Handelsgehälter: Zu wenig zum Leben

Kommentar6. Dezember 2012, 18:53
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Mittelfristig wird dem Handel der Nachwuchs ausgehen

Die Begleitmusik rund um die Lohnrunde im Handel hätte trister nicht sein können. Der Konsum schwächelt. Nicht nur kleine Betriebe rutschen vermehrt in die Verlustzone. Auch bei Handelskonzernen mit klingenden Namen kracht es im Gebälk. Die Branche hat nichts zu verschenken. Vor allem nicht, seitdem viele österreichische Ketten mit schweren finanziellen Problemen in Osteuropa kämpfen. Die Beschäftigten dafür büßen zu lassen wäre dennoch ein Affront. Sie bekommen ab Jänner um 2,98 Prozent höhere Gehälter. Und das ist angesichts des rauen Konjunkturumfelds keine nette Weihnachtsüberraschung der Arbeitgeber, sondern bittere Notwendigkeit.

Die traditionellen Drohgebärden der Unternehmer sollten im Handel eigentlich ins Leere gehen: Anders als in der Industrie hat die Abwanderungskeule hier keine Schlagkraft. Auch die Gefahr von massivem Jobabbau ist vergleichsweise begrenzt. Dünner als sie jetzt schon ist, kann die Personaldecke in vielen Geschäften ohnehin nicht mehr werden, soll ein Mindestmaß an Kundenservice erhalten bleiben. Und dass sich konkursreife Betriebe über den Beistand der Belegschaft retten lassen, wurde oft genug widerlegt.

Dienstleister leben von ihren Mitarbeitern. Das sollte mit gewisser Wertschätzung verbunden sein. Im Handel ist davon wenig zu sehen: Er ist und bleibt eine Niedriglohnbranche - am Laufen gehalten zu 75 Prozent von Frauen. Wirtschaftsforscher beziffern ihr mittleres Monatseinkommen mit 1630 Euro brutto, Angestellte anderer Sparten verdienen um 440 Euro mehr. Man kann Statistiken drehen und wenden: Was unterm Strich bleibt, reicht kaum zum Leben.

Von freier Berufswahl ist keine Rede: In strukturschwachen Regionen ist der Weg in den Handel oft die einzige Option. Dass die Branche an Jobs reich ist, dafür sorgt der Boom an Teilzeitstellen. Um Vollzeit arbeiten zu dürfen, sollte Frau ein Mann sein. Den Sprung in Führungspositionen schaffen nur sieben Prozent. Eine sechste Urlaubswoche ist in der Praxis lediglich fünf Prozent vergönnt.

Drei Prozent höhere Löhne ändern an diesen Bedingungen wenig. Falsche Gehaltseinstufung, unbezahlte Überstunden, willkürliche Arbeitszeiten sind Markenzeichen einer Branche, die sich nichts Gutes damit tut, sich auf schwarze Schafe und unfaire Pauschalierung auszureden. Mittelfristig wird dem Handel der Nachwuchs ausgehen. Er sollte sich daran gewöhnen, ein besserer Zahler zu sein - auch auf Kosten mancher Lockangebote für Konsumenten. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 7./8./9.12.2012)

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