Das Schulfoto

7. Dezember 2012, 17:06
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Und gleich zu Anfang möchte ich Ihnen versichern, dass es Ihnen selbstverständlich freigestellt ist, selbst zu entscheiden, was Sie kaufen und was nicht. Eine Kurzgeschichte von Clemens J. Setz

Über den Hof der Eduard-Osbick-Volksschule, vorbei an der großen weißen Vogelstatue mit den sanften Zügen, ging ein kleiner Mann. Die tiefstehende Abendsonne warf seinen Schatten voraus, eine länglich flackernde Feuerteufelkarikatur seines Körpers. Er trug einen kompakten, etwas formlos wirkenden Hut. Seinen abgespannten schwarzen Regenschirm hielt er wie einen Strauß Blumen vor sich. Als er sich dem Schulgebäude näherte und den Kopf hob, trat die Direktorin einen Schritt vom Fenster zurück.

Sie hatte sich, da es nun an den Abenden schon etwas kalt wurde, aber die Heizung im Gebäude noch nicht in Betrieb war, ihre Jacke angezogen. Heute Morgen hatte es, als sie mit dem Rad zur Arbeit gefahren war, schon herbstlich gerochen, erdenschwer nach Eicheln und Laub, auch ein wenig nach Kastanie. Aber alle Blätter hingen noch an den Bäumen und der Fahrtwind war warm. Eine Fahrradfabrik war vor ein paar Tagen abgebrannt, es gab großräumige Verkehrsumleitungen, und Venus und Mars waren in irgendeine Konjunktion getreten, aber sie hatte sich nicht gemerkt, welche es war.

Wenige Minuten später klopfte es an ihrer Tür, Michaela kam herein und nannte den Namen des Gastes. Der letzte der drei Nachzügler, die sich für heute Nachmittag angekündigt hatten. Er hatte eine Dreiviertelstunde Verspätung.

Sie gaben einander die Hand. Ein schwacher Duft nach einem Pilzgericht kam ihr entgegen. Herr Preissner schwitzte.

- Vielen Dank, dass Sie doch noch, sagte die Direktorin und bot ihm an, Platz zu nehmen.

- Kein Problem, sagte Herr Preissner.

- Fast alle anderen Eltern sind gestern Abend gekommen, aber in diesem speziellen Fall haben wir uns entschieden, wirklich jedem die Chance zu bieten, zu kommen und ...

Herr Preissner nieste.

- Entschuldigung, sagte er.

Er nahm seinen Hut ab und legte ihn neben sich auf den Boden. Das, was sie für Pilzgeruch gehalten hatte, war möglicherweise das Innere eines neuen Wagens, dachte die Direktorin.

- Gut, sagte sie. Also, Sie wissen natürlich, worum es geht.

Er nickte:

- Das Foto.

- Genau, sagte die Direktorin. In unserem ersten Elternbrief haben wir, und es ist mir sehr wichtig, das jedem Elternteil persönlich zu sagen, einen etwas zu anklagenden Tonfall verwendet. Das ist uns erst zu spät klargeworden und dafür möchte ich mich gerne bei Ihnen entschuldigen. Und auch bei Ihrer Frau.

- Okay, sagte Herr Preissner und nickte freundlich.

Am Ende dieser Sache

Es schien ihn keine besondere Mühe zu kosten, ruhig zu bleiben.

- Schön, sagte die Direktorin. Also, für uns wäre es sehr wünschenswert, dass nicht am Ende dieser Sache eine Menge Fragen ungeklärt bleiben. Und gleich zu Anfang möchte ich Ihnen versichern, dass es Ihnen selbstverständlich freigestellt ist, selbst zu entscheiden, was Sie kaufen und was nicht. Aber Sie haben sich, das heißt ... Ihre Frau hat sich, glaube ich ...

Sie reichte ihm den Zettel. Seine Augenbrauen hoben sich nicht, als er ihn durchlas. Bei einer Zeile nahm er kurz seinen Zeigefinger zu Hilfe, näherte auch sein Gesicht ein wenig dem Papier, zeigte aber sonst keine Reaktion.

- Ja, meine Frau hat sich da eingetragen, sagte er, nachdem er die Bestellliste studiert hatte. Sie erledigt die Schuldinge.

- Aha, okay. Ja, sehen Sie, Herr Preissner, ich weiß, dass Sie nicht unhöflich sein wollen und dass Sie deswegen ... Und bitte glauben Sie mir, ich bin Ihnen dankbar dafür, wirklich! Es waren schon einige Eltern bei mir, die haben ganz anders ... Aber gut, ich verstehe auch das. Es ist eben ungewohnt. So ein Foto. Hier.

Auch jetzt, da sie ihm das Klassenfoto hinschob, blieb er völlig ruhig. Am Rand des Gruppenbildes schwebte das vom Fotokünstler fleißig hineinretuschierte dreidimensionale Logo der Osbickschule: der Schriftzug, umrahmt von zwei kurzen Flügelchen und darüber die Andeutung eines himmelweisenden Schnabels.

- Es ist wegen Daniel Grondl, oder?, sagte die Direktorin leise.

Ihr Gast schüttelte, natürlich etwas zu schnell, den Kopf:

- Nein, nein.

- Das sollte kein Vorwurf sein, Herr Preissner.

- Ich hab meine Gründe, sagte er. Es geht nicht gegen das arme Kind da. Dass es da mit drauf ist. Ich meine, ich weiß, dass es so wirkt, als würde ich, als wären wir ... Aber das Problem ist, ich will das Foto einfach nicht erwerben, auch wenn meine Frau sich damals in die Bestellliste eingetragen hat. Wir brauchen es nicht, das ist alles.

- Es ist natürlich in Ordnung, wenn Ihnen das Bild nicht gefällt. Aber fast alle Eltern haben das Foto abbestellt, nachdem sie es gesehen haben. Dabei wussten Sie doch, dass der Daniel in dem Bild sein würde.

- Ja, natürlich.

Die Direktorin drehte das Bild um und betrachtete es selbst. Sie bemühte sich, dabei ein wohlwollend-ernstes, aber nicht übertrieben tolerantes Gesicht zu machen. So konnte sie ihm signalisieren, dass sie mit ihm durchaus auf einer Ebene stand und keine pädagogischen Winkelzüge um ihn plante. Sie spürte: dieser Mann war einer von den Guten. Zu ihm konnte sie möglicherweise auf zwischenmenschliche Weise durchdringen.

- Der Apparat, sagte sie und blickte Herrn Preissner an.

Eine kurze, undeutliche Reaktion huschte über sein Gesicht.

- Was ist damit?, fragte er tapfer.

- Der Apparat ist notwendig. Ohne ihn würde der Daniel...

- Jaja, natürlich, nickte Herr Preissner, als hätte er das alles schon zu oft gehört.

- Ich weiß, dass es ungewöhnlich aussieht, Herr Preissner. Aber Ihre Jessica zum Beispiel, die sieht den Apparat jeden Tag. Sie lernt, mit solchen Differenzen im Alltag umzugehen. Dafür sind Integrationsklassen da.

- Sicher.

Der Blick des Gastes wanderte zur Decke. Aber da sie weitgehend uninteressant und freskenlos war, kehrte er bald wieder ins Herz der unangenehmen Gesprächssituation zurück.

- Nun, was ich sagen will, sagte die Direktorin. Und bitte verstehen Sie das jetzt nicht als Angriff ...

- Es geht nicht gegen den Buben, sagte Herr Preissner ungeduldig. Wir wollen das Foto einfach nicht. So eine Bestellliste ist kein Vertrag.

- Selbstverständlich nicht. Es ist nur eine unverb-, eine verbindliche -

- Ja, tut mir leid, schnitt er ihr den Satz ab. Ich weiß, dass Sie sich Mühe gegeben haben mit dem Fotografen und so weiter. Es geht nicht gegen den Daniel.

Der Schnurrbart von Herrn Preissner besaß eine ungewöhnlich große Lücke in der Mitte, was seinem Gesicht etwas Friedfertig-Asiatisches verlieh. Die Direktorin bemühte sich, nicht andauernd auf die haarlose Hautstelle direkt über der Kerbe der Oberlippe zu starren. Aber wie bei dem Bauchnabel einer Katze ging von der Stelle eine merkwürdige fluchtpunktartige Anziehung aus.

- Macht der Apparat Ihnen Angst?, fragte sie.

- Wie?

Ein verdutzt verzerrtes Gesicht, allerdings gespielt und mit der falschen Brenndauer.

- Das ist ganz natürlich, sagte die Direktorin.

- Nein, er macht mir keine Angst.

Seine Stimme klang nun etwas anders, männlicher und beherrschter. Eine leichte Änderung des Stils, eine zögerliche Hinwendung zum Ungeduldigwerden.

- Mir hat er Angst gemacht, wie ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, sagte die Direktorin ruhig. Ich kann mich noch genau erinnern. Im ersten Augenblick kann man sich nicht vorstellen, dass der Apparat ein Kind enthält, das auf diese Weise am Le-

- Es ist nicht das, sagte Herr Preissner in einem (ein deutlicher Fortschritt und möglicherweise der erste kleine Durchbruch!) bereits leicht entnervten Tonfall. Es ist nur ... Ich weiß, wie sich das jetzt anhören wird, okay?

Die Direktorin machte eine stumme, verständnisvolle Nur-zu-Geste. Ihr Gast atmete tief ein und aus.

- Es gibt, finde ich, eine Grenze, sagte er und schnitt mit seiner Handkante langsam in das Holz des Schreibtischs. Es gibt so eine Linie, zwischen einer noch irgendwie als solcher erkennbaren menschlichen Form und ... ah, okay, sehen Sie? Jetzt glauben Sie natürlich, ich bin ein -

Die Direktorin hob die Hände:

- Nein, nein, nein. Ich bin nicht hier, um über Sie -

- Aber Sie tun es natürlich trotzdem.

- Nein, sagte sie sanft. Bitte reden Sie weiter.

Herr Preissner verdrehte die Augen und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

- Ich weiß, sagte er, dass Sie da relativ gut abstrahieren können. Das bringt Ihr Beruf mit sich. Sie sehen das Ding da und denken sich: okay, es enthält ... irgendwie ... ein Kind, das auch beim Unterricht mitmachen kann, solang es da drin ist und solang man das Ding nicht aus ... Ah, sehen Sie? Sie halten mich für ein Monster.

- Tu ich nicht, Herr Preissner.

- Für Sie ist es leicht. Sie sehen so was wahrscheinlich jeden Tag. Sie können damit umgehen. Aber ich kann's eben nicht so gut. Mir wird es da flau im Magen, tut mir leid, dass ich es so drastisch ausdrücken muss. Man fragt sich die ganze Zeit, wo hört das auf, wenn ...

Man kriegt Albträume

Er verstummte. Sie konnte ihm ansehen, dass er sich besiegt fühlte. Als er ihr Büro betreten hatte, hatte er fest damit gerechnet, als Sieger aus der Diskussion hervorzugehen.

- Was meinen Sie?, fragte sie.

- Wo das menschliche ... Die Form, die ... zwei Arme und Beine, das Gesicht, ich meine, das hier hat nicht mal ein richtiges Gesicht, es sieht aus wie eine Steckdose!

- Ich weiß genau, was Sie meinen, sagte die Direktorin.

Sie bemühte sich, den Ton ihrer Stimme frei von jeder Schuldzuweisung zu halten. Er zappelte bereits, sie musste behutsam vorgehen.

- Man kriegt Albträume von dem Ding.

Nun ging er vielleicht ein bisschen zu weit, fand sie. Aber er begann, sich frei zu fühlen. Vielleicht war es an der Zeit, die Strategie etwas zuzuspitzen.

- Was sagt eigentlich Ihre Jessica dazu?, fragte sie. Würde sie sich denn nicht über ein Klassenfoto freuen?

Herr Preissner schien über diese Frage ehrlich nachdenken zu müssen.

- Na ja, sagte er, Sie wissen ja, wie das ist, in dem Alter. Mädchen generell. Sie finden sich immer zu dünn, zu dick, das beginnt schon ganz früh ... Sie würde nie ein Foto von sich selbst in ihrem Zimmer aufhängen. Da ist sowieso schon alles volltapeziert mit allen möglichen ...

Interessant, dachte die Direktorin, wie er sich sofort auf dieses Szenario beschränkt hatte: in ihrem Zimmer. Nicht in der Wohnung, im Esszimmer, oder sonst wo, nein, wenn seine Tochter das Bild wollte, musste es auch bei ihr hängen. Dennoch sagte sie sich: er war einer von den Guten, sein Herz ließ sich noch bewegen.

- Ich verstehe Sie gut, sagte sie.

- Waren Sie damals beim Wandertag dabei?, fragte Herr Preissner plötzlich.

Oh, diese Geschichte. Beinahe hätte die Direktorin die Augen gerollt. Aber sie beherrschte sich und fragte nach:

- Nein. Welchen Wandertag meinen Sie?

- Sie wissen doch, welchen.

Die Direktorin nickte.

- Ich meine, ich war ja selbst nicht dabei, sagte Herr Preissner. Meine Frau hat's mir erzählt. Sie hat gesagt, der Augenblick, wo das ganze Gestell ... der Apparat den Hügel runtergekullert ist und dabei immer stärker vibriert hat, so wie ... so wie diese Videos von Waschmaschinen, die gerade im Schleudergang sind und jemand wirft einen Ziegelstein in die Trommel, sodass sie ... kennen Sie diese Videos?

- Nein.

- Die sind grade überall im Internet, verrücktes Zeug. Dieses totale Durchdrehen, also, Sie wissen, wie ich's meine, dieses wahnsinnig schnelle Rotieren und dann dieses winzige Gewirr kleiner Leitungen, im Gras. Meine Frau hat gesagt, es hätte ausgesehen, als wäre ein Kühlschrank explodiert. Den ganzen Hügel runter. Und dann natürlich die Betreuungslehrerin -

- Frau Triegler, sagte die Direktorin.

Sie sagte es halb aus Vergnügen an der Ergänzung, halb aus der Notwendigkeit heraus, Herrn Preissners Redefluss etwas einzudämmen. Seine Wangen hatten begonnen, rötliche Flecken zu bilden. Aber noch war er nicht bereit.

- Triegler, genau, sagte Herr Preissner, diese Lehrerin, die dann mit ihren Gerätschaften hinzurennt und alle Teile einsammelt und dann dieses Geschrei, die Schale, die Schale ... oder, war es die Schale? Irgendetwas Ähnliches. Ich weiß nicht mehr genau. Jedenfalls diese fürchterlichen Sekunden, wo alles verstreut liegt und alle schauen zu. Meine Frau war richtig verstört an dem Tag, wissen Sie? Aber Jessica hat gesagt, dass das öfter vorkommt.

- Wie bitte?

- Natürlich nicht so spektakulär, sagte Herr Preissner. Aber kleine Dinge, mal bricht etwas ab, oder eine Leitung geht kaputt. Es riecht oft nach verbranntem Gummi, hat meine Tochter -

- Herr Preissner, ich kann Ihnen versichern, dass -

- Nein, ich meine ja gar nicht, dass Sie irgendwas falsch machen, ich .. . ah, Gott, das ist alles so schwer. Es gibt einfach eine Grenze, ja? Das habe ich gemeint. Mehr wollte ich gar nicht sagen. Es gibt eine Grenze. Und wenn die überschritten ist.

- Ja, das haben Sie schon gesagt.

- Ich meine ja nur, sagte Herr Preissner. Dass das noch ein Kind sein soll ...

Dieser bittere Satz

Nun war auch dieser bittere Satz gefallen. Wie oft hatte sie ihn in den letzten Tagen gehört? Dieses Mantra, das in den Köpfen der Eltern stumm wiederholt wurde, wenn sie ihre Kinder von der Schule abholten und die Rampe und den umgebauten Wagen der Familie Grondl sahen, dann das wacklige, von einer Traube elastisch-abfedernder PeriBalls gestützte Gestell, das über die Rampe geschoben wurde, und die Kinder, die dem Gestell ihr herzlichstes Auf Wiedersehen hinterherwinkten. Kleine, unvoreingenommene Geschöpfe, die Zukunft der Menschheit. Und das monströse, annähernd eiförmige Vehikel für ein unglückliches Lebewesen, das sie als eines der ihren akzep- tierten.

- Was für Eltern sind das, die -

- Herr Preissner, bitte, hob die Direktorin eine Hand.

Sie wollte ihm ersparen, das Gespräch in diese Richtung zu lenken.

- Nein, sagte er und sein Gesicht war aufrichtig und traurig. Ich würde das wirklich gern wissen. Was für Eltern tun ihrem Kind so etwas an? Es gibt doch eine Grenze, oder? Irgendwann hört das Leben auf, geht nicht mehr weiter. Wir alle müssen irgendwann ... Ich meine, Sie wissen doch, wie's ist, oder?

- Ja.

- Und würden Sie das Ihren Kindern - ?

- Ich habe keine.

- Trotzdem, beharrte er. Würden Sie?

- Herr Preissner, ich glaube, es stünde mir es nicht zu, die Entscheidungen von anderen Eltern zu verurteilen, nur weil sie nicht meine eigenen sind.

- Das heißt, Sie würden es nicht tun?

- Das habe ich nicht gesagt, erwiderte sie so sanft wie möglich.

- Ich auch nicht, schüttelte Herr Preissner den Kopf. Das könnte ich Ihnen sogar hier und jetzt schriftlich geben. Ich würde niemals dieses Ding, diesen eigenartigen Kasten, ich meine, wenn ich es nicht einmal mehr abends zudecken kann, dann ist es kein Kind mehr -

Er brach ab. Rote Flecken auf seinen Wangen. Die kümmerlich-haarlose Stelle über der Oberlippe. Der Blick zu Boden. Er hatte verstanden, dass er zu weit gegangen war, und es tat ihm leid. Dies wäre genau der Augenblick gewesen, wo sie nun aktiv werden musste, das kurze Fenster seines Schuldbewusstseins stand offen, und sie konnte ihn nun ohne weiteres dazu bringen, das Schulfoto doch zu kaufen. Aber im Unterschied zu den anderen Gelegenheiten der vergangenen Tage zögerte die Direktorin und ihr Blick verfing sich aus irgendeinem Grund für einen kurzen Moment auf einer kleinen Wetterfahne, die auf einem weit entfernten Hausdach auszumachen war. Ein langer, filigraner Gegenstand, dessen Aufgabe es war, sich nach dem Wind zu drehen und die Nachbarschaft mit seinem vertrauten Geknarre zu erfreuen. Herbsttage fielen ihr ein, braunrote Blätter in der Einfahrt. Zudecken, abends.

Es war nicht so gemeint

- Entschuldigung, sagte sie. Was haben Sie gesagt?

- Ach, nichts, sagte Herr Preissner. Es war nicht so gemeint. Ich weiß, es klingt immer alles so -

- Nein, nein, sagte sie. Sie haben gesagt: Wenn Sie es nicht mehr zudecken können, dann ist es kein Kind mehr, oder?

Herr Preissner sah sie an. Er schämte sich und wusste nicht, wie er den Fehltritt wieder gutmachen konnte.

- Darf ich fragen, wie Sie auf das Bild kommen?

- Was?

- Woher wissen Sie, dass er abends nicht ... Ich meine, nehmen Sie das einfach an, oder ...?

Der Mann zog die Schultern hoch, schaute auf die Seite. Dann sagte er:

- Meine Tochter hat vielleicht so was erwähnt.

- Was?

Er winkte ab:

- Ah, keine Ahnung. Sie wissen ja, Kinder können manchmal hinterrücks .. . grausam ...

Er räusperte sich.

- Was meinen Sie?

- Na ja. Das mit der Garage.

- Ich weiß nicht, worauf sich das bezieht.

- Wirklich?

Herr Preissner schien verwundert. Sein Blick hatte sogar etwas leicht Anklagendes, als müsste er sich doch sehr wundern, dass sie über das Privatleben ihrer eigenen Schüler so wenig Bescheid wusste.

- Ein Bett ..., begann er vorsichtig. Ist ja, sozusagen, nicht mehr nötig.

- Sie meinen, für den Daniel?

- Ja, sagte Herr Preissner. Er muss ja nicht ... man kann ihn also ...

Er deutete den Rest des Satzes durch eine seltsam viereckige Schubladen-Geste an.

- Nun, ich weiß natürlich nicht, wie der häusliche Alltag in so einem speziellen Fall aussieht, sagte die Direktorin, aber -

- Wir wollen das Foto einfach nicht, sagte Herr Preissner. Können wir es denn nicht dabei belassen?

Es war seine Art von Friedensangebot. Die Direktorin wusste, sie hatte ihre Chance verpasst. Das Bild einer dunklen Garage zog kurz durch ihre Gedanken, kühl und unheilvoll, und eine Gänsehaut kündigte sich an, blieb aber Gott sei Dank knapp unter der Oberfläche. Dafür wurde das Bedürfnis, das Fenster zu öffnen, mit einem Mal sehr stark.

- Haben Sie den Daniel eigentlich schon mal gesehen?, fragte Herr Preissner.

- Was meinen Sie?

- Ich meine, kann man es öffnen, oder ...

- Herr Preissner, das ist doch nun etwas geschmacklos, finden Sie nicht?

- Nein, sagte er und wieder war sein Gesicht von dieser irritierenden Ehrlichkeit und Transparenz. Ich finde, das ist ein berechtigter Zweifel. Gut, beim Krippenspiel hat das Ding mitten auf der Bühne eine Weihnachtsmelodie gespielt und seine Eltern haben entsetzlich geheult, aber -

- Er interagiert, sagte die Direktorin und legte einen ungeduldigen Nachhilfe-Ton unter ihre Stimme. Das ist alles, worauf es ankommt. Man kann mit ihm arbeiten. Er nimmt am Leben teil, auf seine Weise.

- Das tut ein Hydrant auch, sagte Herr Preissner.

Bevor sie Zeit hatte, auf diesen ungeheuren Satz zu reagieren, hatte er seinen Hut vom Boden aufgehoben. Er blickte sie nicht an, sondern tat so, als putze er ein paar unsichtbare Stäubchen von der nicht allzu breiten Krempe.

- Sie sollten sich glücklich schätzen, sagte sie, dass Sie nichts von diesem Schmerz wissen. Ein Kind beinahe vollständig zu verlieren ist nichts, das sich normale Menschen wie Sie oder ich so ohne weiteres vorstellen können.

Er blickte sie immer noch nicht an. Aber die roten Flecken waren aus seinem Gesicht verschwunden.

- Wir wissen nichts darüber, sprach sie weiter. Wir wissen nichts von dem Schmerz, und auch nichts von der Erleichterung, die ... Wir kennen nur den Alltag, wo alles funktioniert, wo alle immer gesund sind -

- Meine Tochter hat Asthma, sagte Herr Preissner.

- Ja, sie hat, natürlich, sie hat ...

Die Direktorin tat so, als hätte sie einen unangenehmen Reiz in der Kehle und müsste husten, aber das plötzlich unbeherrschbar in ihr aufflackernde Lachen konnte sie dadurch nur schlecht überspielen. Herr Preissner lachte nicht. Die Direktorin fühlte sich wie durchbohrt. Von einer Wäscheleine, die zwischen Venus zu Mars gespannt war. Sie hustete in ihre Faust.

- Entschuldigung, sagte die Direktorin und trank einen Schluck aus dem Glas, das vor ihr stand.

- Für einen Augenblick, sagte Herr Preissner zu seinem Hut. Da hätten Sie mich beinahe überzeugt, wirklich. Für einen Augenblick.

Sie wartete ein wenig, bevor sie antwortete:

- Es ging mir nie darum, Sie zu überzeugen, Herr Preissner.

- Nein, natürlich nicht, sagte er und stand auf.

Die Direktorin stand ebenfalls auf, seufzte und wischte sich, als hätte sie sich an der Unterhaltung die Hände staubig gemacht, an ihren Ärmeln ab. Aber Herr Preissner interpretierte die Geste als eine fröstelnde.

- Ja, sagte er. Es wird langsam kalt. Draußen hab ich heute schon richtig gefroren.

- Wir alle frieren, sagte sie.

- Nicht alle, sagte Herr Preissner und blickte sie an.

Dann kam ihr seine Hand entgegen. Sie war warm und der Druck war fest, beinahe herzlich.

(Clemens J. Setz, Album, DER STANDARD, 7./8./9.12.2012)

Nach der ersten ALBUM-Kurzgeschichte Ein fremdes Mädchen von Josef Haslinger - sie ist am 13.10.2012 im STANDARD erschienen - hat nun der österreichische Suhrkamp-Autor Clemens J. Setz den zweiten Teil zu unserer Kurzgeschichten-Serie beigetragen. Im Standard-ALBUM werden im Laufe des Jahres 2013 noch weitere große Autoren in loser Folge Kurzgeschichten präsentieren. Zugesagt haben bereits die Schriftstellerinnen und Schriftsteller: Kathrin Röggla, Clemens Meyer, Olga Grjasnowa, Doron Rabinovici, Margit Schreiner und Ilija Trojanow. (mia)

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    Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren. Er studierte Mathematik und Germanistik und lebt als Übersetzer und freier Schriftsteller in Graz. 2008 gewann er beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen den Ernst-Willner-Preis. Mit seinem Roman "Die Frequenzen" (Residenz) war er auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Für seinen Erzählband " Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" (Suhrkamp) wurde er 2011 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Auch sein zuletzt erschienener Roman "Indigo" (Suhrkamp) gelangte auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

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