Das Forschungsgeld liegt in der Crowd

11. Dezember 2012, 20:39
2 Postings

Forscher, die für Ideen finanzielle Unterstützung brauchen, steigen immer öfter auf "Crowdfunding" um

Auf Online-Portalen wird um Mittel gebeten. Wer besonders großzügig ist, darf bei der Laborarbeit zuschauen.

Ethan Perlstein von der Princeton University will ein Labor für Amphetamine einrichten. Natürlich geht es ihm nicht darum, den Drogenmarkt aufzumischen, ihn treibt der Durst nach Wissen an. Perlstein will erkunden, wie diese Stoffe im Gehirn wirken. Seine Vermutung ist, dass sie nicht nur an Nervenzellen andocken, sondern auch die Struktur ihrer Umhüllungen verändern.

Das klingt nach einem relevanten Vorhaben, doch Perlstein fehlte bis vor kurzem das Geld für seine Studie. Im September lief die Finanzierung für sein letztes Projekt aus. Und die Aussicht, weiter von den National Institutes of Health (NIH) finanziert zu werden, erschien ihm gering. 82 Prozent aller Anträge, etwa 42.000 Ideen, hat die Institution allein im vergangenen Jahr abgelehnt.

Deshalb wagte der Pharmakologe ein Experiment: Er setzte auf Crowdfunding. Unterstützt von dem Neuropsychologen David Sulzer von der Columbia University wandte er sich auf der Website Rockethub.com an die Öffentlichkeit und warb um Geld. 25.000 Dollar (etwa 19.342 Euro) wollte er so bis zum 25. November für die erste Phase seines Projekts sammeln - 25.460 waren es am Ende.

Rockethub ist eine von einem guten Dutzend Internetplattformen in den USA und Großbritannien, die Wissenschafter neuerdings nutzen, Geld für ihre Forschung einzutreiben. Sie heißen petridish.org, iamscientist.com oder fundscience.org - und haben bereits Millionen Dollar für die Mikrofinanzierung von Forschungsvorhaben eingesammelt. Auch in Deutschland gibt es seit kurzem eine derartige Anlaufstelle: Sciencestarter.de ist ein Projekt der Initiative "Wissenschaft im Dialog" , die vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gefördert wird. Die Plattform steht auch Österreichern offen. Projektleiter Thorsten Witt: "Wir wollen Wissenschaftern die Möglichkeit geben, kleinere Projekte zu finanzieren und ihre Forschung in der Öffentlichkeit zu kommunizieren." Die Idee, online sammeln zu gehen, ist bereits in anderen Bereichen erfolgreich: Auf Online-Portalen wie Kickstarter werben Künstler und Tüftler seit Jahren dafür, ihre Einfälle finanziell zu unterstützen: Da gab es über eine Million Dollar für die Entwicklung einer Uhr, die SMS und Twitterfeeds anzeigen kann.

Die Internetseiten für Wissenschafter können ebenfalls Erfolge vorweisen. So sammelte der Ökologe Brian Fisher von der California Academy of Sciences auf der Webseite Petridish im letzten Frühjahr über 10.000 Dollar für eine Expedition in die Tropenwälder Madagaskars ein. Als Dankeschön für einen Spender, der 5000 Dollar gab, will Fisher eine neue Ameisenart nach ihm benennen. Dass er die findet, ist nahezu garantiert - in Madagaskar hat er schon über 800 Spezien entdeckt. " Wissenschafter sind heute wie Unternehmer", sagt er. Die deutsche Plattform Sciencestarter legt mit fünf Projekten los: Ein Forscher will herausfinden, wie sich Pferdemist für Biogasanlagen besser nutzen lässt. Ein Soziologe, der ein Lehrbuch über Klassiker seines Fachs schreiben will, ist mit von der Partie. Und auch der Geoinformatiker Thomas Bartoschek von der Universität Münster.

Ein virtueller Globus

Bartoschek und seine Kollegen arbeiten daran, Menschen geografische Information über interaktive, auf Leinwände projizierte Grafiken zu vermitteln. Letztes Jahr entwickelten sie ein Exponat, das auf einem virtuellen Globus wichtige Ursachen für die Regenwaldabholzung in Brasilien darstellte. Doch die Geste, mit der man Zeitabläufe abrufen konnte, kam nicht gut an - eine über den Kopf erhobene linke Hand, während die Rechte wie durch ein Buch blätterte. Deshalb wollen die Forscher mithilfe einer Studie einer eingängigere Geste finden: Versuchspersonen sollen Handkommandos erfinden. 8000 Euro Kosten haben sie veranschlagt.

Auch in Österreich böte es sich für Forscher an, Wissenschaft über eine Seite wie Sciencestarter zu finanzieren. So lag die Bewilligungsrate von Anträgen beim Wissenschaftsfonds FWF 2011 bei nur 30 Prozent. Wer da abgelehnt wurde, hat viel Verwaltungsarbeit bewältigt - und steht doch mit leeren Händen da. "Diese netzbasierten Finanzierungsformen sind ein gutes, modernes Mittel, Wissenschaftsprojekte zu finanzieren. Bisher herrscht aber hierzulande noch Wüste", sagt der Ökonom Andreas Schibany von Joanneum Research. Alternative Finanzierungswege waren in letzter Zeit ein Thema - freilich nicht positiv. So streiten sich die Finanzmarktaufsicht und der Waldviertler Schuherzeuger Heini Staudinger, der mithilfe eines Sparvereins über drei Millionen Euro für sein Unternehmen gesammelt hat.

Schibany glaubt, dass eine Crowdfunding-Plattform hierzulande reichen würde: "Es bestünde sonst die Gefahr, dass sich mehrere Seiten wie Sciencestarter gegenseitig das Wasser abgraben."

Die Betreiber der Plattformen müssen sich ohnehin einige weiteren kritischen Fragen gefallen lassen. Wie stellen sie sicher, dass die Projekte wissenschaftlichen Standards gerecht werden? Die Lösungsansätze sind verschieden.

Das Open Source Science Project nutzt das klassische Peer-Review-Verfahren: Experten begutachten die Vorhaben. Andere Projekte garantieren Seriosität durch institutionelle Anbindung: Cancer Research UK ist die weltweit größte unabhängige Stiftung zur Krebsforschung - auf ihrer Seite kann man individuelle Projekte unterstützen. Sciencestarter wiederum prüft die Vorschläge individuell. Andere schließlich hängen die Latte niedriger. Der Ökologe Jai Ranganathan, Mitgründer von SciFund, will nur sicherstellen, dass es sich nicht um Betrug handelt.

Die Chancen der Popularität

Die direkte Finanzierung fördert zwangsläufig populäre Vorhaben. So entstammen viele Projekte der Ökologie. Doch wer synthetische Polymere statt Pandas studiert, mag es deutlich schwieriger fallen, seine Schatulle zu füllen. Plattformen wie Sciencestarter hoffen darauf, dass es Forschern gelingt, auch abwegigere Spezialgebiete für die Öffentlichkeit schmackhaft zu machen.

Das kann Arbeit und Geld kosten. So hat Perlstein für seinen Videoauftritt einen Regisseur engagiert. Er polierte die Internetpräsenz seines Labors, bewarb das Projekt über Twitter und Facebook und gab Interviews. Dieser Aufwand hat seine Begeisterung für sein eigentliches Vorhaben nicht geschmälert: "Wenn das Projekt beginnt, wissen wir dank radioaktiver Marker binnen drei Monaten, wo die Wirkstoffe im Gehirn landen." Dabei sieht ihm vielleicht ein Spender über die Schulter. Denn wer besonders großzügig gibt, darf das Labor in Princeton besuchen. (Hubertus Breuer, DER STANDARD, 12.12.2012)

=> Wissen: Privates Geld


Wissen: Privates Geld

Nur wenige österreichische Mäzene wandeln auf den Spuren von Karl Kupelwieser, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Stifter des weltberühmten Wiener Radiuminstituts und der biologischen Station in Lunz am See war: Der Industrielle Hannes Androsch initiierte einen sozialwissenschaftlichen Preis (100.000 Euro). Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz unterstützt die Paracelsus Medizinische Privatuni in Salzburg und Forschung für Querschnittslähmung. Der öffentlichkeitsscheue Unternehmer Peter Bertalanffy, der in der Pharmabranche und durch Immobilien reich wurde, spendete 2010 insgesamt zehn Millionen Euro für das IST Austria in Maria Gugging.

Der Wissenschaftsfonds FWF startete kürzlich eine Initiative, um dieses unterentwickelte Mäzenatentum zu fördern. Er ruft Philanthropen auf, für die Forschung zu spenden - über Projektfinanzierungen, testamentarische Verfügungen, Forschungsprofessuren -, und verspricht eine kostenlose Qualitätskontrolle. Man will "nur die besten Projekte" zur Finanzierung vorschlagen. (red)

  • Die Menge an Unterstützungswilligen macht den Forschungsförderer: Crowdfunding 
wird nun auch in Österreich zum Thema.
    grafik: köck

    Die Menge an Unterstützungswilligen macht den Forschungsförderer: Crowdfunding wird nun auch in Österreich zum Thema.

Share if you care.