"Die Angst ist riesengroß"

Interview11. Dezember 2012, 09:36
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Fabienne Nadarajah versucht bei der am Mittwoch anhebenden Kurzbahn-WM in Istanbul ihre Sprintstärke wiederzufinden. Ein Gespräch über das Ablaufdatum einer Schwimmkarriere, die Furcht vor dem Leben danach und die Option Triathlon

derStandard.at: Gibt es ein konkretes Ziel für die WM in Istanbul?

Nadarajah: Schneller schwimmen als bei der Kurzbahn-EM in Frankreich. Ich habe keine konkrete Platzierung im Kopf, schaue mir vor Großereignissen auch nie an, wer von der Konkurrenz startet. Ich möchte wieder zurückfinden auf die 50 Meter, die ich im letzten Jahr wegen der Olympischen Spiele vernachlässigen musste.

derStandard.at: Ihre letzten Jahre waren ein Auf und Ab, Sie waren von Ihrer Bestform ein Stück entfernt. Kommt Istanbul zur rechten Zeit, um wieder durchzustarten?

Nadarajah: Man darf den Einfluss des Materials nicht vergessen. Es gab die Phase der Ganzkörperanzüge, die sehr schnelle Zeiten zuließen. Jetzt gehen sie nur mehr bis zu den Knien. Von meiner alten Bestzeit über 50 Meter Delfin mit dem Anzug (25,9 Sekunden) bin ich nicht so weit entfernt. Ich habe für die Olympischen Spiele auf die lange Distanz trainiert und dafür meine Schnelligkeit vernachlässigt. Ich brauche aber auch einfach mehr Training, um wieder näher an die Spitze heranzurücken.

derStandard.at: Den Olympia-Traum konnten sie nicht verwirklichen.

Nadarajah: Ich kann mir nichts vorwerfen, ich habe alles dafür gegeben. Die Spiele und ich, das ist einfach eine eigene Geschichte. Mein nächstes Ziel nach Istanbul ist schon die Schwimm-WM in Barcelona im Sommer.

derStandard.at: Es gab bei Ihnen einige Trainerwechsel in der jüngsten Vergangenheit. Haben Sie jetzt die richtigen Ansprechpartner?

Nadarajah: Ich trainiere wieder in der Südstadt und habe dort optimale Bedingungen, weil mein langjähriger Ex-Trainer Robert Michlmayr dort für den Triathlon-Verband arbeitet. Wenn ich etwa auf Technik schwimme, frage ich ihn, ob er auch mitschauen kann. Er weiß, wo es bei mir hapert, und das hilft auch meinem neuen Trainer Adam Thoroczkay, der sich leichter auf mich einstellen kann. Ich habe somit zwei Experten zur Unterstützung.

derStandard.at: Davor wurden sie ein Jahr von Zeljko Jukic, dem Vater von Mirna und Dinko, betreut. Warum war die Zusammenarbeit nach so kurzer Zeit zu Ende?

Nadarajah: Für die langen Distanzen ist er genau der richtige Mann. Seine Kinder schwimmen ja hauptsächlich 200 Meter. Es war eine sehr interessante Erfahrung für mich, weil ich viel im Bereich der Grundlagenausdauer trainiert habe. Die 50 Meter liegen mir aber eher. Ich kann jetzt aber nur mehr das herauskitzeln, was noch da ist. Wäre ich jünger, würde ich den Weg über die langen Distanzen wohl gehen.

derStandard.at: Sie sind jetzt 27 Jahre alt. Was ist da im Schwimmsport noch möglich? Die Topathletinnen werden immer jünger.

Nadarajah: Meine Zeit im Becken hat auf jeden Fall ein Ablaufdatum. In sportlichen Jahren gemessen bin ich schon sehr alt. Die jungen Mädels werden stärker, ich gehöre schon zur älteren Bagage. Sich damit abzufinden ist aber sehr schwer. Das Schwimmen war immer mein Lebensmittelpunkt, hat mir Freude gemacht. Einen Job, den man gerne macht, wechselt man nicht einfach so.

derStandard.at: Mirna Jukic hat früh ihre Karriere beendet. Haben Sie ans Aufhören gedacht?

Nadarajah: In letzter Zeit doch immer öfter. Es ist wie bei so vielen Dingen im Leben: Wenn es schlecht rennt, denkt man häufiger daran, den Hut draufzuhauen. Ich denke, es wird halt schwierig, etwas zu finden, was dem Schwimmsport entspricht, wo ich diesen Ehrgeiz und diese Motivation entwickeln kann und die Eigenschaften nutzen kann, die mich mein Leben lang geprägt haben. Ich werde aber dazu gezwungen. Wohin die Reise geht, weiß ich noch nicht. Bis Rio 2016 schwimme ich aber natürlich nicht.

derStandard.at: Sie drücken sich auf den Punkt genau aus. Jobs in der Kommunikationsbranche gibt es en Masse. Wäre das etwas für Sie?

Nadarajah: Wenn man mittendrin ist als Leistungssportler, denkt man nicht darüber nach, was danach ist. Mit dem Älterwerden ändert sich das zwar, man schiebt den Zeitpunkt aber trotzdem hinaus. Ein Leben im Büro ist in manchen Momenten unvorstellbar, weil ja die Arbeitserfahrung fehlt. Nicht einmal im Sommer blieb in den letzten Jahren Zeit für Praktika. Mein Glück ist, dass ich sehr gute Freunde habe, die mich unterstützten und mir jede Frage, und sei sie noch so blöd, beantworten. Die Angst vor dem Wechsel ist aber natürlich riesengroß.

derStandard.at: Sie betreiben eine Schwimmschule mit Ihrer Schwester. Gibt es da weitergehende Überlegungen?

Nadarajah: Wir veranstalten Kursblöcke, einen Tag pro Woche, zehn Wochen hindurch. Geschwommen wird in Donaustadt, ab März auch in Döbling. Das ist ein Training für Kinder. Ich kann mir nicht vorstellen, als Profitrainerin im Spitzensport zu arbeiten. Nach meiner aktiven Karriere will ich einen klaren Schlussstrich ziehen, mir die Freizeit gönnen, die ich bisher nie hatte. Als Betreuerin lebt man dieses Leben ein zweites Mal, mit allen Auf und Abs.

derStandard.at: Ich nehme an, Ihr langjähriger Trainer Robert Michlmayr kann ein Lied davon singen?

Nadarajah: Robert hat alles mit mir durchgemacht, er war beim größten Erfolg genauso dabei wie bei den beschissensten Rennen. Und er war immer für mich da. Wenn ich ihn um 3 Uhr in der Nacht angerufen habe, weil ich Bauchschmerzen hatte, hat er abgehoben. Dafür bin ich ihm ewig dankbar. Ob ich aber so viel für einen jungen Sportler geben kann, weiß ich nicht.

derStandard.at: Wie viel Zeit verschlingt Ihr Trainingsplan?

Nadarajah: Ich habe im Jahr zwei Wochen Pause. An Heiligabend und am 25. Dezember ist für mich heuer frei. Ansonsten absolviere ich zehn Trainingseinheiten die Woche, an einem normalen Tag stehe ich um 6.30 Uhr auf, von 7.30 bis 9.30 Uhr wird geschwommen. Dann geht es ab in die Kraftkammer bis 12 Uhr. Nach dem Essen lege ich mich oft hin, weil ich erledigt bin.

derStandard.at: Keine Zeit zum Einkaufen?

Nadarajah: Vielleicht gehen sich ein oder zwei kurze Besorgungen aus. Um 16 Uhr ist schon wieder Trockentraining, und von 17 bis 19 Uhr bin ich im Wasser. Ganz selten geht sich am Abend noch ein Essen mit Freunden aus, die man meistens schon ewig nicht mehr gesehen hat. Spätestens um 22 Uhr bin ich totmüde und bereit zum Schlafengehen.

derStandard.at: Wäre Triathlon für Sie eine Option? Da wären Sie zu Beginn jedes Rennens klar vorne.

Nadarajah: Nein, um Gottes willen. Für mich als Schwimmerin ist Laufen das absolute No-go. Die Triathleten schwimmen außerdem längere Strecken, und das auch noch im Freiwasser. Da habe ich ja gar keine Orientierung. Und es tummeln sich da auch sehr gute Ex-Profischwimmerinnen wie die Schwester von Aaron Peirsol. So locker wäre ich da nicht vorne dabei.

derStandard.at: Sie haben in den letzten Jahren Fotoshootings absolviert, Zeitungskolumnen geschrieben, am Society-Parkett getanzt. Ist das Schwimmen in den Hintergrund gerückt?

Nadarajah: Nein. Es haben sich einfach Möglichkeiten geboten, die ich nie gehabt hätte, wäre ich nicht Schwimmerin geworden. Ich habe aber nie den Blick für das Wesentliche verloren. Der Rückblick auf meine Karriere wird in jedem Fall sehr positiv ausfallen, ich bereue nichts. Du brauchst Abwechslung, das Leben nach einem Trainingsplan kann auf Dauer ziemlich einsam machen. (Florian Vetter, derStandard.at, 11.12.2012)

Fabienne Nadarajah (27) ist neben Mirna Jukic die erfolgreichste Schwimmerin der jüngsten österreichischen Vergangenheit. Ihre Medaillen hat die sprintstarke Wienerin allesamt auf der Kurzbahn geholt (4 x EM-Bronze, 1 x WM-Silber.)

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    "Die Angst vor dem Wechsel ist riesengroß", sagt Fabienne Nadarajah über das Zurechtfinden im Arbeitsleben nach dem Schwimmen.

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    Als Sujet für diverse Bikini-Nummern schaffte es Nadarajah, auch abseits ihres Kerngeschäfts zu reüssieren.

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    Ein Pech hatte Nadarajah: Ihre stärksten Disziplinen, die 50 m Delfin und 50 m Rücken, werden im Rahmen der Olympischen Spiele nicht geschwommen.

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