Knie im Kopf

10. Dezember 2012, 17:08
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Ein originelles Weihnachtsgeschenk ließ sich "Woman" einfallen - Christian Rainer durfte mit einer Botschaft für Adventstimmung sorgen

"Wer stapft durch den verschneiten Wald, hat weißes Haar und rote Backen?" Nein, es ist nicht H.-C. Strache, an dessen Unauffindbarkeit in diesen Tagen die Bundesländerpresse leidet. "Allmählich bereitet Ihre derzeit schon sehr ausgeprägte Wortkargheit erhebliche Sorge", ließ ihn die " Kleine Zeitung" am Freitag wissen, und am selben Tag fragten die "Salzburger Nachrichten" bang, aber nur rhetorisch: "Was wurde eigentlich aus HC Strache?" Um die Frage auch gleich zu beantworten: "Die meiste Zeit sitzt HC mit seiner externen Festplatte, Herbert Kickl, in Klausur, um schmissige Anti-Ausländer-Sager zu schnitzen, da Stronach Anti-EU viel besser kann"

Und der ist es auch, der "durch den verschneiten Wald stapft", selbstverständlich in Begleitung der "Krone bunt", wenn er nicht gerade die Bürger von Silver Springs, einer Gegend in Florida mit dem - republikanisch und steuerlich geförderten - Plan einer riesigen Rinderfarm samt angeschlossenem Schlachthaus in Aufregung und Sorge um ihr Grundwasser versetzen müsste. Obwohl er doch nur, wie der "Kurier" berichtete, 100 Arbeitsplätze schaffen wollte, zeigte er sich überrascht: "Mit den Bedenken der Bevölkerung habe ich nicht gerechnet."

Mit Bedenken der "Kronen Zeitung" musste er noch nie rechnen, da kann er mit einer doppelseitigen Huldigungsadresse rechnen, wenn er in Oberwaltersdorf "durch den verschneiten Wald stapft" und an Kinder Maroni verteilt. "Hier ist er nicht Milliardär, Politiker oder lautstarker Interviewpartner, sondern einfach nur "Onkel Frank" aus Amerika. Die Rolle als Gabenbringer liebt Stronach", wie inzwischen ganz Österreich weiß, mag es ihm "mit den Bedenken der Bevölkerung" leider auch hierzulande ergehen wie in Florida. Überall will er nur Gutes tun und wird doch so verkannt! Da ist es kein Wunder, wenn er "noch einmal sentimental auf die kargen Weihnachten seiner eigenen Kindheit" zurückblickt, und in einem Aufwaschen auch gleich auf seinen "ersten Heiligen Abend in Kanada. Einsam saß der junge Auswanderer in seiner Kemenate und sah sich im TV einen Western mit John Wayne an, um sich abzulenken". Im Vergleich zum Einkauf eines Parlamentsklubs eine sinnvolle Art, Weihnachten zu feiern.

Ein originelles Weihnachtsgeschenk ließ sich "Woman" für die Genießerinnen des Blattes einfallen. Christian Rainer, der Journalist mit der eisernen Sichellocke und in stetem Daueranlauf zum Dandy, bei dem Stefan Petzner nicht einmal in seinen Flügelschuhen mithalten kann, durfte mit einer Botschaft für Adventstimmung sorgen, die er "Profil" -Lesern bisher vorenthalten hat: "Sex wird überbewertet."

Diese Altersweisheit will sich der 51-Jährige in einer Karriere als "großer Womanizer" und im Laufe einer Psychotherapie angeeignet haben, die ihn von einem Leiden befreite, das den "Womanizer" weniger behindern dürfte als den Verfasser von Leitartikeln: "Tatsächlich hatte ich das Knie im Kopf". Ob "Profil"-Konsumenten eine Veränderung bemerkt haben? " Woman"-Leserinnen werden die Bekenntnisse einer gestylten Seele wie der zarte Hauch von Vanillekipferln in die Nasen steigen. Früher "Knie im Kopf, doch jetzt nehme ich mich an, aber nicht auf narzisstische Weise, wo man nur nach Perfektion strebt und schauspielert. Sondern nehme mich an - mit all den hellen und dunklen Seiten". Leicht ist das nicht. Bei vielen sorgfältig publizierten "Verflossenen ist es doch naheliegend, dass umgekehrt auch ich zur Trophäe werde. Ich frage mich oft: Was wird da eigentlich an mir geliebt?" Etwa gar das "Knie im Kopf"? So weit reicht die Fantasie nicht. Ist es "der Erfolg, die geborgte Macht, ein dummes italienisches Auto oder ich als Mensch!?" Nicht doch! Ein "Profil"- Herausgeber ist zum Leiden auserkoren: "Ich muss mich permanent darauf vorbereiten, dass meine Position, meine Gage, das Gegrüßtwerden auf der Straße von einem Tag zum anderen weg sein kann."

Wenn einem "die geborgte Macht" einmal ins Knie gestiegen ist, wird man "das Gegrüßtwerden auf der Straße" schwer vermissen. Aber Entschädigung winkt. "Mir ist wichtig, dass Frauen mich genießen. Erst dann will ich auch genießen. Guter Sex hat nichts mit Kamasutra zu tun." Da ist die Herausgeber-Stellung in "Profil" schon anregender, doch "das prägendere Buch für mich war "Hauffs Märchen"'. "Die starke Brutalität und Körperlichkeit darin hat mich schon mit sieben Jahren in einen Bann gezogen." Der kleine Muck als "großer Womanizer" - danke "Woman"! (Günter Traxler, DER STANDARD, 11.12.2012)

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