Die "Neureichen der Weltwirtschaft"

10. Dezember 2012, 13:53
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Das Blatt hat sich gewendet: Europa und die USA versinken in einer Schuldenkrise, viele Schwellenländer dagegen boomen

Noch vor einigen Jahren galt: Schuldenkrisen und Staatsbankrotte sind ein Problem der Schwellenländer - Industriestaaten sind nicht betroffen. Das Blatt hat sich gewendet: Europa und die USA versinken in einer Schuldenkrise, und die Schwellenländer weisen gute Bilanzen auf. Chile etwa hat einen der niedrigsten Schuldenstände der Welt. "Große Devisenreserven machen diese Länder nun zu den Neureichen der Weltwirtschaft", berichtete die "Financial Times Deutschland" (FTD).

Und während sich Europa in den Fängen der Arbeitslosigkeit befindet, herrsche etwa in Angola Goldgräberstimmung. In Afrikas Boom-Land werden Fachkräfte knapp schreibt die Wirtschaftszeitung. Der größte Arbeitgeber im Land ist der Minenkonzern Odebrecht. Er kommt aus Brasilien und beschäftigt in Angola rund 30.000 Menschen - darunter immer mehr Portugiesen. Wegen der Euro-Krise heuern sie in der Ex-Kolonie an. Die (Wirtschafts-) Welt ist im Umbruch.

Krise beschleunigt Veränderung

Auch von der Finanzkrise wurden die Schwellenländer nicht in gleichem Maße ausgebremst. Das hat den wirtschaftlichen Aufschwung der Schwellenländer beschleunigt und auch verändert.

Mittlerweile lässt sich dieser Aufschwung in Zahlen ablesen: Laut IWF dürften Asiens Schwellenländer heuer einen größeren Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung haben als die Euro-Zone - zum ersten Mal. Die USA und die Euro-Zone haben seit 2007 insgesamt 8,5 Prozentpunkte des Anteils am weltweiten BIP verloren, Asiens große Schwellenländer gewannen in diesem Zeitraum 6,5 Prozentpunkte dazu. 

Mega-Absatzmarkt China

Im Zentrum dieser Entwicklung steht China. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt leidet aber auch an den Nachfrageausfällen im Westen. Das chinesische Exportmodell sei verwundbar, so die "FTD". Nun wandelt sich Peking von einer Produktions- zu einer Konsumwirtschaft. China will weg von Billigexporten, hin zu steigenden Löhnen und mehr Binnenkonsum. Auch in Lateinamerika und Afrika wachse die Zahl der Menschen mit Mittelklasse-Einkommen. 

Einer Prognose der Weltbank zufolge soll es in den Schwellenländern bis zum Jahr 2030 1,2 Milliarden Menschen mit mittlerem Einkommen geben, derzeit sind es 400 Millionen. Für die Weltbank gehört zur Mittelschicht, wer eine Kaufkraft von 4.000 bis 17.000 Dollar hat. Länder wie China werden dann wirklich zum Mega-Absatzmarkt. Auto- und Maschinenbauer profitierten jetzt schon von der Nachfrage in Fernost.

Billigproduktion wandert weiter

Die Billigproduktion wandert dann weiter ab, in ärmere Länder. Viele Firmen aus China, Brasilien oder aus der Türkei steckten ihr Geld heute schon lieber in andere Schwellenländer als in Industriestaaten - auch weil die Löhne hier wesentlich niedriger seien, so die deutsche Wirtschaftszeitung. In Indien, Malaysia, Thailand oder China seien die Mindestlöhne erhöht worden, schreibt auch das "Wall Street Journal" (WSJ). Allein in China seien sie in den ersten zwei Monaten dieses Jahres um zehn Prozent gestiegen, zitiert die Wirtschaftszeitung die Investmentbank Standard Chartered.

Um ihre Gewinne zu erhalten, verlagere daher etwa die Textilbranche Teile ihrer Produktion nach Afrika, schreibt das "WSJ": "Globale Unternehmen schätzen die billigen, englischsprechenden Arbeiter ebenso wie Häfen, die per Schiff von der US-Ostküste zehn Tage schneller zu erreichen sind als die asiatischen Fabriken", so die Zeitung.

Süd-Süd-Handel wächst

2010 floss erstmals mehr als die Hälfte aller ausländischen Direktinvestitionen weltweit in Schwellen- und Entwicklungsländer, schreibt die "FTD". Auch exportiert wird nicht mehr nur in Industriestaaten. Boomende Schwellenländer sind starke Absatzmärkte.

An einem Viertel der globalen Warenströme waren die Industrieländer 2010 gar nicht mehr beteiligt. Der Handel unter Schwellen- und Entwicklungsstaaten wächst laut Welthandels- und Entwicklungskonferenz (Unctad) doppelt so schnell wie der Handel zwischen Norden und Süden, schreibt die "FTD". Bis 2020 dürften diese Handelswege für die betroffenen Länder wichtiger werden als der Austausch mit Industrieländern, prognostiziert die Weltbank. Speziell zwischen den Bric-Staaten - Brasilien, Russland, Indien und China - würden die Verflechtungen immer enger.

Auch afrikanische Firmen expandieren mittlerweile: Laut "FTD" wachsen ihre ausländischen Direktinvestitionen seit 2002 doppelt so schnell wie jene aus Asien und Lateinamerika. (part, derStandard.at, 10.12.2012)

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    Eröffnung eines Louis Vuitton-Stores in Peking: So langsam sind die versprochenen Mega-Absätze in China wirklich möglich. 

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