Ibsens "Hedda Gabler": Das leere Eheareal

9. Dezember 2012, 18:01
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Regisseurin Alexandra Liedtke setzt auf Reduktion und Formbewusstsein, hat aber mit der Hauptfigur gewisse Probleme

Wien - Vor allem eines erwartet die jungen Eheleute Hedda Gabler und Jörgen Tesman im Theater in der Josefstadt, wenn sie von ihrer Hochzeitsreise zurückkehren: ein rostroter, elendslanger Wandteppich, der genauso gleichförmig dahängt, wie das nun beginnende gemeinsame Leben in der Villa am Stadtrand (Bühne: Raimund Orfeo Voigt). Der dicke Teppich verströmt den Ennui der 19.-Jahrhundert-Salons, er riecht nach dem Unglück der russischen Provinz aus Tschechows Drei Schwestern und auch nach dem Gefängnis eines braven Bürgerlebens, das zu Ibsens Zeiten für Frauen nicht besonders verheißungsvoll war.

Alexandra Liedtkes Inszenierung stützt sich auf diese historische Komponente des Stücks. Sie entrinnt zwar jeder zeitspezifischen Deutung, doch so richtig heutig wird es nie. Hedda Gabler (Maria Köstlinger) bleibt in ihrem eleganten, strahlend weißen Hosenzweiteiler eine zeitlose Unglückliche, die aus Klugheit und absolutem Durchblick das nun auf sie zurollende Leben als Gattin und Mutter verschmäht.

Seltsame Zetteltechnik

Ihr Mann, eine von Michael Dangl bis in die banalsten Ecken gut ausgeleuchtete naive Gelehrtenexistenz, ist währenddessen vor allem mit dem "Kunsthandwerk im mittelalterlichen Brabant" befasst. Seine Exzerpte heftete er emsig Zettel für Zettel an die Wand, eine Technik, mit der heute keiner mehr Professor wird.

Heddas Auftritt "zerreißt" den Wandvorhang in zwei Teile (sie schiebt ihn auseinander), eine symbolische Tat, die für das neue Heim nichts Gutes verheißt. Dabei hätten es alle so gern! Insbesondere das alte Fräulein Julchen (Marianne Nentwich), die mit ihren unendlich vielen schmatzigen Tantenküssen und ihren verspielten Mädchenbeinen so gern Liebe und Freude in das Haus brächte. Sehr witzig! Aber auch der Hausjurist Brack (Peter Scholz) möchte am jungen Eheleben, an Heddas Schönheit gern ein wenig mitnaschen. Dafür muss er nur den Wandteppich hinaufgehen.

Mittendrin steht Hedda, traurig umspült von Arvo Pärts Musik. Mit starren Blicken schreitet sie wie ein gefangenes Raubtier das neue Ehegelände ab, ein gähnend leeres Areal. Sie hätte doch so gern einen Mann mit "Weinlaub im Haar" oder wenigstens Tätowierungen am Körper, wie sie Raphael von Bargen als Eilert Lövborg später vorweisen kann. Auf jeden Fall ein Leben, das anders ist als dasjenige, das eh schon alle anderen führen. Köstlingers Hedda versperrt diesen Schmerzpunkt allerdings hinter vielen Posen.

Erstaunlich unergründet bleibt dieses Zentrum von Henrik Ibsens Stück. Regisseurin Alexandra Liedtke ist in ihrer reduzierten, formbewussten und lediglich mit ein wenig Körperkomik hantierenden Inszenierung sehr entschlossen. Doch sie hat sich zweifelsohne mehr für die Zeugen dieser Tragödie interessiert als für deren Titelheldin. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 10.12.2012)

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    Elegant, strahlend und ziemlich unglücklich: Maria Köstlinger (als Hedda Gabler) und Peter Scholz (als Gerichtsrat Brack). Foto: APA

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