Peter Konwitschny: "Faust projiziert das Opfer in eine Frau"

Interview11. Dezember 2012, 17:35
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Ab Samstag wird Goethes "Faust" nach über 30 Jahren wieder am Grazer Schauspielhaus gezeigt - mit Udo Samel als Mephisto

Regisseur Peter Konwitschny erzählte Colette M. Schmidt vom Unternehmer Faust und einem Gretchen, das einen Schnitt machen kann.

STANDARD: In Graz war "Faust" über 30 Jahre nicht auf dem Spielplan. Interessiert er nicht mehr?

Konwitschny: Das hängt von der Inszenierung ab.

STANDARD: Haben Sie in den letzten Jahren interessante Faust-Inszenierungen gesehen?

Konwitschny: Ich habe keine gute Inszenierung davon gesehen. Schon länger nicht.

STANDARD: Sind die Regisseure schlecht? Ist das Stück schwierig?

Konwitschny: Sowohl als auch. Es gibt schon ein paar gute Regisseure - außer mir. (lacht) Aber ich finde es zum Beispiel ein Missverständnis, den "Faust" in voller Länge zu bringen. Weil der zweite Teil einfach eine Materialsammlung ist. Der ist nicht zu verwechseln mit einem Schauspiel, das nach dramaturgischen Gesichtspunkten gebaut ist. Und wenn dann der Eindruck entsteht, dass das ein langweiliges Stück ist, dann muss man sich nicht wundern.

STANDARD: Was kann man mit dem zweiten Teil machen?

Konwitschny: Man muss ihn zu einem Stück machen. Das hat Goethe nicht gemacht, weil er gemerkt hat, dass seine Zeitgenossen es nicht verstehen. Der war voraus. Ich finde nämlich, dass der zweite Teil wirklich ungeheuer aktuell ist. Man muss das bloß einrichten.

STANDARD: Sie zeigen beide Teile an einem Abend. Was wurde gekürzt?

Konwitschny: Über zwei Drittel. Der erste Teil ist bei uns eine Art Prolog zum zweiten. Im zweiten wird es für uns richtig interessant.

STANDARD: Auf welche Facette des Faust'schen Charakters konzentrieren Sie sich da?

Konwitschny: Auf seine Entwicklung vom Menschen zum Unternehmer.

STANDARD: Ist die Entmenschlichung das Aktuelle am Stück?

Konwitschny: Es ist eine Entmenschung. Ja, wir sind Zeugen der Erfindung der ungedeckten Finanzen. Das Wertpapier wird im zweiten Teil erfunden. Da ist ein bankrotter Staat und Mephisto, der die Chance sieht, den Faust dort einzuführen. Er sagt ihm: Kein Problem, ich schaffe Geld ran. Im Boden sind doch ganz viele wertvolle Gegenstände, die die Leute über Jahrhunderte vergraben haben. Wem gehört der Boden? Dem Kaiser! Wir brauchen jetzt nur einen Zettel und darauf schreiben wir "5000 Kronen". Und das funktioniert erst mal.

STANDARD: Erinnert ein bisschen an die Immobilienblase ...

Konwitschny: Ja! Es ist geradezu ein Gegenwartsstück. Es wird nicht nur das Wertpapier erfunden, sondern auch der künstliche Mensch. Das sind ethische Fragen der Gentechnik. Das ist das Frappierende, dass Goethe das schon ahnte. Das Dritte ist die Landgewinnung: Faust will, dass Mephisto hilft, große Projekte zu realisieren. Das erinnert an Riesenprojekte wie Staudämme in China. Hybris gegenüber der Natur.

STANDARD: Fehlen auch Figuren?

Konwitschny: Mythologische Figuren im zweiten Teil und Marthe und Valentin im ersten. Auch der Osterspaziergang ist weg.

STANDARD: Was wird aus Gretchen?

Konwitschny: Wir haben mit Katharina Klar eine großartige Schauspielerin. Wunderbar direkt und einfach. Sie wird nicht ruhelos, ist romantisch verliebt. Sie sagt aber den Satz "Meine Ruhe ist hin" eben nicht romantisch. Ganz großartig ist es, dass sie am Ende des ersten Teils bei uns weder verrückt wird, noch stirbt, sondern einfach den Zuschauerraum verlässt.

STANDARD: Den Zuschauerraum?

Konwitschny: Ja. Faust sagt: "Sie ist gerichtet!" Sie dreht sich in der Tür um und sagt: "Gerettet!" Die Frau hat es drauf, einen Schnitt zu machen.

STANDARD: Und Faust?

Konwitschny: Faust projiziert zuerst das Opfer in eine Frau und danach beweint er seine Einsamkeit. Das ist ein Muster. Das kenne ich aus Erfahrung.

STANDARD: Was unterscheidet die Arbeit an Oper und Theater?

Konwitschny: Ich staune immer wieder über den großen Unterschied zwischen der Arbeit mit Schauspielern und Sängern. Beim Schauspielinszenieren komponiert man, wann laut gesprochen wird, wann langsam. Bei der Oper steht das im Wesentlichen fest. Die Musik gibt das Zeitmaß vor. Im Sprechtheater muss man es mit den Schauspielern finden und oft noch bis zur Premiere verändern. In der Oper kommt 14 Tage vor der Premiere das Orchester dazu. Da ist dann Schluss für mich.

STANDARD: Ist Ihnen Theater lieber?

Konwitschny: Ein großer Vorteil ist: Es kommt kein Dirigent, der, wenn er ein richtiger Blödmann ist, sagt: "Alles anders!" (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 12.12.2012)

Peter Konwitschny (67) ist einer der bekanntesten Opernregisseure im deutschen Sprachraum. Erstmals seit dem Mauerfall inszenierte er 2009 wieder Sprechtheater: "König Lear" mit Udo Samel am Grazer Schauspielhaus. "Faust" hat am 15.12. um 19 Uhr Premiere.

  • Seine Arbeit am Faust sei geradezu archäologisch gewesen, sagt Peter 
Konwitschny: Nach dem Streichen von über zwei Dritteln Text entdeckte er 
einen entmenschten Unternehmer.
    foto: matthias cremer

    Seine Arbeit am Faust sei geradezu archäologisch gewesen, sagt Peter Konwitschny: Nach dem Streichen von über zwei Dritteln Text entdeckte er einen entmenschten Unternehmer.

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