Die Super-Kanonenboot-Politik der USA

Blog10. Dezember 2012, 17:07
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Die Stimmung war wehmütig als die USS Enterprise vergangene Woche ihre letzte Mission beendete und in Norfolk einlief. Selbst William Shatner, als Captain Kirk Kommandant einer anderen USS Enterprise, bedauerte das Ende des ersten atomgetriebenen Superträgers der US-Navy. Nun, ein paar Tage später, sind die Reminiszenzen verflogen. Und wenige Autominuten vom Heimathafen der Enterprise entfernt, wird ohne große Gefühlsaufwallungen die kommende Generation US-amerikanischer Flugzeugträger gebaut.

Newport News, Virginia. Huntington Ingalls Industries. In der Werft, einem Ableger des Rüstungskonzerns Northrop Grumman, entstehen derzeit CVN-78 und CVN-79. Das Akronym steht für "Aircraft Carrier, Nuclear". Es sind die beiden ersten Träger der Ford-Klasse, benannt nach der USS Gerald R. Ford, dem ersten Schiff dieser Serie. 2015 soll sie in Dienst gestellt werden. 2020 soll die USS John F. Kennedy (CVN-79) folgen und 2025 die neue USS Enterprise (CVN-80). Wie ihre Vorgänger der Nimitz-Klasse werden sie rund 100.000 Standard-Tonnen Verdrängung haben, 333 Meter lang, 30 Knoten (55 km/h) schnell und 20 Stockwerke hoch sein. Sonst aber wird kaum etwas beim alten bleiben in der Ford-Klasse.

Genderneutrale Ausstattung

Sie werden rund 90 Kampfjets an Bord haben (darunter die neue F-35), die im Normalmodus 160 statt 140 Starts pro Tag absolvieren können. Abgeschossen werden sie nicht mehr mit Dampf-Katapulten, sondern mit einer elektromagnetischen Vorrichtung. Die Träger werden schwerer von Radars zu erfassen sein, modernere Raketenabwehrsysteme (Sea Sparrows) haben, einen neuen Nuklear-Antrieb bekommen und, ja, erstmals genderneutral auch über keine Urinale verfügen. Sie können mit weniger Crew (bis zu 900 Personen weniger) und in Zukunft auch mit unbemannten Flugzeugen betrieben werden. Alles in allem soll die Ford-Klasse effizienter sein und auch flexibler als ihre Vorgänger-Klasse in Bezug auf technische Aufrüstbarkeit. Denn die Lebensdauer solche Schiffe ist immerhin auf 50 Jahren ausgelegt.

All das lassen sich die USA einiges kosten: Rund fünf Milliarden Dollar hat die Navy in die Entwicklung der Ford-Klasse gesteckt. Die Träger selber kommen auf Stückkosten von je acht Milliarden Dollar. Bis zum Jahr 2058 sollen insgesamt 42 Milliarden Dollar in das Programm fließen. Die bisherige Flottenstärke - 11 Träger(-gruppen) - soll dabei nach dem ausdrücklichen Wunsch des Pentagon erhalten bleiben.

Unterschiedliche Positionen

Daran allerdings scheiden sich die Geister. Es gibt Kritiker wie Senator John McCain, der während der Kuba-Krise selbst auf der USS Enterprise Dienst getan hat und der für ein Weiterlaufen der Nimitz-Klasse eintrat. Und es gibt Renegaten, die Super-Flugzeugträger selbst als Dinosaurier des Kalten Krieges abtun, die in heutigen Konflikten teure, weitgehend nutzlose und dazu leicht verwundbare Ziele für schnellfliegende Anti-Schiff-Raketen und Cyberattacken seien. Kosteneffizienter und zumindest gleich effektiv seien kleinere Trägermodelle, die etwa die Marines verwendeten.

Das Pentagon argumentiert in seiner "Cooperative Strategy for The 21. Century Sea Power" naturgemäß anders. Dort sieht man die Carrier als "1,8 Hektar souveränes US-Territorium", das überall auf der Welt eingesetzt werden kann. Durch sie lasse sich schnell See- und Luftüberlegenheit herstellen und amerikanische Macht ohne Feilschen um Überflugsrechte global projizieren. Zuletzt hätten sie das bei den Operationen in Afghanistan, dem Irakkrieg 2003 oder diversen Anti-Terror-Einsätzen unter Beweis gestellt. Die Träger schützten außerdem Handels- und Energietransport-Routen. Und sie seien billiger im Betrieb als Festland-Trägerbasen wie Diego Garcia oder Guam.

Fokus auf China

Daneben spielt auch der neue Fokus der US-Militärs auf den Pazifik und die aufstrebende Supermacht China eine Rolle. Derzeit hat die Navy 50 Prozent ihrer Kräfte im Pazifik gebündelt, 2020 sollen es 60 Prozent sein. China hat zuletzt mit großem Trara seinen umgebauten Träger der sowjetischen Kusnezow-Klasse vorgeführt. Die Liaoning (ehemals Varyag) ist zwar für militärische Operationen kaum zu gebrauchen, macht aber den Anfang für ein ambitioniertes Carrier-Programm. Kapitän Li Jie vom chinesischen Marineforschungsinstitut in Peking formuliert die Strategie so: "Flugzeugträger sind unvergleichliche Waffen. Sie können nicht durch andere Systeme ersetzt werden. Wenn eine Großmacht auch eine starke Macht werden will, dann muss sie Flugzeugträger entwickeln."

Freilich hat China auf die USA noch einige Jahrzehnte Nachholbedarf in dieser Waffengattung. Zu kompensieren versuchen die Chinesen das durch hochmoderne ballistische Anti-Schiff-Raketen, so genannte Carrier Killer (DF-21D). Sie haben eine Reichweite von 900 Meilen und würden US-Träger im Konfliktfall zwingen, deutlich weiter als die üblichen 300 Meilen vor der Küste zu operieren.

"Welcher Flugzeugträger ist in der Nähe?"

Auch andere Nationen mit globalen Machtambitionen legen sich Flugzeugträger zu: Indien soll demnächst den ersten von zwei Trägern der Vikrant-Klasse bekommen. Großbritannien baut derzeit zwei Carrier der Queen Elizabeth-Klasse. Brasilien betreibt einen Träger französischer Bauart, Thailand einen aus britischer Fertigung. Frankreich findet vorerst mit der Charles de Gaulle das Auslangen, Italien hat der Giuseppe Garibaldi vor drei Jahren die Cavour beigestellt und auch Spanien hat zwei kleine Träger.

"Wann immer das Wort Krise in Washington die Runde macht, ist die erste Frage, die jedem über die Lippen kommt diese: Welcher Flugzeugträger ist in der Nähe?" Das sagte Bill Clinton 1993 an Deck der USS Theodore Roosevelt. Ob die Super-Carrier nun für "100.000 Tonnen Diplomatie" oder für "Super-Kanonenboot-Politik" stehen, angesichts der Trägerprogramme allenthalben wird die Frage zunehmend auch außerhalb Washingtons relevant. (Christoph Prantner, derStandard.at, 10.12.2012)

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    Die Gerald R. Ford in der Huntington Ingalls-Werft in Newport News, Virginia, Mai 2011. Grafik zu den Neuerungen der Fordklasse auf naval-technology.com.

  • Ein Rendering der Gerald R. Ford.
    foto: naval-technology.com

    Ein Rendering der Gerald R. Ford.

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    Die USS Nimitz, das Typschiff der Nimitz-Klasse. 1975 in Dienst gestellt, Einsatz voraussichtlich bis 2025.

     

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