"Schlechte Lehrer wie leistungsschwache Schüler fördern"

Interview10. Dezember 2012, 18:30
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Mathematikdidaktiker Werner Peschek über die erste Bildungsstandards-Runde und "politisch-ideologisches Geplänkel"

STANDARD: Was sagen uns die Ergebnisse der ersten Bildungsstandard-Testungen (Mathematik, 8. Schulstufe) über unser Schulsystem, was wir nach Pisa-, Pirls-, Timss-Studie etc. nicht eh schon wissen, nämlich dass wir nur im Mittelfeld liegen?

Peschek: Die den Schulen, Klassen und Schülern bekanntgegebenen Daten beziehen sich nicht auf die in der Verordnung der Bildungsstandards festgelegten Kompetenzen, und sie ermöglichen keine absoluten Aussagen über das Leistungsniveau der österreichischen Schüler, sondern nur relative Aussagen: Schule A ist schlechter als der österreichische Durchschnitt, aber besser als Schule B. Daraus sind kaum fachdidaktisch relevante Aussagen ableitbar. Die Standards-Testungen in Österreich begnügen sich nicht mit einer Stichprobe, vielmehr wird eine Totalerhebung aller Schüler der achten Schulstufe gemacht.

STANDARD: Ist das zu groß angelegt?

Peschek: Die Frage, ob das sinnvoll ist und gegebenenfalls wofür, erscheint mehr als berechtigt. Insbesondere ist zu fragen, ob der immense (finanzielle) Aufwand für die Testung von 80.000 Schülern gerechtfertigt ist oder ob man das Geld nicht für andere Maßnahmen wie Schul- und Unterrichtsentwicklung, Lehrer/-innenweiterbildung oder Schulausstattung sinnvoller hätte einsetzen können. Standardstestungen sind - vernünftig durchgeführt und ausgewertet - ein gutes Instrument des Bildungsmonitoring. Dafür hätte eine Stichprobe mit maximal 10.000 Schülern völlig genügt. Mit jeder Ebene tiefer (Schule-Klasse-Schüler) wird die Interpretation der Ergebnisse problematischer.

STANDARD: Welchen Wert haben die Ergebnisse denn? Die im Mai getesteten Schüler sind jetzt in anderen Schulen. Sollte man ein Jahr früher testen, um fördern zu können?

Peschek: Für den getesteten Jahrgang bringen die Testergebnisse gar nichts mehr - außer vielleicht nachträgliche Verunsicherung. Daran würde auch eine Vorverlegung der Tests in die siebente Schulstufe wenig ändern. Es ist eine Illusion zu glauben, dass man die Auswirkungen jahrelang ungeeigneter Rahmenbedingungen oder unangemessener Unterrichtstätigkeit von Weihnachten, wenn die Ergebnisse da sind, bis Juni des achten Schuljahres kompensieren kann. Im günstigsten Fall gibt es positive Auswirkungen für die (über)nächste Generation getesteter Schüler. Die Rückmeldung der Ergebnisse an die Schüler ist generell populistischer Unfug, um es sehr vorsichtig auszudrücken.

STANDARD: Was soll mit Lehrern passieren, die in ihren Klassen schlechte Ergebnisse erzielen?

Peschek: Ich hoffe, dass allfällige Probleme nicht zu sehr individualisiert - und damit abgeschoben -, sondern einer kollegialen Bearbeitung und Lösung in der jeweiligen Fachgruppe zugeführt werden. Zunächst sollte man Ursachenforschung machen, ehe man sich zu Verurteilungen hinreißen lässt. Und gegebenenfalls hoffe ich - wie bei leistungsschwachen Schülern auch - dass man diese Lehrer kollegial unterstützt, dass man sie fördert, dass man ihnen hilft, sich zu verbessern und weiterzuentwickeln. Sie aus der Schule zu entfernen ist der letzte Ausweg und wäre für mich nur akzeptabel, wenn alle Unterstützungen und jegliche Verhaltensänderung verweigert werden.

STANDARD: Die Ergebnisse werden recht restriktiv veröffentlicht: Schüler erfahren ihr Ergebnis, Lehrer anonymisiert das der Klasse, Direktoren zusätzlich das Schulergebnis. An die Schulaufsicht gehen Schulberichte aus ihrer Region. Nur das Ministerium erfährt alles. Wie würden Sie damit umgehen?

Peschek: Ich plädiere für größtmögliche Transparenz, zugleich aber auch für einen verantwortungsvollen Umgang mit doch auch sensiblen Daten. Es ist niemandem damit geholfen, wenn einzelne Schulen, Lehrer oder gar Schüler öffentlich an den Pranger gestellt werden. Es geht um Verbesserungen, nicht um öffentliche Schuldzuweisungen.

STANDARD: Hauptschulen / Neue Mittelschulen werden gemeinsam ausgewiesen, AHS-Unterstufen extra - Kritiker meinen, um schlechtere NMS-Ergebnisse zu verbergen.

Peschek: Es wäre schon sehr heuchlerisch und zynisch, erst nach Leistung zu differenzieren und dann zu vertuschen, dass es Leistungsunterschiede gibt. Das sind politisch-ideologische Geplänkel, mit der Sache hat das wenig zu tun. Die relevante Frage wäre doch, ob leistungsschwächere Schüler in Hauptschulen oder NMS besser gefördert werden können als in der AHS oder in einer Gesamtschule. Auf diese Frage können die Standardstestungen aber keine Antwort geben. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 11.12.2012)

Werner Peschek (62)

ist Professor für Didaktik der Mathematik und leitet des österreichische Kompetenzzentrum für Mathematikdidaktik an der Uni Klagenfurt. Mitarbeiter seines Instituts haben für die Bildungsstandard-Testung rund 400 Test-Items entwickelt und dem Bifie Salzburg, das die Durchführung verantwortet, zur Verfügung gestellt.

  • Der Komplexitätsgrad der Mathematik-Bildungsstandards für die achte 
Schulstufe liegt etwas unter den Formeln, die am IST Austria in 
Klosterneuburg gelöst werden.
    foto: cremer

    Der Komplexitätsgrad der Mathematik-Bildungsstandards für die achte Schulstufe liegt etwas unter den Formeln, die am IST Austria in Klosterneuburg gelöst werden.

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