Wenn alle weinen, sollte es einen geben, der nicht weint

10. Dezember 2012, 17:25
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Diskussionen um den Nobelpreisträger Mo Yan, der sich zwischen alle Stühle gesetzt hat

Während im Vorfeld der Verleihung des Literaturnobelpreises an Mo Yan im Westen heftige Kritik am Autor laut wurde und die Preisträgerin des Jahres 2009, Herta Müller, "eine Ohrfeige für alle, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen" konstatierte, bereitet sich nun Chinas Gesellschaft unterschiedlich auf die Rückkehr ihres frischgekürten Literaturpreisträgers vor. Sie ist zerstritten, wie sie mit dem für die kommunistische Parteiführung wie auch für die kritische Intelligenz des Landes gleichermaßen unbequemen Autor umgehen soll, der sich zwischen alle Stühle gesetzt hat.

Er bewies das am Wochenende erneut mit seiner lang vorbereiteten, eloquenten und dennoch versteckt listig in Chinas Wunden bohrenden Nobelpreisrede. Tags zuvor hatte er auf seiner Pressekonferenz in Stockholm viele Fans bitter enttäuscht und bezog von Bloggern im chinesischen Internet eine Breitseite an Onlineprügeln. Mo Yan hatte in einem peinlichen Vergleich um Verständnis für Pekings diktatorisch ausgeübte Zensur über Kunst und Kultur geworben, indem er sie mit den unbequemen, aber notwendigen Sicherheitskontrollen auf internationalen Airports gleichsetzte.

Die chinesischen Bürgerrechtler stieß er zudem mit seiner Weigerung vor den Kopf, sich für seinen auf elf Jahre inhaftierten Landsmann und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und für dessen seit 26 Monaten in Sippenhaft im Hausarrest mitgefangenen Frau Liu Xia offen zu verwenden. In seiner Rede setzte sich Mo Yan überraschend mit der Debatte auseinander. Als Preisträger werde er "mit Blumen überhäuft, aber auch mit Steinen beworfen und mit Schmutzwasser überschüttet".

Er wolle dazu eine Geschichte erzählen, fuhr er fort und berichtete von einem Erlebnis aus seiner Schulzeit. Als Grundschüler hätte er sich mit der Klasse eine kommunistische Propagandaausstellung über das "Leid unseres Volkes" in der alten Gesellschaft anschauen müssen. Alle weinten pflichtgemäß oder halfen "mit Spucke nach", um so zu tun, als ob ihnen die Tränen kamen. Nur ein Junge machte nicht mit. Mo gehörte zu jenen, die ihn beim Lehrer verpetzten, der den Schüler bestrafen ließ. Später sei er über sich "tief beschämt gewesen". Er habe daraus eine Lehre gezogen: "Wenn alle weinen, dann sollte es einen geben, der nicht weint. Wenn das Geheule nur Schau ist, dann ist es umso wichtiger, dass einer sich dem Weinen verweigert."

Mo Yan hat seine Festrede auf Anekdoten und Geschichten aus seiner Kindheit und über seine Mutter aufgebaut. Ältere Chinesen verstehen seine hintergründigen Botschaften. Die Episoden spielen zur Zeit der Hungerjahre verelendeter Bauern unter Maos "Großen Sprungs nach vorn", bei dem Millionen umkamen. Seine Mutter sei als einfache Bäuerin fähig gewesen, allen Hass auf andere zu überwinden und selbst in größter Not noch teilen zu können. Mo verrät zwischen den Zeilen, dass er dank seiner Mutter im Geist universaler moralischer Werte aufwuchs, und das in einem Land, wo Klassenhass und Klassenkampf die herrschende Doktrin waren.

Pekings Propagandisten möchten weder an die unbewältigte Vergangenheit noch durch eine Debatte um Mo an den "leeren Stuhl" 2010 in Oslo erinnert werden, auf den sich der eingesperrte Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo nicht setzen konnte. Wie blank ihre Nerven liegen, zeigt eine aktuelle Anekdote: Chinas Regierung will als Zeichen weiterer Weltoffenheit die Einreisebestimmungen für Transitbesucher der Hauptstadt erleichtern. Durchreisende Touristen aus 45 Ländern dürfen künftig in Peking bis zu 72 Stunden auch ohne Visum einen Zwischenstopp machen.

Zu den privilegierten Ländern gehören fast alle Staaten Europas bis auf Norwegen. Als der US-Fernsehsender CNN, der in China weitverbreitet empfangen werden kann, den Grund dafür meldete, wurde die Nachricht von der Zensur sofort ausgeblendet. Norwegen würde keine Visa-Erleichterungen erhalten, weil es sich "schlecht benommen hat". 2010 wurde in Oslo der Friedensnobelpreis an Liu Xiaobo vergeben, und die norwegische Regierung hätte das nicht verhindert. (Johnny Erling, DER STANDARD, 11.12.2012)

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    Eine Breitseite an Onlineprügeln: Mo Yan.

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