Ein "Teufel in Prada" als Botschafter-Kandidatin

6. Dezember 2012, 18:18
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Das Gerücht, die Chefin der amerikanischen "Vogue", Anna Wintour, könnte Botschafterin in London werden, ist in Washington wie eine Bombe eingeschlagen - und facht die Diskussion über Belohnungsposten an

Als Louis Susman nach London geschickt wurde, reagierte das Weiße Haus noch mit lässiger Satire auf kritische Einwände. "Weil er Englisch spricht", antwortete der damalige Präsidentensprecher Robert Gibbs grinsend auf die Frage, wieso sich ein Investmentbanker aus Chicago für einen Botschafterposten eigne. Gut drei Jahre später geht Susmans Zeit an der Themse ihrem Ende entgegen, und falls die Nachrichtenagentur Bloomberg nicht irrt, soll er durch Anna Wintour ersetzt werden, die ebenso strenge wie stilsichere Chefredakteurin des Modemagazins Vogue.

Offiziell ist nichts bestätigt, und das Verlagshaus Condé Nast, das die Vogue herausgibt, ließ wissen, Wintour sei "sehr glücklich" mit ihrer Aufgabe und an einem diplomatischen Posten nicht interessiert. Doch das nimmt in Washington kaum einer ernst. Das Weiße Haus hüllt sich in Schweigen, und allein das Gerücht wirkt wie ein Stich ins Wespennest.

Altgediente Diplomaten melden sich protestierend zu Wort, diplomatisch verklausuliert, versteht sich. Ihnen geht gegen den Strich, was in den sechziger Jahren als Ausnahme begann und inzwischen fast zur Regel geworden ist: Dass Präsidenten lukrative Auslandsposten, Posten in den interessantesten Metropolen der Welt, mit Großspendern besetzen, bei denen sie sich für nimmermüdes Geldsammeln bedanken müssen. "Das Pendel ist ein bisschen weit ausgeschlagen in diese Richtung", rügt Susan Johnson, die Sprecherin der American Association of Diplomats.

"Angenehm wie unsichtbar"

Eigentlich wollte Barack Obama den Wind des Wandels auch auf diesem Feld wehen lassen, eigentlich wollte er Topleute mehr nach fachlicher Qualifikation auswählen und weniger nach der Höhe ihrer Schecks. Es war ein US-Botschafter in London, William Farish, der symbolisch für die Blüten stand, die das Sponsoren-Belohnen unter George W. Bush getrieben hatte. Zwar verstand der Texaner etwas von edlen Rennpferden, was reichlich Gesprächsstoff für Fachsimpeleien mit der gleichfalls rennbahnaffinen britischen Königin bot. Doch wie die Fachwelt über Farish dachte, fasste Christopher Meyer, Her Majesty's Vertreter in Washington, in seinen Memoiren in lakonischer Kürze zusammen: "Als Botschafter war er ebenso angenehm, wie er unsichtbar war".

Unter Obama hat sich nichts geändert an der umstrittenen Praxis. Etwa jeder dritte von ihm ernannte Missionschef ist kein Berufsdiplomat, sondern aus politischen Gründen ernannt, was in aller Regel bedeutet, dass er ordentlich Geld für den Wahlkampf aufzutreiben verstand, mindestens sechsstellige Summen. In Paris sitzt Charles Rivkin, ein Unternehmer aus Los Angeles, der eine Zeit lang die Jim Henson Company führte, die Produzentin der Muppet-Show mit Kermit, dem Frosch. Nach Dublin wurde Dan Rooney entsandt, der Besitzer der Pittsburgh Steelers, die mehr als eine American-Football-Mannschaft sind, nämlich eine amerikanische Institution. In Tokio dient John Roos, ein Spitzenanwalt aus dem Silicon Valley. Robert Mandell, der Botschafter in Luxemburg, machte sein Geld als Immobilienentwickler in Florida.

Anna Wintour hat nicht weniger als 40 Millionen Dollar "gebündelt", wie es im Kampagnenjargon heißt, um Obamas Wiederwahlkampagne zu finanzieren. Ihr Coup war eine Party, die sie im Juni gemeinsam mit Sarah Jessica Parker, der durch "Sex and the City" zu Ruhm gekommenen Schauspielerin, in Manhattan ausrichtete. Wer dabei sein wollte, musste vierzigtausend Dollar berappen - und sich gefallen lassen, von Jon Stewart, dem besten Fernsehsatiriker des Landes, aufs Ironischste durch den Kakao gezogen zu werden.

Fällt der Name Wintour, denkt nicht nur Jon Stewart automatisch an "The Devil Wears Prada" (Der Teufel trägt Prada), die Filmkomödie, in der Meryl Streep die eigensinnige Vogue-Chefin spielte. "Wenn normale Amerikaner zu etwas einen Bezug haben", lästerte er über die High Society, "dann sind es der Teufel und Prada". (Frank Herrmann, DER STANDARD, 07.12.2012)

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    Die Chefin der "Vogue", Anna Wintour (mit Sonnenbrille), bei einer Modenschau in New York. Ihr Verlag ließ das Gerücht über einen diplomatischen Posten dementieren - in Washington glaubt das kaum jemand.

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