Israel in Palästina: Großes Leid auf beiden Seiten

Gastkommentar |

Eine Replik auf "Befreit Gaza - von der Hamas!"

Bevor die Welt in "Shoahüberlebende und ihre Nachkommen auf der einen Seite und eine antisemitische, misogyne und schwulenhassende Mörderbande auf der anderen Seite" aufgeteilt war, wie Stephan Grigat zuletzt in einem Kommentar der anderen unter dem Titel "Befreit Gaza - von der Hamas!" schrieb, gab es einen realen Konflikt um ein Land, auch wenn Grigat das nicht für möglich halten sollte. Menschen, die in einer bestimmten Region leben und arbeiten, und Menschen, die in diese Region fliehen, weil ihnen woanders das Leben verwehrt, ihnen nach dem Leben getrachtet wird. Woanders, das ist hier, in Österreich und Deutschland hauptsächlich. Die Palästinenser haben damit nichts zu tun, sie haben keine Schuld daran und tragen sie doch seit nunmehr 70 Jahren und mehr auf ihren Schultern.

Und sie haben alles versucht, um auf ihre missliche Lage aufmerksam zu machen, sich zu wehren gegen die Enteignung ihres Landes, die Verdrängung von ihrem Boden, gegen die völlige Vereinnahmung ihres Lebens. Selbst bei absolut gewaltfreien Demonstrationen, wie sie wöchentlich und monatelang etwa in dem Dorf Beilin stattfanden (die immerhin zu einer gerichtlich befohlenen Änderung des Mauerbaus um ein paar Meter führten, um die Olivenhaine des Dorfes herum), gab es Verletzte durch massiven Einsatz von Tränengas und auch Tote (dazu gab es bei der Viennale den erschütternden Dokumentarfilm "5 Broken Cameras").

Ob Hamas eine gute politische Vertretung für die Palästinenser ist oder nicht, sollten diese unter möglichst demokratischen, also angstfreien Bedingungen selbst entscheiden können. Die Etikettierung als Terrororganisation durch die US-Regierung und dann auch die EU hat diese demokratische Entscheidungsmöglichkeit sicher nicht erleichtert. Was heißt schon "Terrororganisation" - wenn man letztlich zu den Siegern gehört. Den früheren israelischen Regierungsmitgliedern Shamir und Begin wäre es nie in den Sinn gekommen, ihre Zugehörigkeit zu den "Stern-Brigaden" zu bestreiten - es ging ja um die "richtige Sache" und es war erfolgreich, der Staat Israel wurde gegründet.

Für einen Staat Palästina hingegen stehen die Chancen nach wie vor schlecht, aber ein weiterer Krieg gegen Gaza macht die Chancen für einen in der Region akzeptierten Staat Israel auch nicht viel besser. Wen der "Preis großen Leids auf beiden Seiten" (Uri Avneri) nicht unberührt lässt, der kann nur wünschen, dass weder die aktuelle israelische Regierung noch Hamas die Geschicke ihrer Bevölkerung weiterhin bestimmen.

Aber wir können es uns nicht aussuchen. Wir können unsere eigenen Regierungen auffordern, sich für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einzusetzen, für eine Zukunft, in der Palästinenser und Israelis die Chance bekommen, gleichberechtigt - also mit gleichen Rechten ausgestattet - leben zu können. (Susi Anderle, derStandard.at, 10.12.2012)

Susi Anderle ist lanjährige Aktivistin im "Committee for Social and Medical Relief for Palestinians".

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