Der Herrgott und der kleine, große Mann

10. Dezember 2012, 18:01
250 Postings

Lionel Messi nach der Überflügelung von Gerd Müller auf seine 86 Tore zu reduzieren würde ans Blasphemische grenzen

Wien - Dass Lionel Messi kein Fußballspieler ist - keiner im land-, ja sogar weltläufigen Sinn -, war jedem klar, der diesen mittlerweile 25-jährigen Buben gesehen hat, wie er das tat, was bei anderen Kicken heißt. Dass der im argentinischen Rosario geborene Messi nun den 40 Jahre alten Torschieß-Rekord des Deutschen Gerd Müller übertroffen hat, ist aber nur eine belanglose Hausnummer. Sozusagen der äußere Anlass, endlich eine Hymne auch hier, in diesem sonst so zurückhaltenden Blatt, zu verfassen.

Ja, eh: Der Endzweck des höheren Fußballspielens ist der erfolgreiche Torschuss. Aber gerade bei dem von allerlei Wachstumsstörungen geschurigelt gewesenen Messi, dessen Familie die argentinische Wirtschafts- und Währungskrise einst ins Katalanische und in die Arme des FC Barcelona gespült hat, ist der Umstand, dass er 2012 in bisher 65 Pflichtspielen 86 Tore erzielte (besagter Müller scorte 1972 in 60 Partien 85-mal), nur eine biografische Marginalie.

Man soll die Göttlichkeitsmetapher nicht zu weit treiben. Aber in manchen Momenten erweckt Messi auf die ihm eigene Art den Eindruck, dem Numinosen näher zu sein als alle anderen Feldspieler. Als hätte der Funken aus dem Zeigefinger Gottes gerade den kleinen Argentinier getroffen. Alfred Polgar, der anderweitig davon berührte Miniaturenschreiber, hat das angesichts des alten Matthias Sindelar als einen beschrieben, der "Geist in den Beinen" gehabt habe, denen "im Laufen eine Menge Überraschendes, Plötzliches" eingefallen sei. Und Sindelar war, verglichen mit Messi, bloß ein Fußballspieler.

Geist und Gigant

Heutzutage gibt es leider keinen Polgar. Zeitungsschreiber müssen sich deshalb begnügen, Messis heurige Torflut so zu umschreiben, wie Nachrichtenagenturen aus dem Hause Müller vermelden. Demnach sei der nicht ganz 1,70 große Argentinier "ein Gigant", vor welchem der alte Haudegen, dessen Strafraumschenkel angeblich den Umfang einer durchschnittlichen Damentaille maßen, sich gerne auch verneige. Was bliebe ihm, dem heute 67-jährigen, einstigen Totmacher im Strafraum, auch anderes übrig?

Messi ist kein Totmacher. Und schon gar nicht ist er ein Torjäger. Beim Laufen wirkt er wie ein tiefergelegter Ferrari, der nach Belieben ins sogenannte Drag-Reduction-System schalten kann. Und das, ohne je die Kontrolle über den Ball zu verlieren. Ja, Messi kann auf dem Bierdeckel jemanden überspielen. So gesehen ist er ein Wiener Käfigkind. Aber wer hätte in Wien je jemanden gesehen, der das mit 150 km/h macht?

Bis zum nächsten Spiel, in dem er diese Unglaublichkeiten wieder in die Welt setzen wird, muss er noch im Korsett der Rekordaufzählerei verbringen. Nicht nur, dass er dem Gerd Müller - Weltmeister immerhin - die Rücklichter gezeigt hat mit seinen zwei Toren beim 2:1 über Betis Sevilla. Er ist damit auch Barcelonas allzeitbester Ligaschütze. Mit 192 Treffern in bisher 229 Spielen in der spanischen Meisterschaft übertraf er Cesar Rodriguez, der von 1939 bis 1955 deren 190 (in 287 Spielen) erzielt hatte.

Alle, die einen Mund haben, um ihn staunend aufzureißen, überschlagen sich nun. Sein Trainer Tito Vilanova, der mit dem 14. Sieg im 15. Saisonspiel ohne Niederlage den Startrekord ausbaute, sang: "Was Messi geschafft hat, erschien mir unmöglich." Auch die Kollegen sind eingenommen. "Das ist kaum zu glauben. Messi ist einfach übernatürlich", hymnisierte Gerard Pique. Und Javier Mascherano jubilierte: "Leo, für das, was du machst, gibt es keine Worte!"

Gäbe es wahrscheinlich schon. Aber nicht jetzt. Denn Messi, den der Herrgott nicht nur physisch so verbaut hat, dass er den Idealtypus des Brieskickers nahekommt, sondern auch noch mit so viel Esprit ausgestattet hat, ein Duundich bleiben zu wollen, ist kein Toreschießer. Sondern einer, hinter dem dann das Wort Kicker einen anderen, herausfordernderen Klang hat. (Wolfgang Weisgram - DER STANDARD, 11.12. 2012)

Stimmen:

"Er ist ein unglaublicher Spieler, ein Gigant und dabei ein so sympathischer und eher zurückhaltender Profi. Ich freue mich für ihn. Messi ist fantastisch", sagte der insofern ja ganz ähnlich gestrickte Gerd Müller. FIFA-Präsident Joseph Blatter nannte seinen Lieblingsspieler "einfach unglaublich", Johan Cruyff hält Messi für "unvergleichlich" und prophezeite ihm "fünf, sechs oder sieben" Weltfußballer-Titel: "Messi wird die meisten Ballons d'Or der Geschichte gewinnen." Und Gary Lineker meinte gar: "Der Rekord ist im Sack, der Goldene Ball ist im Sack - und die Auszeichnung als Größter aller Zeiten sicher auch!"

Auch die Presse bejubelte Messis Leistung mit diversen Superlativen. "Rakete Messi übertrifft Torpedo Müller", titelte die Zeitung Sport aus Barcelona. Die Madrider Zeitung "El Mundo" bezeichnete ihn als "außerirdisch", "einzigartig", "fabelhaft" und "erstaunlich". Sogar "El Pais" gab zu, Messi sei "ein unvergleichbarer Torjäger, der Beste, den es gibt". Und auch "Marca" kam zum Schluss: "Messi ist das Nonplusultra. Ein außerirdischer Rekordfresser, dessen Limit das Jenseits ist." Der "Independent" gab zu bedenken: "Die Diskussion, ob er der beste Spieler aller Zeiten ist, wird weitergehen. Und sie wird erst aufhören, wenn Messi auch den WM-Pokal gewinnt."

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Lionel Messi, der schüchterne Held: "Der Rekord ist zwar schön, aber was wirklich wichtig ist, ist, dass wir gewonnen haben. "Ich werde versuchen, bis Ende des Jahres noch ein oder zwei Tore mehr zu machen."

  • Artikelbild
Share if you care.