Stilwerk am Donaukanal in Wien: Besucher, die gegen Scheiben laufen

  • An einem guten Tag besuchen rund 1500 Menschen das Stilwerk im Jean-Nouvel-Turm. In der Lugner City am Gürtel gehen rund 30.000 Menschen täglich shoppen.
    vergrößern 700x466
    foto: andy urban

    An einem guten Tag besuchen rund 1500 Menschen das Stilwerk im Jean-Nouvel-Turm. In der Lugner City am Gürtel gehen rund 30.000 Menschen täglich shoppen.

Das Stilwerk im Designtower am Wiener Donaukanal wurde gerade zwei Jahre alt. Obwohl der Umsatz gut und das Management neu ist, halten sich die Gerüchte vom Misserfolg des Konzeptes

Wien - "Ja, wir sind ein schwarzes, glattes Haus auf der falschen Seite des Flusses", fasst Stilwerk-Managerin Karin Witasek die Kritik am Designtempel überspitzt zusammen. Gerade feierte das Haus im von Jean Nouvel entworfenen Sofitel am Donaukanal seinen zweiten Geburtstag. Die Idee, internationale Designmarken auf einer großen Fläche zu konzentrieren, stammt aus Deutschland.

Die diesbezügliche Skepsis scheint eine Wiener Spezialität zu sein: Von "Totgeburt" und "Grabkasten" war am Anfang in Blogs die Rede, Kommentatoren schreiben bis heute, dass man nicht so recht an den Erfolg des Konzeptes glauben möchte. "Es fehlt die Begeisterung der Opinionleader", sagt Witasek, die vor etwa einem Jahr die PR übernommen hat.

Auch bei Dependancen in Deutschland gemeckert

So kritisch sieht es der Stilwerk-Geschäftsführer in Hamburg, Alexander Garbe, nicht: "Wir sind grundsätzlich zufrieden. So ein Konzept etabliert sich nun mal nicht über Nacht." Auch bei der Eröffnung der anderen Dependancen in Hamburg, Berlin und Düsseldorf sei über den Standort gemeckert worden. Funktioniert hätten sie schließlich alle.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, der Designtower gegenüber des Schwedenplatzes sei eigentlich schon wieder halb leer. Von den 28 Geschäftslokalen stehen aktuell drei leer. In eines davon wird die Firma Thonet zu Jahresbeginn einziehen, die anderen zwei Geschäfte können 2013 auch wieder vermietet werden, ist sich Witasek sicher. Der Quadratmeterpreis liegt bei 30 Euro, die Verträge werden für fünf Jahre abgeschlossen. Eigentümer ist die Uniqa-Versicherungsgruppe.

Wenig Laufkundschaft

Klar ist: Ein Interio oder Ikea soll hier nicht einziehen. Und auch wer mit Teelichtern auf den großen Umsatz hofft, ist fehl im Stilwerk. Die Laufkundschaft verteilt sich spärlich über die 6000 Quadratmeter Fläche - an einem sehr guten Tag sind es etwa 1500 Menschen. Zum Vergleich: In der Lugner City tummeln sich auf 25.000 Quadratmetern durchschnittlich 30.000 Besucher täglich.

"Unsere Geschäfte machen ihren Umsatz mit Projekten", sagt Witasek. Ob bei Schwab in the City oder dem Teppichhändler Vartian: Alle geben an, mit dem Geschäft zufrieden zu sein. Trotzdem wäre es schön, wenn ein paar Menschen mehr durch die dunkel gehaltenen Hallen lustwandeln würden, finden die meisten der Mieter.

Stilwerk Düsseldorf "auch oft leer"

Ein elegantes Ehepaar aus Deutschland, das im Sofitel schläft, zählt zu den wenigen Besuchern, die an diesem Vormittag umherschlendern. Sie kennen das Stilwerk aus Düsseldorf. "Das ist auch oft leer", wiegeln sie ab. Ein bisschen abgelegen käme ihnen die Wiener Dependance schon vor, "aber toll gemacht".

Dass Besucher recht häufig gegen die Glaswände laufen, wie es Verkäufer erzählen, können sie sich gar nicht vorstellen. Ein Mitarbeiter von Badambiente hält es für Blödsinn, dass die Lage für die Leere verantwortlich sein soll. "Schließlich sind es nur ein paar Schritte vom ersten Bezirk."

Objekt nicht bekannt genug

Ist Wien einfach noch nicht bereit für ein derartiges Objekt? "Es ist nicht bekannt genug", schimpft ein Besucher. Er sei ein Designfreak und würde oft hergekommen. "Ich bin enttäuscht, schon der Eingang wirkt abweisend. Mit der bestehenden Werbung wird es das Stilwerk jedenfalls nicht schaffen."

Problematisch sei vor allem die PR-Arbeit zum Start gewesen, sagt nicht nur Witasek. Die Zusammenarbeit mit der alten PR-Agentur wurde nach einigen Monaten gekündigt, langsam greife das neue Konzept, meint sie.

210.000 Euro Jahresbudget

Viele Möglichkeiten für Werbung lässt ihr Nouvel nicht: Weder Schriftzüge an der Hausfassade noch am Dach sind für den Architekten akzeptabel. Mit den 210.000 Euro Jahresbudget müsse sie alles abdecken, "von der Zeitungsannonce bis zu jedem Hackler, der einen Sessel trägt". (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 10.12.2012)

Share if you care