Der eiserne Witz eines Kämpfers

6. Dezember 2012, 17:54
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Ein Theater machen, in dem unsere Probleme zur Diskussion stehen: Vor hundert Jahren wurde in Charkiw der österreichische Autor Jura Soyfer (1912-1939) geboren.

Wien - Der am 8. Dezember vor hundert Jahren im ukrainischen Charkiw geborene Jura Soyfer hatte nicht viel Zeit. Sieben Jahre nur blieben ihm, um ein heute 1.300 Druckseiten umfassendes Werk zu schreiben. Zunächst ging die Apokalypse, die in Soyfers erstem Stück Der Weltuntergang (1936) in Form eines Kometen auf die Erde zurast, für einmal noch an der Menschheit vorüber - der Komet dreht im Stück aus Mitleid ab.

Wenig später wird die Katastrophe aber real und mitleidslos über die Welt hereinbrechen, auch über Soyfer, der 1939 im KZ Buchenwald, wohin man ihn deportiert hatte, an Typhus starb.

Uraufgeführt wurde Der Weltuntergang, in dem eine verrohte Gesellschaft ihren letzten Tagen entgegentaumelt und ihr Geld in Weltuntergangsaktien anlegt, am 11. Juli 1936 - dem Tag des Hitler-Schuschnigg-Abkommens. "Gehn ma halt a bisserl unter, / Mit tschin-tschin in Viererreihn, / Immer lustig, fesch und munter, / Gar so arg kann's ja net sein (...)" heißt es im Stück.

Radikale Plädoyers

Geboren wurde Jura Soyfer in eine jüdische Industriellenfamilie, in der man neben Russisch auch Französisch und Englisch sprach. Als die bolschewistische Armee in Charkiw einzurücken drohte, flüchtete die Familie ins Nachkriegswien des Jahres 1921. Schnell sprach Soyfer perfekt Deutsch, und bald schon engagierte er sich für die Sozialdemokratie und in der Arbeiterzeitung, für die er Gedichte, Sozialreportagen und Agitprop-Szenen schrieb.

1934, nach der Niederlage der Sozialisten gegen das Dollfuß-Regime - ein Ereignis, das Soyfer schwer erschütterte -, verlor der aufstrebende Autor alle Publikationsmöglichkeiten, er wandte sich der KPÖ zu und begann seinen Fragment gebliebenen Roman So starb eine Partei.

Ein Jahr später knüpfte Soyfer erste Kontakte zum ABC, dem damals schärfsten politischen Kabarett Wiens, zu dessen Hausautor der 23-Jährige schnell wurde. Im ABC wurde Soyfers Weltuntergang uraufgeführt, Astoria (1937), Vineta (1937) und die Broadway Melodie 1492 (1937/38) folgten, dazu kam noch das Stück Der Lechner Edi schaut ins Paradies, das Soyfer 1936 für das Kabarett Literatur am Naschmarkt schrieb.

In seinen Stücken ging der Autor, indem er die Verfahrensweisen der Wiener Volkskomödie zur Bloßlegung politischer Zustände nutzte, weit über kabarettistische Unterhaltung hinaus. Es gehe wieder darum, schrieb Soyfer in einem Zeitungsartikel zu Nestroys 75. Todestag, ein Theater zu machen, das "uns angeht, von unserem Leben erfüllt ist", ein Theater, in dem "unsere Probleme zur Diskussion stehen".

1937 wurde Soyfer wegen kommunistischer Betätigung verhaftet und im Zuge einer politischen Amnestie nach einigen Wochen wieder entlassen. In Freiheit blieb er nur einen Monat, am 13. März 1938 wurde er im Vorarlberg festgenommen, wo er die Schweizer Grenze überschreiten wollte. Im KZ Dachau schrieb Soyfer das von Herbert Zipper vertonte Dachau-Lied, er starb am 16. Februar 1939 im KZ Buchenwald.

Soyfers Stücke und Texte sind durch ihr radikales Plädoyer für den Pazifismus, ihre Gesellschaftskritik und ihr Eintreten gegen jeglichen Totalitarismus aktuell geblieben - und sie sind durch die passionierte Arbeit der Jura-Soyfer-Gesellschaft wieder vollumfänglich (auch online) zugänglich.

Unbequem ist Soyfers Werk bis heute. Der Musiker Georg Herrnstadt, der mit der Band Schmetterlinge in den 1970er-Jahren Soyfer-Texte vertonte und zur Wiederentdeckung des Autors beitrug, warnte unlängst vor der nun einsetzenden Soyfer-Verehrung, die leicht zur Verharmlosung führen könne.

Und Leon Askin, auch er ein Mitglied des ABC, meinte: "Jura Soyfers Humor war nicht der des Goldenen Wien, des sterbenden Tingeltangels. Jura Soyfers Humor schaffte den eisernen Witz eines lebenden Kämpfers. Jura Soyfers Traum war nicht der Traum des Wiener Spießers. Die Farbe der Welt, von der Soyfer träumte, war nicht Himmelblau."    (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 7./8./9.12.2012)

  • Lässt sich nicht verharmlosen: der radikale Humanist Jura Soyfer auf einer undatierten Fotografie.
    foto: döw

    Lässt sich nicht verharmlosen: der radikale Humanist Jura Soyfer auf einer undatierten Fotografie.

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