Wie Österreich den Euro-Vorsitz verspielte

8. Dezember 2012, 17:14
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Österreich hätte mit einem geeigneten Anwärter gute Karten für die Übernahme des Postens gehabt.

Jean-Claude Juncker legt gegen Jahresende sein Amt als Vorsitzender der Euro-Gruppe zurück, die Nachfolge ist zumindest nach außen hin völlig offen. Österreich hätte mit einem geeigneten Anwärter gute Karten für die Übernahme des Postens gehabt. Ein kleines Land mit einigermaßen soliden Finanzen und ein guter Draht zu Deutschland wären die rot-weiß-roten Trümpfe fürs Avancement gewesen. Berlin soll bereits einen Deal eingefädelt haben, nachdem ihr Topkandidat Wolfgang Schäuble im Sommer von Frankreichs Präsident François Hollande ausgebremst worden war.

Einziger Haken an der Sache war: Der/die geeignete Kandidat/in. Maria Fekter sei nach diversen Ausrutschern am diplomatischen Parkett nicht infrage gekommen, ist noch eine der vornehmsten Formulierungen, die ihre deutschen Parteifreunde über die Oberösterreicherin verlieren. Worauf Michael Spindelegger ins Gespräch kam. Voraussetzung wäre natürlich gewesen, dass der Niederösterreicher das Ressort wechselt. Spindelegger soll die Idee gefallen haben, zumal das Amt des Eurogruppen-Chefs im Wahljahr etwas Glanz auf den farblosen Spitzenkandidaten abstrahlen könnte.

Spindelegger dementiert

Für die aktuellen Gerüchte spricht, dass Spindelegger tatsächlich die Rochade einleitete, wie er Anfang September zugab. Der Versuch scheiterte freilich am Widerstand der einflussreichen Oberösterreich-Fraktion in der ÖVP. Dort war schon mit der Kür Spindeleggers zum Parteichef gehadert worden, weshalb man sich nicht auch noch die Finanzministerin aus der Regierung schießen lassen wollte. Am Donnerstag dementierte Spindelegger bei einer STANDARD-Diskussion jedoch: Er habe nie mit dem Gedanken gespielt, Eurogruppenchef zu werden.

Somit scheint ziemlich sicher, dass der Euro-Posten an Österreich vorübergeht; Kanzler Werner Faymann sei nicht im Gespräch, heißt es. Chancen werden der finnischen Finanzministerin Jutta Urpilainen, ihrem Regierungschef Jyrki Katainen und ihrem estnischen Amtskollegen Jürgen Ligi gegeben. Auch der Ministerpräsident der Niederlande, Mark Rutte, wird als Anwärter kolportiert. Eine andere Variante wäre eine Amtsteilung zwischen Schäuble und Frankreichs Finanzminister Pierre Moscovici. Als Trost für Wien bleibt, dass die Eurogruppe auf Beamtenebene vom Österreicher Thomas Wieser angeführt wird. (as, DER STANDARD, 7./8./9.12.2012)

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