"Ich bin ein Zornbürger"

Interview | Gerald John, 9. Dezember 2012, 08:43
  • "Politik ist wie Popmusik, voller Lügen und Enttäuschungen", sagt der Dichter Franzobel: Statt der freien Gesellschaft gibt es Gammelfernsehen und Einkaufscenter als Lebensinhalte.
    foto: standard/corn

    "Politik ist wie Popmusik, voller Lügen und Enttäuschungen", sagt der Dichter Franzobel: Statt der freien Gesellschaft gibt es Gammelfernsehen und Einkaufscenter als Lebensinhalte.

Von Asyl bis Attac: Franzobel spricht über verarschte Bürger, antikapitalistische Lehren aus DKT und das Privatfernsehen als größte Katastrophe

STANDARD: Sind Sie ein Wutbürger?

Franzobel: Nein, ein Zornbürger. Wut hat etwas Kleines, Zorn etwas Großes, Göttliches: Eine berechtigte Emotion über Missstände in der Welt, wenn einem, wie man in Wien sagt, das G'impfte aufgeht.

STANDARD: Und wann passiert das?

Franzobel: Wenn Leute von Konzernen, Banken oder Politikern - es gibt kein passenderes Wort - verarscht werden. Wenn die Substanz zerstört wird, damit Einzelne Geld verdienen. Jeder in Südtirol weiß zum Beispiel, dass man dort keine Äpfel essen darf, weil die sechsmal im Jahr gespritzt werden - trotzdem wird ganz Europa damit beliefert. Oder: Viele Unternehmen schöpfen pervers hohe Gewinne ab, während sie gleichzeitig Leute entlassen. Wenn dann die bis zur Substanzlosigkeit niederrationalisierte Firma zusammenkracht, sind jene, die kassiert haben, längst weg. Das natürliche Gleichgewicht geht verloren.

STANDARD: Unterschreiben Sie deshalb so viele Attac-Manifeste?

Franzobel: Mir gefällt die Idee eines überparteilichen Korrektivs zum Kapitalismus. Es soll schon Anreize geben, damit sich der eine mehr erarbeiten kann als der andere, aber gleichzeitig muss der Staat dafür sorgen, dass Reiche nicht noch reicher werden. Ich verstehe von Wirtschaft wenig, aber von DKT habe ich gelernt, dass immer der gewinnt, der als Erster Hotels besitzt. Daher muss, wer zu viel hat, durch Umverteilung eingebremst werden, sonst haben Ärmere keine Chance. Nur eine offene, nicht verkrustete Gesellschaft, in der auch für Migrantenkinder eine Universitätskarriere möglich ist, entwickelt sich. Das ist zwar nicht im Interesse der Besitzenden, aber notwendig, um längerfristig nicht an der Dekadenz zu kollabieren.

STANDARD: Hat die Politik bei der Korrektur versagt?

Franzobel: Ich war sehr zornig, als eine sozialdemokratisch geführte Regierung die Erbschaftssteuer abgeschafft hat. Vielleicht braucht es wieder einen Sputnik-Schock. Es heißt ja, die vielen Arbeiterkinder verdanken ihren Zugang zur Bildung auch dem Umstand, dass die Sowjets 1957 als Erste einen Satelliten ins All schossen, worauf die Amerikaner mit einer breiten westlichen Bildungsoffensive reagierten. Derzeit steuern wir aber nicht auf eine sozial gerechte, sondern auf eine russische Gesellschaft zu: ein bis zwei Prozent Superreiche, für die weitere zehn Prozent arbeiten. Alle anderen sind Unterschicht und leben unter der Armutsgrenze. Die Krise wird in ganz Europa als Vorwand benutzt, um den Leuten ein hartes Sparprogramm reinzuwürgen.

STANDARD: Im beschaulichen Österreich wirkt dieses Szenario fern. Es gibt Sparpakete und mehr Arbeitslose, aber brutaler Sozialabbau fand in der Krise nicht statt.

Franzobel: Bislang nicht, Gott sei Dank. Meine Generation hat Glück gehabt: Kein Krieg, dafür Wohlstand und Bildung. An Griechenland und Spanien zeigt sich aber, wie schnell das kippen kann. Horrende Arbeitslosenzahlen, Delogierungen, Verelendung. Die Angst davor sitzt auch bei uns schon in den Köpfen. Erst der Terror, jetzt die Krise. Es ist die gleiche Angst, die verhindert, dass die Leute im reichen Österreich besonders glücklich wären. Jedes Mal, wenn ich aus dem Ausland heimkomme, beschleicht mich das Gefühl, hier regieren Grant, Neid und Missgunst - da verfliegt jegliche Leichtigkeit. Die Leute wirken wie zwischen zwei elektrisch geladenen Drähten.

STANDARD: Glauben Sie da noch an die Veränderungskraft von Politik?

Franzobel: Wenig. Damit Politik funktioniert, braucht es, wie schon Rudi Dutschke wusste, eine Öffentlichkeit. Ich will nicht von Verblödung reden, aber was soll herauskommen, wenn sogar das neue ORF-Programm RTL 2 kopiert, anstatt sich an Arte zu orientieren? Wie sollen Menschen da von Politik mehr als Reizworte verstehen? Mich schockiert, dass Frank Stronach mit demokratiepolitisch bedenklichen Aussagen in Umfragen bei 15 Prozent liegt.

STANDARD: Die Medien färben also auf die Politik ab?

Franzobel: Wenn Medien jede Woche Rankings der Wählergunst abdrucken, verstehe ich, dass Politiker der Eitelkeit erliegen und sich daran orientieren. Es gibt ja kaum noch Persönlichkeiten oder Visionen, die über die Legislaturperiode und das eigene Bankkonto hinausgehen. Die meisten sind NLP-geschult und sprechen nach, was PR-Berater vorsagen. Einen Satz höre ich in der Politik viel zu selten: "Ich habe keine Ahnung und muss mich erst informieren."

STANDARD: Gehen Sie noch wählen?

Franzobel: Ja, aber ich werde hoffnungsloser. In Österreich gibt es so viel Korruption, dass man sich fast mitschuldig fühlt. Es fehlen Ideale. Selbst bei der US-Wahl - ich war natürlich für Obama - war die realpolitische Differenz zu den Republikanern überschaubar. Politik ist wie Popmusik, voller Lügen und Enttäuschungen. Als ich ein Kind war, waren alle Erwachsenen Hippies. Es schien sicher, dass wir auf eine freie Gesellschaft mit vielen offenen Bewusstseinseinheiten zusteuern. Doch das ist nicht eingetroffen.

STANDARD: Warum?

Franzobel: Die größte Katastrophe des ausgehenden 20. Jahrhunderts war das Privatfernsehen. Es hat alles nach unten nivelliert. Ich bin am Land mit proletarischem Hintergrund aufgewachsen. Früher hat die Gewerkschaft Bildungsreisen für Arbeiter veranstaltet, Besuche in Theatern und Galerien - Ähnliches gab es vonseiten der Kirche. Arbeiterbibliotheken, Pfarrbibliotheken, Esperanto. Ziel war eine Weltöffnung, die Schaffung von Persönlichkeiten. Heute geht es nur noch um Unterhaltung und Konsum. Fußball, Gammelfernsehen, Sozialpornos. Für viele Leute scheint das Einkaufscenter Lebensinhalt zu sein. Leben, um zu shoppen - das ist wahre Perversion. Dazu kommt Facebook, Orwells Big Brother, aber auf freiwilliger Basis. Genial - aus Sicht der CIA.

STANDARD: Muss man sich als Schriftsteller politisch einsetzen?

Franzobel: Nein, muss man nicht, aber ich nutze dann und wann die Freiheit, öffentlich die Meinung sagen zu können. Jeder andere, der in einem System steckt, kriegt ja von oben eine auf den Deckel, sobald er die Papp'n aufmacht. (Gerald John, DER STANDARD, 7./8./9.12.2012)

FRANZOBEL (45), geboren als Stefan Griebl, zählt zu den umtriebigsten Literaten des Landes. Für Theaterstücke, Prosatexte und Gedichte erhielt der Oberösterreicher zahlreiche Preise.

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Die Feigheit, die ich meine

ich zitiere nur: "...Nein, muss man nicht, aber ich nutze dann und wann die Freiheit, öffentlich die Meinung sagen zu können. Jeder andere, der in einem System steckt, kriegt ja von oben eine auf den Deckel, sobald er die Papp'n aufmacht. "

Und??? Was bekommt der arme Hr. Franzobel schon auf den Deckel????

Neid und Zornbürger

Österreich ist einfach voll von Neid und Zornbürgern wie dieser ...wie heisst er doch? Ich überlege ob ich nicht mit meinen Schwiegereltern einfach nach Monte Carlo wechseln soll, unsere Millionen sind ja auch schon längst dort
In Österreich darf man weder reich noch schön sein!
hochachtungsvoll
KHK

Ganz lustig, aber....

,,,,bei der Laura isses noch lustiger.

Zu dem was er über die Verblödung unserer Gesellschaft und das Privatfernsehen sagt, gebe ich ihm zu 100 % Recht!

Und Migrantenkinder können natürlich in Österreich was werden, da gibt es genügend Beispiele. Das Problem ist eher bei den Eltern oder bei einer gewissen, als Religion getarnten faschistoiden Ideologie aus dem Morgenland zu suchen, die ungebremst über uns hereinbricht.

Zorn/Wut/Mut

nur Wortspielereien.

Das System (Menschen) kann sich diese Umtriebe nur deswegen leisten, weils viele abhängig machten und weil die Bürger sich immer am Schwächeren orientieren und nicht am vermeintlich Stärkeren.

Wenn sich mehr Menschen,
wie Anneliese Rohrer (Journalisten)
bzw. Hrn. Pichler (WU-Professor),
daran orientieren die sogenannten Geldverschwender Poltiker, Banker, Versicherungsgesellschafter, Wirtschaftskammer auf Ihre nachhaltigen Blödsinnigkeiten/Spekulationen ohne faktische Grundlagen anzureden,
würde sich schnell etwas ändern.

Hinter vorgehaltener Hand ist jedes Bemühen zum Scheitern verurteilt.

Zu riskieren ausgegrenzt zu werden ist Pflicht!

Wer braucht schon Menschen, die nur schmarotzen ohne Leistungen

leider nicht ganz ernst zu nehmen

Wichtigtuer

Leseschwäche

scheinbar fehlt ihnen das sinnerfassende Lesen!

"und das Privatfernsehen als größte Katastrophe" - aber geh....

der ORF relativiert diese Aussage, nur die "Staatskünstler" sehen das anders ;-)

Ein Grantler, der sich zum "Zornbürger" hochstilisiert. Süß.

Franzobel ist mir ziemlich wurscht, aber in einem stimme ich ihm zu:

Ich bin anlässlich unserer Politikermehrheit und der polititanhängigen korrupten Situationen auch vom Wutbürger über Mutbürger (aber nur ganz kurz Mutbürger) zum ZORNBÜRGER geworden.

Wenn man ...

... auf amazon nach Franzobel sucht (http://www.amazon.de/s/ref=nb_... RANZOBEL), dann kostet das erste gefundene Buch gleich geschmalzene 24,90 Euro. Ich finde, der Schreiber sollte seine antikapitalistischen DKT-Lehren ziehen und das Buch vom Markt nehmen und zum Preis von 0,99 Euro als Dowload wieder anbieten. :-))

keine Ahnung von Verlagswesen!!!

Lieber Askalex, da hast du aber keine Ahnung vom Verlagswesen, von Druckkosten u s w....
Autoren bekommen meist nicht mehr als 10% vom verkaufspreis, und der ist ziemlich genau kalkuliert!!

die Unterscheidung

zwischen Wut und Zorn kenne ich von Georg Schramm - der übrigens göttlich ist und als Kabarettist auf intelligente und wirklich humorvolle Weise auf den Punkt bringt, was die Probleme unserer Gesellschaft und Politik sind!

der Schreiberling hat die Aufgabe aufzurütteln wohl genutzt

Danke soweit! Jetzt gilt es nur noch die wohlgenährte Masse zu begeistern ;-)

DKT

in regelmäßigen Abständen (bei überschreiten von Feld 1) schüttet der Staat (beim DKT die Bank) ohne sinnvollen Grund Geld an die Wirtschaftssubjekte aus, wer ein besonderes Naheverhältnis zum Staat hat (genau auf Feld 1 landet), bekommt sogar noch mehr als die anderen. Dieses Geld wird investiert, was die Inflation anheizt (Übernachtungen teurer macht), bis schließlich alle bis auf einen überschuldet sind.

DKT symbolisiert daher nicht den Kapitalismus, sondern staatsmonopolistischen Kapitalismus, wie wir ihn überall auf der Welt bewundern können. Die Lehre daraus sollte sein, dass sich der Staat in diesem Punkt besser raushält, da die Instabilität durch sein Zutun nur größer wird.

Beim Privatfernsehen hat franzobl absolut recht.

mehr Staat mehr privat

ja, genau, der Staat soll sich immer mehr von der Politik raushalten und nur die bedrohten Betriebe mit Milliarden stützn

DKT bildet die Wirtschaft insoferne recht gut ab,....

... als der Erfolg nur minimal von Strategie, sondern vor allem von Glück abhängt.
Kommst Du oftmals hintereinander auf Dein Grundstück, steht dort bald ein Hotel, und die kannst die Anderen so abzocken, dass sie keine Chance mehr haben, etwas zu entwickeln.

lobbyisten

DKT ist sehr veraltet, es fehlen die, die unsere Politiker füttern, ich meine die schweren Verbrecher die durch Namensänderung auf Lobbyist Straffreiheit erlangt haben

und unsere Berater, auch wenn sie manchmal vergessen wofür sie in millionenhöhe entlohnt wurden

Hätte mir nie gedacht, dass ich Franzobel (den Dieter Bohlen der heimischen Literatur) mal rechtgebe.

Sind zwar ein paar Allgemeinplätze und Unschärfen drin, aber im Prinzip hat der Mann völlig recht. Leider.

leseschwäche

Lieber W.v.Grün, scheinbar ist die bei den Pisatests geortete Leseschwäche nicht nur auf Jugendliche beschränkt, aber wie man sieht bist lernfähig

unglaublich

dass der viertklässler immer wieder podium bekommt.

wofür steht Mi Pe?

Miesepeter?
Mittlerer Pecker?
Mist und Pesching?

Wer sellbst mit Sonderschulargumenten kommt sollte besser die Go halten.

Aber vielleicht ist es besser, Sie laden hier ihren Frust ab, bevor Sie sonstwem was antun...

Is ja schon gut, Herr Franzobel.

Entwaffnend ehrlich

Entwaffnend ehrlich, zuzugeben, dass er keine Ahnung von dem hat, was er kritisiert (beim DKT lernt man beim besten Willen nichts über Wirtschaft).

Oder sich pauschal von Konzeren, Banken, Politikern verarscht zu fühlen - aber das ist natürlich keine kleingeistige Wut (wie bei normalen Kronen Zeitungs Lesern oder Privat TV Konsumenten) sondern seine Emotionen sind natürlich etwas Großes, Göttliches.

Und was wohl unter jenen "offenen Bewussstseinseinheiten" zu verstehen ist, die von der "größten Katastrophe des ausgehenden 20. Jahrhunderts" (der Mann hat ein Gespür für Relationen und Größenordnungen) zerstört wurden? Googlen darf man den Begriff übrigens nur wenn man mit hoher Toleranz gegenüber esoterischem Schwachsinn ausgestattet ist.

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