"Wer braucht in Zukunft choreografische Praxis?"

Interview6. Dezember 2012, 18:45
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Der renommierte Choreograf William Forsythe über sein Stück "Sider" - und warum er nichts von Interpretation hält

Standard: In Ihrem Stück "Sider", das am 7. und 8. Dezember im Museumsquartier, Halle E, zu sehen ist, gibt es eine Verbindung zu Shakespeares "Hamlet" ...

Forsythe:  Davon war nie die Rede!

Standard:  Ein deutscher Kritiker hat das zumindest behauptet.

Forsythe:  Aha. Ich sage, es ist ein englisches Schauspiel aus dem 17. Jahrhundert mit einem Sprachrhythmus, der sich bis heute nicht wesentlich verändert hat und an den ich andocke. Die Tänzer werden über Kopfhörer vom Ton einer Verfilmung dieses sehr dramatischen Schauspiels beeinflusst. Die Zuschauer bekommen allerdings etwas ganz anderes zu Ohren, das wiederum die Tänzer nicht hören können.

Standard:  Warum soll man nicht wissen, welches Stück das ist?

Forsythe:  Weil die Zuschauer dann versuchen, eine bestimmte Interpretation zu geben. Aber das ist gerade nicht der Sinn von "Sider". Es gibt darin ohnehin Anspielungen in den Kostümen, und die Substanz des Theaterstücks wird aus einigen Übertiteln auf der Bühne deutlich. Diese Übertitel sind für die meisten Zuschauer und ihre Interpretationsversuche der wichtigste Teil. Aber sie sitzen in einem Zuschauerraum, nicht in einem Interpretierraum. "Sider" ist für mich wie ein Stück Musik, wie eine kompositorische Arbeit.

Standard:  Sie erarbeiten nicht nur Tanzstücke, sondern auch "choreografische Objekte", darunter Videos und Interventionen. Eine Installation besteht aus hunderten weißen Luftballons, diese Arbeit haben Sie 2008 auch im Rahmen von Impulstanz im Österreichischen Parlament gezeigt.

Forsythe:  Sie meinen "Scattered Crowd". Ja, das war der schönste Ort, an dem wir die Installation gezeigt haben. Unglaublich! Und "White Bouncy Castle", die große Hüpfburg, war 2003 auch hier, am Tanzquartier Wien. Oder im Vorjahr unter anderem "Bookmaking" und "Suspense".

Standard:  Ist das "choreografische Objekt" nicht ein Widerspruch in sich - das fixierte Objekt auf der einen und die Choreografie als Organisation von Bewegung auf der anderen Seite?

Forsythe:  Das ist kein Widerspruch, sondern hängt damit zusammen, dass diese Arbeiten meist unter der Schirmherrschaft von Museen oder bildende Kunst produzierenden Organisationen entstanden sind. Sie wurden dort immer als Choreografien und nicht als bildende Kunst präsentiert. Es gibt also eine ganz harte Unterscheidung zwischen diesen beiden. Heutzutage ist nicht alle bildende Kunst nur bildende Kunst, wie beispielsweise auch die Arbeiten von Janet Cardiff, Robert Morris, Marina Abramovic oder Franz West zeigen. Darin wird die bildende Kunst aufgelöst, weil vieles, was bildende Kunst ist, nicht unbedingt nur ein visuelles, sondern ein immaterielles Wahrnehmungsereignis ist. Und da passt es sehr gut, wenn ich sage: Ein anderer Bereich von Kunst ist Choreografie. Ich versuche bewusst, hier einen Begriffswandel zu initiieren.

Standard:  Stehen Ihre Tanzstücke und die choreografischen Objekte im Austausch miteinander?

Forsythe:  Ja. Zum Beispiel von dem Stück "Nowhere and Everywhere at the Same Time" gibt es eine Version ohne Darsteller. Die Zuschauer bewegen sich in einem Labyrinth aus schwingenden Pendeln.

Standard:  Die Website Ihrer Company führt zu anderen Projekten unter Ihrer Leitung, die einerseits Archiv und andererseits Forschung am Tanz sind. Was hat es zum Beispiel mit der "Motion Bank" auf sich?

Forsythe:  Das ist kein Archiv, sondern der Versuch, mit den neuen Medien zu jedem Choreografen eine Bildsprache zu entwickeln, die seine Kompositionsabsichten entschlüsselt. Damit soll eine Art Alphabetisierung in der Lektüre von Tanz möglich werden. Wir wissen nicht, ob das klappt, aber man muss es versuchen. Die Motion Bank ist ein Forschungsprojekt, in dem digitale Verfahren auf ihre Eignung überprüft werden, die Ideen des Tanzes zu transportieren. Wie Prozesse in einem Stück entziffert werden können, wenn man visuell nachvollziehen kann, wie ein Tanz funktioniert.

Standard:  Welche Künstler außer Ihnen selbst sind da beteiligt?

Forsythe:  Jonathan Burrows und Matteo Fargion, Deborah Hay, Thomas Hauert und Bebe Miller. Wir haben ein amerikanisches Team an der Ohio State University und ein deutsches Team am Fraunhofer Institut, an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Media, und an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Ein Ergebnis ist zum Beispiel, dass die jungen Digital Artists, die mit uns arbeiten, von Deborah Hay so viel gelernt haben, dass sie beschlossen haben, selbst rein digitale, abstrakte Choreografien nach Hays Prinzipien zu produzieren. Weil wir gerade von Wandel des Begriffs Choreografie gesprochen haben: Ich denke auch, dass die Praxis von körperorientierten Practitioners zu Leuten weitergeht, die eine andere bewegungsorientierte Praxis haben, zum Beispiel an diese Digitalkünstler.

Standard:  Kann man das mit abstrakten Kompositionen im Experimentalfilm wie bei Oskar Fischinger oder Mary Ellen Bute, die ihre Filme auch "Ballette" genannt hat, in Zusammenhang bringen?

Forsythe:  Ja, hätte Bute den Begriff Ballett nicht für notwendig gehalten, hätte sie ihn nicht benutzt. Wir wissen ja gar nicht, wer heute alles choreografiert. Auch in einem Film wie The Incredibles sind spektakuläre visuelle Choreografien enthalten, und ich denke: Wer braucht in Zukunft choreografische Praxis? Vielleicht findet die bereits in einem ganz anderen Medium statt. Wer weiß, ob sich ewig hält, was wir heute machen: der Bühnentanz und das Theater. Vielleicht arbeiten die besten Choreografen jetzt schon gar nicht mehr im Theater.

Standard:  Welche Projekte nehmen Sie als nächste in Angriff?

Forsythe: Ab Januar beginnen wir mit einem neuen Ausbildungsprojekt, ein Zentrum für unsere Trainingsideen und Theoriearbeit, für Stücke und Repertoire. Ein Riesenprojekt, das ich über drei Jahre hinweg entwickelt habe. Außerdem sind große Einzelausstellungen in Museen geplant, wie zum Beispiel in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und im Frankfurter Museum für Moderne Kunst Frankfurt. Und ich freue mich natürlich schon auf die nächste Premiere mit meinen Tänzern im Mai 2013 in Hellerau, dem Europäischen Zentrum der Künste in Dresden. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 7./8./9.12.2012)

William Forsythe, geboren 1949 in New York City, kam 1973 an das Stuttgarter Ballett, führte 1984-2004 das berühmte Ballett Frankfurt. Seit 2005 Leiter der Forsythe Company. Der vielfach ausgezeichnete Künstler gilt seit Jahrzehnten als weltweit einflussreichster und innovativster Ballettchoreograf.

  • William Forsythe überschreitet Grenzen - und meint: "Vielleicht arbeiten die besten Choreografen jetzt schon gar nicht mehr im Theater."
    foto: dominik mentzos

    William Forsythe überschreitet Grenzen - und meint: "Vielleicht arbeiten die besten Choreografen jetzt schon gar nicht mehr im Theater."

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