Menschen, Kometen und Lemminge

6. Dezember 2012, 17:18
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Zu Jura Soyfers 100. Geburtstag. Von Julya Rabinowich

"Bleib ein Mensch, Kamerad"- eine komprimierte Zusammenfassung der KZ-Realität mit dem Ziel, zu überleben, ohne sich dabei zu verlieren. " Bleib ein Mensch, Kamerad" ist ein wildes "jenen die Stirn bieten, die einem das Menschsein absprechen".

Jene, die sich zu den Herren der Welt erklären, werden dadurch zu dem degradiert, was sie sind: brutale, losgelassene Geister. Die Wortwahl des Regimes war entblößend. Ebenso entblößend ist die Wortwahl, die es, wie durch einen Riss in der Zeit, schafft, täglich ein wenig mehr ins Hier und Jetzt einzusickern. Und es fängt meistens an mit dem Wort. Und es endet mit der Wortlosigkeit. Dazwischen liegt ein langer Weg, der nicht zwingend ans Ende gegangen werden muss. Aber dafür braucht es Mut. Dafür muss man darauf bestehen, dass man Mensch bleibt und das Gegenüber auch.

Das, was zu Jura Soyfers Tod führte - geboren wurde der Dichter am 8. Dezember 1912, er starb 1939 im KZ Buchenwald - , gewinnt ebenso wie seine Texte wieder Aktualität. Auch heute kann das missglückte illegale Überqueren einer Grenze den Tod bedeuten. Soyfers Komet ist heute ein Steinkalender der Maya geworden. Aber der Weltuntergang steht wie immer bevor. Lars von Trier hat diesen Weltuntergang in Melancholia bereits auf Hochglanzqualität gebracht. Schöner sterben sozusagen. "Voll Leben und voll Tod ist diese Erde." Wenn nicht mehr Moralgrenzen, sondern Staatsgrenzen das Recht zu leben und zu sterben neu definieren, ist von Menschlichkeit immer weniger zu sehen. Gestern wie heute.

Wirtschaftsflüchtling mag einer sein, der auf die Steuer vergisst, um sein Vermögen in Briefkastenfirmen im Ausland zu parken. Jemand, der weiß, dass weder er selbst, noch seine Kinder im Heimatland eine Chance haben, und jemand, der um das Überleben seiner Familie bangt - so jemand ist es nicht. "Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde." Brot und Hunger sind nicht gleich verteilt. Jene, die das Brot haben, sollten sich Begriffe wie "Ankerkind" dreimal überlegen. Denn auch dieser Begriff macht Menschen, macht Kinder zu Objekten.

Zu dumm, dass dieses Wort von der Justiz verwendet wird. Zu dumm, das die Justiz die Augenbinde ab und an mit der Seeräuberklappe tauscht. Und wir, bereit, uns medial orchestriert ins Bockshorn jagen zu lassen und bockshorngejagt den Flötenklängen der Rattenfänger zu folgen: Wir bleiben immer weniger Mensch. Und werden Lemming.

Wir sind Lemming! ist aber keine Parole, die sich stolzerfüllt durch den Äther jagen lässt. Soyfers Aufruf ist aktuell. Mensch bleiben in unmenschlicher Umgebung - eine übermenschliche Leistung. Wir könnten es etwas billiger haben. Noch ist Mensch bleiben leicht möglich. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 7./8./9.12.2012)

 

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