Erwin Wurm: Darbende in ihren Transithüllen

11. Dezember 2012, 18:04
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Volumen statt Askese, Zerstreuung statt Verinnerlichung: Posen der Gotik dienen Erwin Wurm dazu, das Bild des Künstlers als "Leidender" in der Welt zu hinterfragen

Die Albertina zeigt Wurm als Bildhauer mit dem Malerpinsel.

Wien - Der Körper als Übergangsform, als Transithülle auf dem Weg zu Gott. Askese und Verinnerlichung statt Lust und Zerstreuung. In der Gotik wollten die Menschen das Einswerden mit Gott bewusst erleben. Das irdische Dasein richtete sich nach dem Jenseits. Leiden war ein Teil davon.

Nicht von ungefähr ist die Kunst der Gotik also für ihre Leidensdarstellungen bekannt: Christus am Kreuz, mit verrenkten Gliedmaßen, blutend an die Geißelsäule gekettet. Christus der " Schmerzensmann", der nicht als Gott am Kreuz hängt, sondern an der an der Seite der Menschen steht - leidend, krankheitsanfällig und ebenso wehrlos wie sie.

"Heute sehen die Menschen den Körper eher als Besitz an", sagt Erwin Wurm, der sich für seine neueste, ab heute in der Albertina präsentierte Werkserie mit den existenziellen Posen der Gotik beschäftigte. Die Körper der Gegenwart hätten sich anders entwickelt, seien voluminöser geworden, sagt er. "Sie gleichen mittlerweile den Figuren Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle - sind zum Teil monströs." Genau das habe ihn interessiert: Vermögen Menschen heute noch "diesen Ausdruck, diese typische Haltung verinnerlichten Lebens darzustellen?" Können schon. Glaubhaft und authentisch ist freilich etwas gänzlich anderes.

Das fängt bereits bei Wurm selbst an, der sich in blauer Tinte in durchaus ornamentalen Posen aufs Papier strichelte. Die Hände hoch über dem Kopf, so als wären sie an ein imaginäres Kreuz geschlagen, der Kopf auf die Schulter gerutscht. In diesem Fall keine peinliche Gottesanmaßung, sondern eher ein Abarbeiten an der nicht aussterbenden Vorstellung vom "leidenden Künstler". Die Büßerposen der Gotik erwiesen sich dafür ideal.

Mit dem Bild des darbenden Schöpfergeistes, der aus seinem Weltschmerz heraus den ganz großen Wurf schafft, hatte Wurm immer so seine Probleme. Aber auch ihn, der stets an die Leichtigkeit künstlerischen Schaffens glaubte, holten quälende Erfahrungen ein, die sich letztlich auch in seiner Arbeit niederschlugen, erzählt er in der Dokumentation Der Künstler, der die Welt verschluckt (2012)

Und so wird bei Wurm aus der Figur des Künstlers, jene auf sich selbst zurückgeworfene Kreatur, die aus dem Kerker ihren Gott anruft: De Profundis nach Oscar Wildes Brief aus dem Zuchthaus an seinen Freund und Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas. Oder - zur Quelle zurückkehrend - nach Psalm 130: "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir".

Suche nach dem Künstlerbild

Der Künstler als Leidender wird also vielmehr zur These, die Erwin Wurm nicht nur an sich selbst, sondern fotografisch auch an Künstlerkollegen und Freunden durchspielt. Kollektives Suchen und Hinterfragen eines Künstlerbildes zugleich, bei durchaus uneitlem Einsatz von nacktem Fleisch 50 plus.

Leidend, zurückgeworfen aus sich Selbst im Umfeld ihrer Wirkungsstätten und Ateliers: Cajetan (Gril) als Büßer auf Knien, Gerald (Plattner)als Orant, Hermann (Nitsch) als Flehender, Michael (Pisk) als Jünger Johannes, betend zum Gekreuzigten aufschauend. Oder jene, die in grünen Auen schon einen Schritt weiter gegangen sind: Herbert (Brandl) und Christian (Stock) als Christus nach der Kreuzabnahme, stabilisiert von der massiven Borke eines Baumes oder auch nur einem Topfpflänzchen im Hof.

Und noch ein Stück weiter das Leiden hinter sich lassend - die Auferstandenen: Franz (Graf), seine Wundmale präsentierend und Max (Böhme) als "Noli me tangere". Den gibt letztlich auch Erwin Wurm, elegant mit Stand- und Spielbein posend. Und dort, wo der Gegenwartstorso Wurms Interesse an der Veränderlichkeit des Körpers nicht nachkommen kann, hilft er mit Farbe nach. "Farbe wird zum bildnerischen Element. Das interessiert mich."

Mit schonungsloser Selbstentblößung und abstoßendem Verfall, wie Wurms jüngste Werke, in der Albertina recht eindimensional interpretiert werden, habe das weniger zu tun, versichert Wurm. "Offensichtlich denken alle schon an den Tod, wenn sie in meinem Alter sind". (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 12.12.2012)

Bis 17. 2.

  • Betend, wie Stifterfiguren und Heilige auf sakralen Tafelbildern: " Michael". Für die asketische Figur sorgt Farbe.
    foto: erwin wurm/albertina, wien. vbk, wien 2012

    Betend, wie Stifterfiguren und Heilige auf sakralen Tafelbildern: " Michael". Für die asketische Figur sorgt Farbe.

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