Banksoftware beeinflusst Rohstoffpreise

10. Dezember 2012, 17:06
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Untersuchungen des Ökonomen Heiner Flassbeck zeigen, dass sich auch Nahrungsmittel von Angebot und Nachfrage abkoppeln

Banker entdecken Nahrungsmittel wie Getreide, Zucker und Mais vermehrt als Handelsobjekte. Untersuchungen des Ökonomen Heiner Flassbeck weisen nun darauf hin, dass sich die Preise von Angebot und Nachfrage abgekoppelt haben. Die Sozialpartner haben das am Mittwoch auf einer von ihnen veranstalteten Tagung scharf kritisiert.

Nahrungsmittel tun es dem Öl nach

"Spekulation hat nichts mit freier Marktwirtschaft zu tun." Das betont nicht etwa ein Gewerkschafter, sondern Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl. "Die Bauern kommen ins Hintertreffen", kritisiert dafür Erich Foglar, Chef des Gewerkschaftsbundes (ÖGB). Wenn die Positionen innerhalb der Sozialpartnerschaft derart durcheinandergeraten, hat man einen gemeinsamen Gegner: die Rohstoffspekulanten.

Auf den Plan gerufen hat die Sozialpartner Heiner Flassbeck. Der Leiter der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) zeigt in Untersuchungen auf, dass sich an den Börsen Nahrungsmittel, Öl und Aktien seit geraumer Zeit im Gleichklang bewegen.

Unmündige Anleger

Da realwirtschaftliche Faktoren wie Missernten oder die Zunahme von Agrosprit dabei eine untergeordnete Rolle spielen, spricht Flassbeck von einem Versagen der Finanzmärkte. Anstatt Entscheidungen selbstständig zu treffen, würden Anleger wie ein Fischschwarm handeln. Dass diesem Verhalten menschliche Entscheidungen zugrunde liegen, stellt Flassbeck in Abrede. Vielmehr seien es Computer, von Mathematikern programmiert, die in Millisekunden kaufen und verkaufen und so die Märkte ausschlagen lassen. Orientieren würden sie sich bei ihren Kauf- und Verkaufsorders nicht an eigenen Informationen, sondern ausschließlich an dem, was die anderen Händler machen.

"Selbstreferenziell" nennt das der Ökonom Gert Wehinger, der für die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) arbeitet. Die Kritik am Hochfrequenzhandel teilt er mit Flassbeck. Immer mehr Derivatgeschäfte seien pure Spekulation: "Vor allem kurzfristig kann es daher zu absurden Preisbewegungen führen." Es lasse sich aber auch nicht von der Hand weisen, dass das Wetter, die Demografie und Exportbeschränkungen den Großteil des langfristigen Auf und Ab erklären.

Das beruhigt Flassbeck indes wenig. Es mag schon sein, dass die steigende Erdbevölkerung Preisanstiege rechtfertige. Allerdings sei es fragwürdig, es den Hochfrequenz-Händlern zu überlassen, den "Preis der nächsten 20 Jahre festzusetzen". Dass der Markt immer die richtigen Entscheidungen trifft, ist für den Ökonomen ein Irrglaube. 

Angebot und Nachfrage entkoppelt

Flassbeck macht das etwa am Ölpreis fest. Dieser habe "nichts mit Angebot und Nachfrage zu tun". Seine UNCTAD-Studie zeigt, dass ein Ereignis - etwa schlechtere US-Arbeitsmarktzahlen - innerhalb von Minuten nicht nur den Preis des Öls, sondern auch jenen des realwirtschaftlich vom Öl abgekoppelten Kakaos ausschlagen lassen kann. Das Handelsvolumen steigt in beiden Fällen drastisch an.

Dasselbe Phänomen, nur über einen längeren Zeitraum, hat Flassbeck bei der Entwicklung des brasilianischen Real und des Ölpreises beobachtet. Von November 2011 bis November 2012 haben sie dieselbe Aufwärtsbewegung vollzogen. Der Ökonom vermutet dahinter Spekulation: "Es stecken die gleichen Motive dahinter." 

Regeln gefordert

Sorgen bereitet beiden Experten vor allem die mangelnde Regulierung. Die G20-Staaten seien noch zu Beginn des Weges stehen geblieben, kritisiert Flassbeck. Wehinger sieht vor allem in der Kombination von Computerhandel und nicht regulierten Bankvehikeln - sogenannten Schattenbanken - Gefahr.

Das ist auch der Punkt, wo die Sozialpartner - zu denen neben Wirtschaftskammer und Gewerkschaftsbund, auch Arbeiter- und Landwirtschaftskammer gehören - wieder einhaken. Da das Auf und Ab der Lebensmittelpreise sich nicht durch Angebot und Nachfrage erkläre, fordern sie klare Regeln für den Handel mit Rohstoffen. Da vor allem die weniger begüterten Menschen unter den hohen Preisen leiden, dränge die Zeit. Auf österreichischer Ebene will man vorerst abwarten, es könne aber durchaus "verteilungspolitische Konsequenzen" geben, sagte etwa ÖGB-Chef Foglar vage.

Gegenwind

In jedem Fall bemühen sich UNCTAD und OECD um breiter gefasste Studien. Mit Gegenwind müssen sie schon jetzt rechnen. Jüngst haben etwa deutsche Forscher einen Zusammenhang von Spekulation und steigenden Lebensmittelpreisen zurückgewiesen. Sie haben 35 Arbeiten zum Thema durchgeforstet und kommen zu dem Schluss: "Der zivilgesellschaftliche Alarm ist als Fehlalarm einzustufen." (Hermann Sussitz, derStandard.at, 10.12.2012)

Wissen

Die Sozialpartner haben am Montag eine Enquete zum Thema "Der Einfluss der Finanzmärkte auf die Rohstoffpreise" veranstaltet.

  • UNCTAD-Direktor Heiner Flassbeck: "Fragwürdig, es den Hochfrequenz-Händlern zu überlassen, den Preis der nächsten 20 Jahre festzusetzen".
    foto: epa/trezzini martial

    UNCTAD-Direktor Heiner Flassbeck: "Fragwürdig, es den Hochfrequenz-Händlern zu überlassen, den Preis der nächsten 20 Jahre festzusetzen".

  • 2002 waren Aktien, Öl und Rohstoffe noch entkoppelt. Nicht so 2012.
    foto: unctad/flassbeck

    2002 waren Aktien, Öl und Rohstoffe noch entkoppelt. Nicht so 2012.

  • Durch Finanznews senkt oder hebt sich beim computergesteuerten Handel der Daumen über Rohstoffe. Hier sind es Arbeitsmarktzahlen, die Kakao und Öl innerhalb von Minuten nach unten treiben.
    foto: unctad/flassbeck

    Durch Finanznews senkt oder hebt sich beim computergesteuerten Handel der Daumen über Rohstoffe. Hier sind es Arbeitsmarktzahlen, die Kakao und Öl innerhalb von Minuten nach unten treiben.

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