Autismus: Perspektiven wechseln

Jutta Berger
10. Dezember 2012, 08:06

Autisten ist ihre Beeinträchtigung selten anzusehen - Das macht ihr Leben nicht einfacher, denn noch fehlt der Gesellschaft Verständnis für ihr "gestörtes" Verhalten

Kecker Kurzhaarschnitt, wache Augen, den Anflug eines Lächelns um die Lippen. Die Frau, die aus dem großen Zeitungsinserat blickt, wirkt sympathisch, ganz "normal". Ist sie auch, über ihrem Bild steht in großen Lettern: "Eine ganz normale Autistin". Petra, 43 Jahre alt, ist eines der Models, das in einer Informationskampagne der Autistenhilfe Vorarlberg um Verständnis für die Erkrankung wirbt.

Im Gegensatz zu körperlich beeinträchtigten Menschen ist Autisten ihr Anderssein meist nicht anzusehen. So überrascht ihr Agieren und Reagieren und wird oft falsch verstanden. Wer wie Petra gesellschaftlich etablierte Codes nicht begreift, weder Höflichkeitsfloskeln noch Smalltalk beherrscht und erst recht nicht mit nonverbaler Kommunikation zurecht kommt, eckt an. Ihre sehr direkte Art der Kontaktaufnahme habe nichts mit schlechter Erziehung zu tun, erklärt der Bildtext, sondern mit der Autistinnen und Autisten eigenen, völlig anderen Art der Wahrnehmung, ihrer fehlenden Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Sensibler Umgang

"Für Autismus, eine Beeinträchtigung, die man nicht sieht, hat unsere Gesellschaft noch kein Bewusstsein", weiß Irma Gerstenmayer-Hausenblas aus täglicher Erfahrung. Ihr zehnjähriger Sohn Oskar ist Autist und ein Lausbub mit originellen Leidenschaften: Staubsaugen und Rasenmähen. Er hat besondere Fähigkeiten, kann Geräusche, vor allem die seiner Lieblingsgeräte, tongenau imitieren. Unbekannte Geräusche können bei ihm aber Panik auslösen, die sich lautstark äußert.

Je älter ihr Sohn werde, umso verständnisloser reagierten Menschen auf ihn, bedauert Irma Gerstenmayer-Hausenblas: "Zuerst war er klein und süß, da durfte er sich aufführen, jetzt beschimpfen ihn Leute oder schubsen ihn sogar, weil er ist, wie er ist." Fix und fertig könne einen das als Mutter machen: "Ich bin ja nicht immer in der Verfassung, jedem zu erklären, was mit dem Kind los ist." Die Bregenzerin hat die Informationskampagne initiiert, ihr Mann, der Grafiker Christian Gerstenmayer, hat sie umgesetzt: "Das Ziel der Kampagne ist, dass Menschen sensibler mit Autisten umgehen, ein Gefühl für diese Krankheit bekommen."

Fehlendes Einfühlungsvermögen

Toleranz und Verständnis für die andere Wahrnehmung der Wirklichkeit wünscht sich auch Therese Zöttl, pädagogische Leiterin von Rainman's Home, einer Einrichtung zur Integration und Ausbildung von Autisten in Wien. Die Fähigkeit, sich in die Gefühlswelt anderer zu versetzten, die Autisten durch Fehlsteuerungen im Gehirn fehlt, vermisse sie auch bei vielen sogenannten Normalen: "Ich wünsche mir, dass man Autisten nicht als fremd und bedrohlich sieht, sondern versucht, die Perspektive zu wechseln, die Welt mit ihren Augen zu sehen."

Das sei nicht so einfach wie bei anderen Behinderungen, räumt die Pädagogin ein, "Blindsein kann man sich vorstellen, indem man die Augen schließt", sich in die Welt von Autisten zu versetzten sei ungleich schwieriger, "da brauchen wir noch viel Aufklärung". Schleifen zum Sichtbarmachen von Autisten, wie sie in den USA getragen werden, oder Buttons, wie der von Christian Gerstenmayer entworfene, beurteilt Zöttl skeptisch: "Das kann als Stigmatisierung aufgefasst werden."

Einfach anders

Nicht alle Autisten sehen ihr Anderssein als Beeinträchtigung. Ein kleiner Teil von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung hat das Asperger-Syndrom (benannt nach dem Wiener Kinderarzt Hans Asperger). Betroffene dieser milden Form von ASS sind oft überdurchschnittlich intelligent, zeigen Spezial-, auch Hochbegabungen, aber auch große Schwierigkeiten in der Interaktion mit anderen. Sie gelten als "wunderlich", wenn sie sich intensiv ihren Spezialinteressen widmen und von der Umwelt abkapseln. Im besten Fall gehen sie als "Nerds" durch, im schlimmsten bekommen sie psychiatrische Fehldiagnosen und -behandlungen.

Asperger-Betroffene starteten bereits in den frühen 1990er-Jahren in den USA eine Empowerment-Bewegung, die im ersten Autistic Pride Day 2005 gipfelte. Mittlerweile sind Aspies, wie sie sich selbst nennen, auch in Europa aktiv.

Aspies-Gruppen organisieren sich in Netzwerken, gründen Vereine, betreiben Websites und Foren. Asperger-Betroffene schreiben Bücher und geben damit Einblick in ihre Lebenswelten.

Ihr Ziel: Sie wollen nicht als beeinträchtigt gesehen werden und verstehen Autismus nicht als Krankheit, sondern als Teil ihrer Persönlichkeit. "Wir treten für uns selbst ein und sprechen für uns selbst", heißt es in den Grundzielen des deutschen Aspies-Vereins. "Menschenkenntnis" sei ein gegenseitiger Lernprozess, zu dem man gleichberechtigt beitragen möchte. (Jutta Berger, DER STANDARD, 10.12.2012)

Autisten nehmen ihre Umwelt anders wahr. Ihrem Umfeld fehlt oft das Verständnis. Foto: Reuters
© 2012 Der Standard

 

Wissen: Breites Spektrum von Anderssein

Die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) wird als tiefgreifende Entwicklungsstörung des kindlichen Gehirns kategorisiert. Die Beeinträchtigung ist vielgestaltig, kann motorische, kognitive und affektive Funktionen betreffen. Die Ausformungen sind sehr individuell, reichen von schweren kognitiven Behinderungen bis zum Asperger-Syndrom mit ausgeprägten Spezialinteressen und Hochbegabungen. Gemeinsam ist allen Betroffenen, dass ihre Fähigkeiten zur Interaktion und Kommunikation beeinträchtigt sind, was ihnen die Teilhabe und die Eingliederung in die Gesellschaft erschwert.

Bei ASS sind Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung gestört; optische, akustische oder taktile Reize können nicht eingeordnet werden. Die einzelnen Sinneseindrücke fügen sich nicht zu einem Ganzen. Sechs von 1000 Menschen haben eine ASS, der Großteil sind Männer. Schwere Formen von ASS überwiegen. Eine Autismus-Spektrum-Störung ist (noch) nicht heilbar.

Was zu ASS führt, ist noch nicht gänzlich geklärt. Genmutationen, die sich auf neuronale Schaltkreise auswirken, gelten als Risikofaktoren, Umweltverschmutzung ebenso.

Dachverband Österreichische Autistenhilfe

Verein zur Integration und Rehabilitation autistisch und anders behinderter Menschen

Menschen mit Asperger-Syndrom

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Normopathen

Autismus so dargestellt = Hypersensibilität. Was daran abnormal oder krank sein soll ist nicht nachvollziehbar. Es ist eher oder generell die gesellschaftl Normierung bzw. Intoleranz die aus Hypersenisibilität eine Krankheit
" kreiiert " D.h. im Heute: ein hoher IQ = Krankheitsgefährdung.
Da spräche noch jemand von der Freiheit des Gedankens und des denken.

Wahrnehmung

Der Artikel behauptet, Autisten nehmen ihre Umwelt anders wahr als Normale. Frage: Wie nehmen Autisten die Umwelt wahr, und wie nehmen Normale sie wahr?

also ich zb nehme geräusche und gerüche viel intensiver wahr als die menschen die ich sonst so kenne... (zb klospülung vom nachbar oberhalb) oder kann mitunter nicht einschlafen weil ich ewig über eine "smalltalk-begebenheit" mit der kassiererin nachdenken m-u-s-s

Ich verstehe es nicht, vielleicht kann mir das jemand erklären? Was ist nun Autismus?

Ist es eine Behinderung, eine psychische Krankheit wegen einer Fehlsteuerung im Hirn?
Oder ist es eine Erscheinungsform des Normalen, weil auch andere Menschen mitunter Schwierigkeiten im Sozialkontakt haben?
Ist es überhaupt nur ein ausgeprägter Charakterzug, der so wie alle anderen zum Spektrum des Normalen gehört?

Was ist es also?
Und welche "Krankheit" (?) hatte Rainman?

Was ist ein literarisches oder philosophisches Werk, was eine Komposition?
Ist es,....? etc.

Ich verstehe es nicht, vielleicht kann mir das jemand erklären? Was ist nun das Neurotypische?

Ist es eine Behinderung, eine psychische Krankheit wegen einer Fehlsteuerung im Hirn?
Oder ist es eine Erscheinungsform des Normalen, weil auch andere Menschen mitunter Schwierigkeiten mit dem Small Talk-Geschwätz haben?
Ist es überhaupt nur ein ausgeprägter Charakterzug, der so wie alle anderen zum Spektrum des Normalen gehört?

Was ist es also?

@VERITAS VOS LIBERABIT, ... Schwierigkeiten mit dem Small TalkGeschwätz haben.

auf den Pkt. Dacapo. ..... oder die Betrachtung und Formulierung intellektuell akademischer Themen tut den Otto-Normal-Verbraucher ganz offensichtlich nicht gut und ruft, so scheint,s die Psychiatrie auf den Plan.
was hiese: die breite Masse der Gesellschaft duldet nur die Mittelmässigkeit.
Bei Normabweichung = " Regulierung."

Ich kann sehr gut verstehen wie sich Aspies fühlen.
Weis ich doch die selben oder ähnliche Symptome auf.

Ich war zwar nie deswegen beim Arzt, wozu auch ich kann A nichts dran ändern und B fühl ich mich auch nicht krank...

Jedoch wirkt es auf andere doch merkwürdig, wenn man nicht in der Lage ist zwischen den Zeilen zu lesen, oder von Sarkasmus grundlegend verwirrt wird.

Andersrum rede ich selbst kaum zwischen den Zeilen. Ich denke Praktisch und Realistisch, wenn plötzlich jemand beleidigt reagiert, weis ich meistens gar nicht was ich jetzt falsches gesagt habe. Es kommt mir einfach nicht in den Sinn, dass das was ich sage möglicherweise anstoß nehmen könnte.

Es ist so wie gesagt, man wird aus sonderbar abgestempelt und das wars.

Das "Einfühlungsvermögen" der "Normalen"

beschränkt sich darauf dass sie jene, welche ihnen ähnlich sind, verstehen könne. Bitte, das können Autisten auch.

ich mache immer wieder folgende erfahrung

jede aktion eines jeden menschen wird rational beurteilt und dann kritik an der person und ihrem verhalten massiv geübt.
ob die person irgendeine psychische krankheit oder ähnlches hat ist dabei komplett egal.

die einzige situation in der durchschnittsmenschen daran denken, daß das verhalten einer person von einer psychischen krankheit herrühren kann ist dann, wenn jemand eine gewalttat verübt hat.

in allen anderen situation wird nichtmal daran gedacht, daß sich eine person für eine unrichtige oder unlogische verhaltensweise entschlossen haben könnte, weil sie eine psychische krankheit hat.

die person wird entweder beschimpft oder ausgelacht.

Das Asperger-Syndrom klingt wie eine Personenbeschreibung von Dr. Sheldon Cooper

... und Monk, und Bones, und vermutlich auch Cho (aus Mentalist).

Dr. Cooper hat bei sich selbst Soziopathie diagnostiziert.

Autismus ist nicht heilbar,

weil es keine Krankheit ist.

keine krankheit?

meinetwegen. dann eine behinderung. ist aber auch egal, die betroffenen haben ein problem.

@xxx....yyy.... die Betroffenen haben ein Problem .....

würd ich nicht sagen.

Viel eher. die Gesellschaft schafft Ihnen ein Problem.

oder: die Gesellschaft ist wie ein Hühnerstall. Kann ( oder will ) Jemand nicht
mitziehen, weil betroffene Person andere Wege geht, gehen möchte ) wird sie ausgegrenzt und stigmatisiert. Eine legalisierte Form von Sozialmobbing, würd ich meinen.

Bitte Perspektive wechseln.

Haare spalten

1. Autismus kann in unserer Gesellschaft belastend für den Betroffenen sein (um's mal diplomatisch auszudrücken).

2. Autismus hat Ursachen.

Daraus folgt, dass es theoretisch möglicherweise veränderbar oder kontrollierbar ist.

Ich verstehe, dass "heilbar" ungünstig gewählt ist, aber sich "Behinderung" oder "Beeinträchtigung" ist ja wohl nicht Ihr Ernst?

Ouch

Sehr viele/s ist nicht nur theoretisch und möglicherweise veränderbar und kontrollierbar (mit anderen Worten: auch manipulierbar), wie man tagtäglich an unserer Gesellschaft merkt.

Den ASS zu verändern und zu kontrollieren, dieses Recht nähmen Sie im Fall des Falles woher?

Ich suche gerade Dinge am Menschen und seinem "Normalverhalten", wo ich 1 und 2 NICHT feststellen kann...
Sexualverhalten? Vehindert durch kulturelle Ausprägung gefiltert oft gleichwertiges soziales Verhalten an anderen Geschlechtern wie am eigenen.
Werkzeuggebrauch? Führt zu Abhängigkeit von Werkzeugen und Verlust kreativer Intelligenz (oder Ersatz im besten Fall.) Überlebe mal eben so wie Menschen vor 8k Jahren gelebt haben, das hielten wir körperlich nicht mal aus.
Sprache und Abstraktion? Führt zu Unsicherheit beim Wahrheitsgehalt einer Aussage, Lügen und Belogenwerden sind viel einfacher, systematischer Betrug und Ausbeuterei ganzer Gruppen von Menschen.

Absurd, beinahe zynisch, Dinge wie Werkzeuggebrauch und dessen "Problemen" mit denen des Autismus zu vergleichen.

Aber ja, prinzipiell haben Sie recht. Nur ist prinzipiell rechthaben etwas, das jeder 11-jährige schafft :(.. ist auch nicht sehr aussagekräftig.

Auf das falsche Posting geantwortet?

Ich glaube eher die Mitmenschen haben das Problem, Ich kenn einen Autisten sehr gut bin Ihm auch nahe gekommen, hat natürlich Jahre gebraucht. Aber eins steht fest Er fühlt sich OK so wie er ist nur die Mitmenschen kommen nicht zurecht mit seinem NichtNormVerhalten.

also wenn du es so siehst

sehr viele leute mit geistiger behinderung vielfältigster art haben kein problem mit ihrem leben.
sie können ja nichtmal erfassen, daß sie anders sind, als die anderen menschen.

wenn man nicht zu normallen gesellschaftlichen zusammenleben imstande ist dann sind sicher nicht die mitmenschen daran schuld.

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