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vergrößern 586x800Im Turm zu Hause, aber keineswegs ein Eremit: Michel de Montaigne stand als Politiker und Schriftsteller mitten im Leben. Lesbar und lebendig ist der Bote aus längst vergangenen vordigitalen Zeiten immer noch.

Sarah Bakewell, "Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten". Deutsch von Rita Seuß, € 25,70/416 Seiten. C. H. Beck Verlag, München 2012
Ein Dank an Budapest! Ein Vivat auf den einsprachigen Buchhandel! Denn hätte die Engländerin Sarah Bakewell nicht vor zwanzig Jahren in der ungarischen Hauptstadt nach einer Lektüre Ausschau gehalten, mit der sie eine Zugfahrt zu überbrücken beabsichtigte, wäre sie vielleicht nie auf Michel de Montaigne gestoßen. Eine Paperbackausgabe ausgewählter Essais des 1533 geborenen und 1592 verstorbenen französischen Philosophen war nämlich das einzige Buch in englischer Sprache, auf das sie in einer übersichtlich sortierten Antiquariatsbuchhandlung gegenüber dem Bahnhofsgebäude stieß.
Sie kaufte es der drohenden Langeweile halber, mit monumental geringen Erwartungen an den Unterhaltungsfaktor - Renaissanceliteratur gehörte nicht gerade zu ihrer bevorzugten Lektüre. Sie begann im Buch zu lesen. Und geriet sogleich ins Staunen. Weil der 400 Jahre zuvor verstorbene Gascogner über sie, Sarah Bakewell, schrieb, weil seine lustvoll abschweifenden Betrachtungen ihr als Spiegel erschienen.
Bakewell (47), in Südengland geboren, in Australien aufgewachsen und nach einem Studium an der Essex University bis 2002 in der Abteilung für Rara der Wellcome Library in London tätig, ist in Großbritannien bekannt geworden durch The Smart, die Schilderung eines Wechselfälscherprozesses, der im England des 18. Jahrhunderts für großes Aufsehen gesorgt hatte. Ihr folgte The English Dane, die Biografie des dänischen Abenteurers Jørgen Jørgensen (1780-1841), der 1809, mit einem englischen Kaperbrief ausgestattet, nach Island segelte, die Unabhängigkeit der Insel von Dänemark proklamierte und zwei Monate lang als Quasi-Gouverneur amtierte. Später diente er der englischen Krone als Spion, und weil er einem ausschweifenden Lebensstil anhing, wurde er 1825 nach Tasmanien verbannt, wo er dann auch starb.
Nun nähert sie sich in ihrem dritten Buch in Kreis- und Schleifenbewegungen dem französischen Adligen und Schriftsteller Michel Eyquem de Montaigne, der als Erfinder des Essays gilt, einer zwischen allen Genres und Textarten oszillierenden, durchaus autobiografisch inspirierten flexiblen Textsorte. Seinen "Essais", entstanden zwischen 1570 und seinem Tod auf seinem Schloss nahe Bordeaux, ist über die Jahrhunderte hinweg eine mythische Aura zugewachsen. Aber ist Montaigne noch lesbar?
Letzteres beweist die jüngste Gesamtübersetzung Hans Stiletts, erschienen 1998, die einzig moderne und zugleich die beste. Hat Montaigne, Spross des 16. Jahrhunderts, uns noch etwas zu sagen? Soll man seine Sätze lesen und über seine Gedanken nachdenken im 21. Jahrhundert? Kann man etwas lernen von ihm, der in ganz anderen Umständen lebte, in einer vollständig anderen Welt, die so gar keine Verbindungen aufweist zum zeitgenössischen digitalen partikulären Twitterleben?
Die Antwort lautet auf jeden dieser Sätze: Ja. Ja. Eindeutig ja. Wieso das so ist, das führt Sarah Bakewell auf jeder Seite ihres ganz erstaunlichen, ganz staunenswerten, fulminanten, ja eminenten Buches vor. In den Vereinigten Staaten bekam sie hierfür den National Book Critics Circle Award zugesprochen, einen der prestigereichsten Preise Nordamerikas. Sie erhielt einen weiteren Preis im Vereinten Königreich und kam zudem bei den zwei wichtigsten Literaturauszeichnungen Britanniens für Biografien in die Endrunde.
Elegant ist ihre Darstellung, stupend der Aufbau des Buches. In zwanzig Kapiteln stellt sie zwanzigmal die Frage: "Wie soll ich leben?" Ein jedes Mal gibt sie ein Montaigne-Zitat zur Antwort. So zu Beginn: Habe keine Angst vor dem Tod! Worauf die Empfehlung folgt: Lebe den Augenblick! Es folgen dann unter anderem die Repliken: Lies viel, vergiss das meiste wieder und sei schwer von Begriff; philosophiere nur zufällig; schau dir die Welt an; sei gesellig; bediene dich kleiner Tricks; verkrafte Liebe und Verluste; tu etwas, was noch nie jemand zuvor getan hat; mache deinen Job gut, aber nicht zu gut; sei gewöhnlich und unvollkommen; finde das rechte Maß. Vor allem der letzte Vokativ trifft Montaignes Weltsicht, Weltschau, seine Welt- und Menschenliebe am genauesten.
Ebendieser Wesenszug, die Ataraxie, eine ausbalancierte Unerschütterlichkeit, nicht zu verwechseln mit zynischer Verhärtung, charakterisiert vielleicht am besten den Franzosen, der sich 1570 im Alter von 37 Jahren nach einer Reihe rasch aufeinanderfolgender Verluste und Schicksalsschläge - Tod des besten Freundes, Tod des Vaters, Tod des Bruders (beim Paume, dem Vorläufer des modernen Tennisspiels), Tod der ersten Tochter - zurückzog auf sein Anwesen und in einem der zwei Türme sein Schreibkabinett einrichtete, das noch heute, wenn auch nicht ganz original, ebendort zu besichtigen ist.
Doch der Jurist, der Montaigne lange Jahre war, wurde kein Eremit. Vielmehr wird bei Bakewell sehr deutlich, dass Montaigne im Leben stand, überaus gesellig war, und über so manches Gebrechen und so manches biologische Defizit - seine körperliche Kürze, Penislängen, Ausscheidungen - deftig schrieb, weswegen er auch im 19. Jahrhundert moralinsauer angegriffen und seine Essais verstümmelt wurden.
Entlang dieser Antwortkette erzählt Sarah Bakewell lebendig die Biografie des Philosophen inklusive Echos, Reaktionen von Verächtern wie Blaise Pascal und Verehrern wie Virginia Woolf - nicht unähnlich Montaigne selber also, der in seinen Essais nicht selten von einer Überschrift ausgeht und dann nach kurzem regelmäßig in eine ganz andere Richtung abbiegt und hinwegmäandert. Dies Buch ist auch deshalb so hinreißend, weil es durchgehend elegant formuliert ist, weil es so engagiert geschrieben ist, weil es mit Verve komplexe Zusammenhänge und geistesgeschichtliche Bezüge, etwa zu Stoizismus und Skeptizismus, rekonstruiert und erklärt. Zudem hat es erstaunlicherweise seit längerem keine größere Lebensbeschreibung auf Deutsch gegeben.
Bakewell liefert ein grandioses Montaigne-Panorama. Es reicht vom Kleinen - dass sein Adelsstatus relativ jung war, dass sein Vater als planloser Plänemacher agierte, bei dessen Tod vieles nicht zu Ende gebracht worden war, dass der junge Montaigne gleich nach der Geburt einer Amme übergeben wurde, dass die erste ihm beigebrachte Sprache Latein war - über das Mittlere, das Alltagsleben und das Wirtschaften auf Château de Montaigne, bis zum Großen: den Jahrzehnten, in denen Montaigne öffentlich tätig war - als Bürgermeister von Bordeaux, später auch als diplomatischer Vermittler und royaler Ratgeber -, Dekaden, in denen immer wieder die Pest ausbrach, grassierte und die Bevölkerung dezimierte, Zeiten, in denen Rankünen gesponnen wurden, in denen die französischen Regenten schwach bis unfähig waren und grausame konfessionelle Kriege zwischen Katholiken und Protestanten hin- und herwogten.
Und mitten darin der Homo politicus und Homo philosophicus Montaigne, der epikureische Lebenskünstler, überfordert (und damit gern kokettierend) von der ebenso wie desinteressiert an der praktischen Leitung seiner Latifundien, verheiratet mit einer Frau, die so zänkisch, laut und sanguinisch war wie seine ungeliebte Mutter, schreibend, aber nie abgeschieden vom guten Leben.
Angesichts der immensen Detailfülle, die hier mit leichter Hand ausgebreitet
wird, sind dann auch einige Seitenbemerkungen zu verschmerzen, die zu flapsig
anmuten. So etwa das Verdikt, dass Montaigne heute
mutmaßlich als Blogger aktiv wäre, dass er sich, entsprechende Jugend
vorausgesetzt, ein Tattoo stechen ließe; und ihm " Coolness" zu attestieren
wirkt ebenfalls mehr als nur ein wenig deplatziert. Den Franzosen dergestalt
zwanghaft und verkrampft der Gegenwart anzuverwandeln zeugt eher von der
Verlegerkrankheit, bloß nichts scheinbar Antiquiertes drucken zu müssen. Doch
sind dies nur winzige Petitessen in einem großartigen, durch und durch
fesselnden, aufklärerischen, faszinierenden und glänzend übersetzten Buch. (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 7./8./9.12.2012)
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philosophen haben fast alle ihre meriten. bakewells verdienst ist es anscheinend, montaigne knackig (und mitunter 'flapsig'), sprich modern, rüber zu bringen. eine farbige biographie und spannende zeitgeschichte helfen sicherlich dabei. klingd gud.
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