dame. "Das ist sehr komisch, nicht? Aber ich werde das irgendwann schaffen, ich werde irgendwann Zeit haben!"
Ein normaler Tag im Leben der 25-Jährigen sieht zurzeit jedoch so aus: "Flughafen, neues Hotel, neuer Saal und Konzert. Es ist jedoch nicht mehr geworden, seit ich bei Sony bin. Ich habe vorher auch viel gespielt. Aber wahrscheinlich ist die Qualität besser geworden. Wie ich zu Sony kam? Es gab Abgebote von verschiedenen Labels - ich werde die Namen natürlich nicht verraten -, aber Sonys Ideen waren interessanter. Und: Man hat mir auch künstlerische Freiheit garantiert."
In jener fernen Zeit, als es Buniatishvili in Tiflis, wo sie 1987 geboren wurde, ihrer ein Jahr älteren Schwester gleichtat und begann, Klavier zu spielen, war von solch lukrativen Positionen im Musikbusiness natürlich noch keine Rede. Aber mit sechs gab es immerhin schon einen ersten öffentlichen Auftritt mit einem Orchester; es zeichnete sich wohl schon ab, dass hier Talent reichlich vorhanden war. Und eine gewisse Musikbesessenheit: "Ich war etwa als Zehnjährige in das Mozart-Requiem regelrecht verliebt. Ich und meine Schwester haben es unentwegt gehört."
Von intensiver Zuneigung spricht sie, die gerade ein Chopin-Album veröffentlicht hat, noch immer im Zusammenhang mit Musik. "Ich denke, wenn man ein Stück liebt, dann gibt es schon ein Grundverständnis. Liebe ohne Verständnis gibt es nicht. Wenn ein Kind in einen Komponisten verliebt ist, dann hat es schon ein eigenes Verständnis vom Werk, es hat schon seine eigene Wahrheit. Und die ist wichtig. Jedenfalls: Es ist schon eine richtige Interpretation, wenn Liebe da ist." Es gebe allerdings auch Komponisten, bei denen es Zeit braucht, bis man emotional zu ihnen durchdringt. "Ich verstehe etwa, dass Béla Bartók etwas Besonderes ist, aber Liebe habe ich noch nicht für seine Musik".
Und wie ist das auf der Bühne? Schafft man es immer, seine Ideen in dieser doch etwas künstlichen Situation umzusetzen? "Auf der Bühne ist man sehr sensibel, man weiß, man muss spielen. Man nimmt alles überdeutlich wahr, fühlt alles, ist nervös, bekommt dabei natürlich mehr Energie, gibt aber auch mehr. Ich versuche jedenfalls, wie in Trance zu sein, natürlich ohne vorher etwas zu trinken. Alkohol kann nicht helfen, man spielt mit ihm schlechter, denke ich. Ich nehme natürlich auch keine Drogen. Aber ich muss doch etwas finden, um mich wie in Ekstase zu fühlen. Ich will gewissermaßen weit weg von dem sein, was mich umgibt. Wenn mir das nicht gelingt, dann ist es wie Schauspiel, und das will ich nicht. Ich will, dass alles echt klingt."
Im Grunde habe man ja keine Wahl: "Man spielt, wie man ist. Man hört, wer du bist. Man kann nicht unehrlich sein, wenn man spielt. Und wenn man es versucht, hört man, dass es unnatürlich ist." Aber ist es nicht schwer bei der Fülle an historischen Aufnahmen von Werken noch eine eigene, persönliche Note zu finden - als junge Pianistin? "Ich denke nicht. Ist das schwer? Es gibt doch so viele Milliarden Menschen auf dieser Welt? Sind die alle gleich? Ich denke nicht, und so ist es auch bei der Interpretation. Es gibt immer einen eigenen Weg." Bei Chopin jedenfalls hat dieser Weg mit den Worten Poesie, Romantik und Melancholie zu tun. Auf diese Worte legt Frau Buniatishvili sehr großen Wert. (Ljubisa Tosic, Rondo, DER STANDARD, 14.12.2012)
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