Schluss mit Ätschbätsch

Kommentar | Andrea Heigl
11. Dezember 2012, 18:19

Die Argumentation der Ärztekammer zur Gesundheitsreform ist so jenseitig, dass sie sich selbst aus dem Spiel nimmt

Es ist ja nicht so, als hätte die Ärztekammer mit allem unrecht, was sie so fordert. Ja, dem Arzt sollte eine wichtige Rolle im Gesundheitssystem zukommen, und die könnte man stärken, indem man etwa das ärztliche Gespräch besser honoriert. Ja, natürlich soll die Elektronische Gesundheitsakte benutzerfreundlich sein, damit ein Arzt nicht eine halbe Stunde in den Computer starren muss, bevor er mit dem Patienten sprechen kann. Und ja, die Überlastung der Ambulanzen ist eine Zumutung.

An dieser Stelle kommt nun das große Aber: Die Argumentation der Kammer ist in vielen Punkten so jenseitig, dass sich die Standesvertretung selbst als ernst zu nehmender Verhandlungspartner aus dem Spiel nimmt. Ein paar Beispiele: Im Gesundheitssystem wird nicht gespart - durch die Reform wird bloß der Anstieg der Kosten gedämpft. Um diesen Unterschied zu verstehen, muss man weder Medizin noch Volkswirtschaft studiert haben. Das AKH wird garantiert nicht aus der Wiener Spitalslandschaft wegradiert, wie die Inserate der Kammer insinuieren; welcher Politiker sollte daran ein Interesse haben? Und die Patienten werden auch nicht wie die Fliegen sterben, weil die Steuerung des Systems neu aufgesetzt wird.

Genau darum geht es nämlich bei dem Papier, das jetzt finalisiert wurde. Es stellt einen Paradigmenwechsel dar: Länder und Kassen müssen künftig miteinander reden, wenn es darum geht, Abteilungen in Spitälern an- oder abzusiedeln, Kassenstellen zu vergeben oder Versorgungszentren einzurichten. Das ist nicht die berühmte Finanzierung aus einer Hand, von der Gesundheitsökonomen seit Jahr und Tag schwärmen, das Geld wird lediglich in einem virtuellen Topf zusammengeführt. Dennoch macht die Reform Schluss mit dem Ätschbätsch-Prinzip, das bisher für das Zusammenspiel von Ländern und Sozialversicherungen gegolten hat, nämlich: Wenn ich mir etwas spare, kostet dich das Geld, aber mir kann's ja egal sein.

Warum das jetzt möglich ist, nach zig verschobenen Reformen und Reförmchen? Einerseits lassen Budgetnöte auch hartgesottene Föderalisten und reformresistente Kassenchefs vernünftig werden - oder zumindest pragmatisch. Andererseits bringt der Gesundheitsminister das nötige Maß an Unaufgeregtheit und Sitzfleisch mit. Und schließlich hat nicht zuletzt die Ärztekammer die rot-schwarzen Reformer unter Erfolgsdruck gesetzt: Hätten sie nichts zusammengebracht, man hätte sie eines Kniefalls vor der Standesvertretung bezichtigt.

Jetzt ist die Ärztekammer düpiert. Eigentlich sollten die Funktionäre Forderungen finden, die ihnen die Politik erfüllen kann, damit sie nicht dumm dastehen vor ihren Mitgliedern, die die großen Kampagnen mit ihren Beiträgen erst möglich machen. Stattdessen verharren die Kämmerer irgendwo zwischen Eskalationsrhetorik und Schockstarre. Die profane Politik hat es gewagt, den Groll der Götter in Weiß zu überhören. Bei allem, was die Reform bringt, ist das vielleicht sogar der größte Paradigmenwechsel. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 12.12.2012)

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Nicht nur die Mathematikschwäche ist in Österreich auffallend

Natürlich kann man zum Kommentar von Frau Heigl ganz unterschiedliche Meinungen vertreten. Ich teile ihre Ansicht zum Thema und bin froh, dass erstmals zumindest der Versuch unternommen wird, die Kostensteigerungen unseres Gesundheitssystems im Bereich der Inflationsrate zu halten.
Die große Anzahl der totalen Themenverfehlungen bei den Postings hat mich aber doch überrascht. Offenbar haben viele nach den ersten Sätzen rot gesehen und nicht mehr weiter gelesen und deswegen einfach nur mit dem Text nicht Zusammenhängendes von sich gegeben oder, was viel bedenklicher wäre, sie sind nicht in der Lage einen - sagen wir sicher nicht viel mehr als 400 Wörte langen - Text in seiner Grundaussage zu verstehen und dazu eine Stellungnahme abzugeben.

Lebende Toten

Passt vielleicht nicht zum Thema Gesundheitsreform im engeren Sinn, aber zum Thema Kosten im Gesundheitswesen: mich würde interessieren, ob jene Fälle, wo ein natürliches Lebensende mittels Magensonde um Jahre hinausgeschoben wird, kostenmäßig eine Rolle spielen, oder ob das im Vergleich Peanuts sind, und damit keiner Diskussion wert. Falls das und andere Fälle verunglückten Umganges mit dem Tode jedoch sehr wohl merkbar auf die Kosten durchschlagen, könnte ich mir vorstellen, dass eine Diskussion darüber, die den Ärzten am Ende hoffentlich gesellschaftlichen Rückhalt für einen weniger verkrampften Umgang mit dem Tod gibt, wert wäre, geführt zu werden.

Wenn sie nicht hirntot sind oder im Koma liegen, seh ich nicht warum man ihnen keine Magensonde geben sollte - ich schätz das können wir uns noch leisten. Gab einmal einen Medizinprofessor, der hielt mit eingelegter Magensonde eine Vorlesung, um den Studenten zu demonstrieren wie wenig das belastet.

Sorry habe jetzt viel zu lang gebraucht. Also bitte: die meisten Fälle betreffen wohl weniger aktive Hochschullehrer als hochbetagte Menschen nach dem dritten Schlaganfall. Aber wenn sie sagen, das können wir uns schon noch leisten, dann akzeptiere ich das, als grundsätzlich in der Materie Unbedarfter, gerne.

Nehme jede Wette an

dass sich durch die epochale "Reform" aber schon gar nichts ändern wird!
Aber Hauptsache ist: es gibt 9 neue Lenkungsausschüsse. LOL. Und noch einen im Bund. War ja auch schon lange überfällig.
Naja, sind sie wenigstens weg von der Straße, die Parteimädis und -bubis.

Das meiste Geld würds bringen, wenn man mehr Geld in die Vorsoge und Aufklärung steckt, weil Österreich ist sehr schwach was Wissen zur Gesundheit angeht..

Wissen ist vorhanden..

...und wir fangen eh alle an mit dem Gesund leben.

...gleich morgen

Wissen nützt nichts

Tun ist wichtig. Doch daran haperts.

Naja es gibt genug Menschen die glauben Fertigpizzen sind gesund...

Und nicht-fertig-Pizzen

...sind es etwa? Oder was wollen Sie uns damit sagen?

Wirklich? Das verstehen sie nicht? Okay nicht Fertig Pizzen sind gesünder als Fertigpizzen, allerdings sind beide nicht so gesund wie z.B. gedünstetes Gemüse, oder ein saftiges Steak. Und wenn Menschen glauben das Fertigpizzen gesund sind, obwohl es viel gesündere Lebensmittel gibt, ist das schlecht für die Gesundheit derjenigen. Wenn sie das auch noch nicht verstehen, so kann ich ihnen leider nicht mehr helfen. Oder ich wurde ertrollt...

Was ich verstehe ist, dass es Nährwerttechisch kaum einen Unterschied zwischen den beiden Pizza-Arten gibt. Nur, dass die Zutaten auf der fertig Pizza wahrscheinlich in frischerem Zustand tiefgefroren werden als die die in der Pizzeria aufgelegten. Aber das ist auch gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass "fertig Pizzen" meiner Meinung als Beispiel schlecht gewählt war und ich außerdem bezweifele, dass ein nennenswerter Anteil der Bevölkerung Pizza für ein gesundes Lebensmittel hält.

12.12.2012, 13:36
Es stellt sich

die Frage: Glaubt wirklich irgendjemand, dass dieselben Landespolitiker, die Milliarden an Steuer- bzw. Wohnbaugeldern verzockt haben, mit der Gesundheit ihrer Bürger sorgfältiger umgehen??

Grad auf dem Hintergrund der Salzburger Geschichte: nein. Nicht eine Sekunde lang. Allerdings bin ich Politikern gegenüber prinzipiell sehr misstrauisch.

Frau Heigl

hat entweder wenig Ahnung von der Materie oder es handelt sich um einen "redaktionellen Beitrag" dieser ominösen Reformgruppe.
Der angesprochene "Paradigmenwechsel" ist eine Farce. Denn wenn die Länder weiterhin mitreden dürfen, ist schon jetzt klar, dass es keine Reform geben wird, die diesen Namen auch verdient. Welcher "kleine" Beamte in diesen Gremien wird es wagen, einem Pröll oder Häupl die Stirne zu bieten, wenn sich schon Faymann & Spindi nicht trauen??
Und mit den "Versorgungszentren" werden englische Zustände einkehren.
Bezeichnend ist, dass kein Arzt in diese Gremien eingeladen war, dafür aber die Länder sehr stark vertreten sind.

Dass Fr. Heigl Recht hat mit ihrer Kritik an der ÄK, macht es auch nicht wirklich besser.

Interessensvertretungen generell

es ist ein grundsätzliches Problem mit Interessenvertretungen: sie müssen sich selbst rechtfertigen weil es sie gibt und sie von Mitgliedern bezahlt werden!
Die Ärztekammer mit ihren schon geradezu lächerlichen Argumenten.
Aber auch, oder vor allem, die Lehrergewerkschaft. Die die wahren Hauptverantwortlichen für das Bildungsdebakel sind in Österreich. Ihr habt schon lange den Rückhalt der Lehrer verloren!
Was aber interessant ist, dass sich die Medien viel lieber auf PolitikerInnen oder ManagerInnen stürzen, als auf GewerkschafterInnen.
Ich bewundere die Hartnäckigkeit und das Durchhaltevermögen von Frau BM Schmidt. Halten Sie durch!

DIE KAMMER

steht, um welche auch immer Kammer sich handelt für engstirniges Provinzdenken und Schädigung sowohl der Mitglieder wie auch Nichtmitglieder. Meistens auch für völlig unverständliche Zwangsmitgliedschaft. Das Kammer Unwesen in Österreich gehört dringend abgestellt.

Stimme Ihnen vollkommen zu. War selbst mal aktiv dabei - völlig sinnlose Selbstbeweihräucherung ohne den geringsten Willen, irgendetwas zu ändern. Vertreten sich selbst, sicher aber nicht die Ärzteschaft an sich. Wäre schon längst ausgetreten, wenn das möglich wäre. Man fragt sich jeden Monat, wofür man eigentlich die Beiträge zahlt.

Es gibt sehr viele respektable Ärztinnen und Ärzte, die nicht zum Alarmismus neigen, alle Tassen im Schrank haben und politisch besonnen agieren.

Aber leider nicht genug. Jene Götter in Weiß mit einem guten Händchen fürs Geld, Mediziner in Machtpositionen, Funktionärsärzte und ihre Unterstützer neigen zur Abgehobenheit und zum Korpsgeist: Ihnen stehen ihre Einkommenschancen und ihr Wille, die Medizinbranche auch künftig zu beherrschen, näher als das Wohl ihrer Patienten. Das bekommt jeder mit, der ab einem bestimmten Alter medizinische Dienstleistungen gehäuft in Anspruch nehmen muss. Mich wundert, dass die Egomanen unter den Heilkundlern immer noch das Sagen haben und sich ihre Spitzeneinkommen bewahren können. Wo bleibt die kritische Masse?

themaverfehlung

und die sogenannte gesundheitsreform macht das jetz alles gut oder was???

Mich stört vor allem auch die Ungleichverteilung ärztlicher Einkommen.

Ganz unten werden die AssistenzärztInnen in den Spitälern rücksichtslos ausgebeutet, dann kommen die praktischen ÄrztInnen, die eigentlich die größte Aufgabe für die Volksgesundheit tragen und in Relation zur Ausbildung relativ wenig verdienen - und zwar umso weniger, umso gewissenhafter sie sich um den Einzelpatienten kümmern.

Und irgendwo oben schwimmen die marketinggewandten Großverdiener, die für ihre PrivatpatientInnen jeden OP-Wunschtermin und jedes gewünschte Kinkerlitzchen in den versicherungsfinanzierten Spitälern bekommen, während VersicherungspatientInnen oft monatelang auf dringend notwendige Operationen warten.

Ja. Es ist wie in anderen Dienstleistungsbranchen auch. Marketinggewandte Blender mit geringem sozialen Nutzen können den Markt manipulieren und haben finanzielle Mittel für Wettbewerbsverzerrungen.

Ein Arzt, der einfach nur seine Arbeit gut und gewissenhaft macht, hat das Nachsehen.

Genauso ist es.

Denn welcher medizinische Laie kann wirklich beurteilen, ob ein Arzt fachlich gut ist?

Man kann da nur nach Sympathie gehen und hoffen.

Jenseitiges grünes Bobogewäsch.
Der Neid muss ja sehr gross sein,
wenn hier von gekränkter Eitelkeit
der Götter in Weiß gesprochen wird.

ich glaube im obigen artikel geht es um die ärztekammer

so gesehen ist ihr posting schon recht off-topic

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