"Doha ist nur ein Statthalter"

Interview7. Dezember 2012, 15:53
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Klimaforscher Luhmann über den Wettlauf um die Vorreiterschaft bei klimaschonenden Technologien

Weltweit findet derzeit ein Wettlauf um die Vorreiterschaft bei klimaschonenden Technologien statt, beobachtet Hans-Jochen Luhmann. Im Gespräch mit Johanna Ruzicka verweist er auf die strukturellen Grenzen internationaler Klimaschutzpolitik.

STANDARD: Die öffentlichen Erwartungen an Klimakonferenzen wie jetzt in Doha sind groß. Trotzdem gibt es kaum politische Energie, etwas zu bewegen. Warum?

Luhmann: In der Öffentlichkeit wird von der Klimakonferenz von Doha zu viel erwartet. Doha ist nur ein Statthalter. Aufgabe ist zu erreichen, dass das Kyoto-Protokoll weiterläuft; um die Inhalte, die die Öffentlichkeit bewegen, geht es - noch - nicht. Die diesbezüglichen Entscheidungen sind erst für 2015 programmiert. Dann soll es ein Abkommen geben, Startpunkt 2020, welches Industrie- und Entwicklungsländer umfasst.

STANDARD: Aber mit Verlaub: Es gibt so viele Zahlen und Messergebnisse zur Erderwärmung und den Folgen - und die Weltgemeinschaft reagiert nicht?

Luhmann: Jein. Man muss genau hingucken. Die Weltgemeinschaft kommt zwar zu keiner Einigung im Rahmen der völkerrechtlichen Klimapolitik. Klimapolitik ist ein Stück Außenpolitik, und völkerrechtlich wollen sich die Staaten nicht verpflichten. Unabhängig davon tut sich auf der Ebene der Innenpolitik doch einiges. Zum Beispiel Deutschland mit der Energiewende hin zu erneuerbaren Energien in der Stromversorgung. Das zeigt beispielhaft, dass innenpolitisch viel Klimapolitik gemacht wird.

STANDARD: Beschreiten auch die großen Treibhausgasemittenten USA und China diesen Weg?

Luhmann: Durchaus. Zum Beispiel die USA mit ihrer Entschiedenheit zur Energieeffizienz beim Pkw. Worauf ich strukturell hinweisen will: Ein Wettbewerb um diverse klimaschonende Technologien findet statt, und das ohne internationale Koordination. Die Staaten wollen sich halt nur nicht in internationale Abkommen pressen lassen.

STANDARD: Gleichzeitig wird derzeit das fossile Zeitalter verlängert, indem Schiefergase und Ölsande mit neuen Technologien geschürft werden. Das ist doch kein gutes Signal?

Luhmann: In der Tat. Wenn die Weltgemeinschaft glaubt, sie müsste die letzten Krümel fossiler Energie aus der Erdkruste herauspressen, dann werden wir das Klimaproblem nicht lösen, sondern stattdessen in eine Super-Warmzeit gehen. Aber die Alternative, die aus den erneuerbaren Energien und aus dem technologischen Fortschritt erwächst, ist ja, dass die kohlenstoffbasierte Energien relativ weniger wirtschaftlich werden. Das könnte man natürlich unterstützend auch durch ein Staatenregime erreichen, welches CO2-Emissionen verteuert.

STANDARD: Ist die Bremser-Politik bei den Klimaschutzkonferenzen auch auf gutes Lobbying von den Vertretern der fossilen Energien zurückzuführen?

Luhmann: Nochmals: Multilaterale Klimapolitik ist Außenpolitik und ist immer von internen Interessen beeinflusst. In den USA sind es die Vertreter von Kohle und neuerdings Schiefergas, die Einfluss haben. In Saudi-Arabien ist die Regierung zugleich Öllobby, und in Polen ist die Kohleindustrie wichtig so wie in China. Das bedeutet: Über eine Wende hin zu einer kohlenstoffarmen Energieversorgung muss im Inland entschieden werden, bevor sie nach außen getragen werden kann.

STANDARD: Wie relevant kann dann eine internationale Klimapolitik überhaupt sein?

Luhmann: Doha ist auch eine Informationsbörse - deshalb reisen auch so viele dorthin -, viel mehr ist es gegenwärtig nicht. Die Dynamik für Klimaschutz hat aus den Nationalstaaten zu kommen. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, 7./8./9.12.2012)

Hans-Jochen Luhmann ist freier wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie (WI). Der 66-Jährige hat Mathematik und Ökonomie studiert, ist Herausgeber der Zeitschrift Gaia und war lange Jahre stv. Leiter der Abteilung Klimapolitik am WI.

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    Der Druck von der Straße ist bei der Konferenz in Doha da. Insbesondere von der EU kamen Vorschläge, wie die Klimafolgen für die Entwicklungsländer finanziell gemildert werden könnten.

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    Hans-Jochen Luhmann: "Wenn die Weltgemeinschaft glaubt, sie müsste die letzten Krümel fossiler Energie aus der Erdkruste herauspressen, dann werden wir das Klimaproblem nicht lösen, sondern stattdessen in eine Super-Warmzeit gehen."

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