Wer waren die Opfer, wer die Täter?

9. Dezember 2012, 17:06
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Wohin man schaut, wird über Denkmäler und Ortsnamen gestritten, über Helden und Verräter, Täter und Opfer. Über die schmerzlichen Erinnerungen in Ostmitteleuropa

Die Besinnung auf die Geschichte ging mit einem Wiederaufleben eines vielfach rabiaten Nationalismus einher, der sich gern auf Vorbilder aus der Vergangenheit beruft.

Die tiefe Krise in Europa und die damit einhergehenden Ängste wecken allerorts Gespenster, die wir längst für überwunden hielten. Das gilt nicht zuletzt für die postkommunistischen Länder Ostmitteleuropas und die dort zuweilen heftig geführten Auseinandersetzungen um die Geschichte. Diese belasten das Verhältnis zwischen einzelnen Ländern, und sie schüren auch interne Konflikte.

Ein Beispiel dafür ist die Debatte in Polen um die Flugzeugkatastrophe von Smolensk, der im April 2010 faktisch die gesamte polnische Staatsführung zum Opfer fiel. Präsident Lech Kaczynski und weitere hochrangige Politiker und Militärs befanden sich auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für die Opfer von Katyn, als ihre Maschine beim Landeanflug im dichten Nebel abstürzte. Im Dorf Katyn nahe Smolensk hatten Angehörige der sowjetischen Geheimpolizei NKWD im Frühjahr 1940 auf Befehl Stalins tausende polnische Offiziere ermordet, die nach dem Einmarsch der Roten Armee in Ostpolen im September 1939 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten waren. Als die Massengräber 1943 von deutschen Truppen entdeckt wurden, leugnete Stalin jede Verantwortung und schob sie Hitler in die Schuhe. Obwohl in Polen kaum jemand Zweifel an der wahren Täterschaft hegte, sahen sich die polnischen Kommunisten gezwungen, die sowjetische Version als absolute Wahrheit zu verkünden, was ihre Glaubwürdigkeit dauerhaft untergrub. Katyn wurde zu einer Metapher für die stalinistischen Verbrechen und die Verlogenheit des ganzen Systems.

1990 bekannte sich Russland erstmals zur Verantwortung für Katyn, doch von einer echten Aufarbeitung kann keine Rede sein, im Gegenteil, die Auseinandersetzung überschattet nach wie vor die polnisch-russischen Beziehungen, wie die Katastrophe von Smolensk beweist. In Polen werden seither, auch von Politikern der Rechten, immer neue Verschwörungstheorien geäußert, wonach das Staatsoberhaupt und sein Gefolge einem russischen Anschlag zum Opfer fielen.

Erinnerungsorte wie Katyn, die lange Zeit aus dem Bewusstsein verdrängt wurden, gibt es in Ostmitteleuropa viele. In der Ukraine, in Polen, in Litauen, in Belarus, in Slowenien, auch in Österreich, wir brauchen nur an Rechnitz zu denken. Überall stößt man, wenn man zu graben beginnt, auf verborgene Massengräber, die heftige Diskussionen auslösen. Mancherorts haben die Kontroversen erst begonnen. Wer waren die Opfer, wer die Täter? Waren die Opfer vielleicht gleichzeitig Täter, die von der gerechten Strafe ereilt wurden? Wie die slowenischen Domobranci, antikommunistische Einheiten, die mit Hitlerdeutschland kollaborierten, oder die nach 1945 aus der Tschechoslowakei vertriebenen Sudetendeutschen. Im Verlauf der Vertreibungen wurden Tausende ermordet, auch viele, die keine Schuld auf sich geladen hatten. Massenmorde, Vertreibungen, ethnische Säuberungen - in Mitteleuropa kennen wir viele Orte und Regionen, die Erinnerungen an solche Ereignisse wecken.

Zum Beispiel in Belarus. In der Nähe von Minsk liegt ein Waldgebiet namens Kurapaty, wo zwischen 1937 und 1941 auf Befehl Stalins zahllose Weißrussen, aber auch Polen ermordet wurden, Schätzungen sprechen von bis zu 250.000 Opfern. Ende der 1980er-Jahre begannen belarussische Historiker die offizielle Version, wonach dort Opfer der deutschen Besatzer liegen, zu hinterfragen. Zeitzeugen bestätigten, dass die Erschießungen vom NKWD durchgeführt wurden. Der belarussische Diktator hat versucht, die in Kurapaty errichteten Kreuze entfernen zu lassen, um die lästigen Erinnerungen auszumerzen, doch er scheiterte an den Protesten der Bürger. Heute steht Kurapaty symbolisch für die Verbrechen Stalins und den Widerstand gegen alle Versuche des Regimes, über die dunklen Kapitel der Geschichte den Mantel des Schweigens zu breiten.

Darüber dürfen wir nicht vergessen, dass auch die Deutschen nach 1941 in diesen Gebieten zahllose Massaker begingen. Die werden allerdings nicht verschwiegen, sondern zählen zum offiziellen Wissenskanon. Im Westen reagiert man oft mit Unverständnis, wenn in manchen Ländern der Terror der Nationalsozialisten und jener Stalins in einem Atemzug genannt werden. Aber es geht nicht darum, die Opferzahlen gegeneinander aufzurechnen. Der Wettstreit um die Opfer - wer hat mehr gelitten: Polen oder Juden, Ukrainer oder Polen, slowenische Domobranci oder kommunistische Partisanen usw. - hat die sachliche Auseinandersetzung vernebelt und bestehende Gräben weiter vertieft. In Polen, in der Ukraine oder in Belarus kann man allerdings nicht begreifen, weshalb die einen Opfer weniger schwer wiegen sollen als andere. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Intellektuelle im Westen sich lange weigerten, die stalinistischen Verbrechen, etwa den Holodomor, den von der Partei verordneten Hungertod, dem 1932-1933 Millionen Ukrainer zum Opfer fielen, in ihrem Ausmaß anzuerkennen.

Welche Brisanz kontroverse Geschichtsbilder entwickeln können, zeigt sich auch an den Diskussionen, die in Polen über das schwierige Verhältnis von Polen und Juden geführt werden. Die Kontroversen haben durch Enthüllungen, wonach auch Polen im Zweiten Weltkrieg an der Ausplünderung und Vernichtung der Juden beteiligt war, neue Aktualität erhalten. Ein Erinnerungsort dafür ist die Ortschaft Jedwabne im Nordosten Polens, wo im Juli 1941, kurz nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, hunderte jüdische Bewohner von polnischen Nachbarn ermordet wurden. Wie schwierig es für beide Seiten ist, sich diesen Problemen zu stellen, beschreibt die polnische Kulturanthropologin Joanna Tokarska-Bakir in einem Buch mit dem Titel Pogromschreie. Die polnische und die jüdische Erinnerung, so Tokarska-Bakir, sind geprägt von zwei unterschiedlichen Verleugnungen: Die Polen leugnen - in einem simplifizierten Verständnis der Geschichte - die Existenz polnischer Täter, die während des Krieges und auch noch danach Juden ermordeten, während die Juden, deren Erinnerung ausgefüllt ist vom Schmerz nach der Shoah, nicht wahrhaben wollen, dass es in Polen Gerechte gegeben hat, die ihr Leben riskierten, um Juden zu retten.

Auch in der Ukraine birgt die Diskussion um die jüngste Geschichte Konfliktstoffe. Zum Beispiel der Streit um Stepan Bandera, der im Zweiten Weltkrieg für eine unabhängige Ukraine kämpfte, wobei er zeitweise mit den Deutschen kollaborierte. In Wahrheit geht es nicht um die historische Gestalt Bandera, sondern um den Konflikt zwischen zwei historischen Narrativen: einem postsowjetischen und einem national-ukrainischen. Im postsowjetischen Narrativ gilt Bandera als nationalistischer Terrorist, Hitler-Kollaborateur und Volksfeind Nummer 1, was für die ukrainischen Nationalisten Grund genug ist, ihn zum Helden zu erklären und ihm Denkmäler zu errichten.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus machte sich überall Optimismus breit, dass die bislang unterdrückten historischen Konflikte in den nun wieder unabhängigen Staaten rasch ausgeräumt werden könnten. Die schmerzlichen Erinnerungen, so meinten viele, würden in den Hintergrund treten, und man würde sich auf historische Gemeinsamkeiten besinnen. Diese Hoffnungen wurden oft enttäuscht. Wohin man schaut, wird über Denkmäler und Ortsnamen gestritten, über Helden und Verräter, Täter und Opfer. Dabei geht es stets um die historische Erinnerung und damit um die Frage der nationalen Identität, die in Ländern wie der Ukraine oder Belarus mit der Frage nach der Zugehörigkeit zu Europa verknüpft ist.

Die Besinnung auf die Geschichte ging mit einem Wiederaufleben eines vielfach rabiaten Nationalismus einher, der sich gern auf Vorbilder aus der Vergangenheit beruft, bis hin zu faschistischen Parteien. Liberale Intellektuelle müssen erkennen, dass die Demokratisierung oft nichts anderes war als Rhetorik. Wie sich zeigt, hat der Nationalismus die wichtigsten Positionen besetzt.

Wir brauchen nur nach Ungarn oder Polen zu blicken, um das bestätigt zu finden. In Ungarn marschieren Nationalisten gegen Roma, auch in Polen finden chauvinistische Strömungen rasanten Zulauf. Dass sich die polnischen Antisemiten neuerdings Judäo-Skeptiker nennen, macht die Sache nicht besser.

Die Krise ist ein guter Boden für die Gespenster der Vergangenheit. Umso wichtiger erscheint es, dass wir uns offen, ohne etwas zu verschweigen oder schönzureden, mit ihr auseinandersetzen. Das gilt für nicht nur für die postkommunistischen Länder, sondern nicht zuletzt für Österreich. (Martin Pollack, Album, DER STANDARD, 7./8./9.12.2012)

Martin Pollack, geb. 1944, Schriftsteller, Übersetzer, Journalist. 2011 erhielt er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, 2012 den Stanislaw-Vincenz-Preis. Zuletzt erschien: "Kaiser von Amerika. Die große Flucht aus Galizien" (Zsolnay). Dieser Text ist eine Kurzfassung seiner Einleitungsrede zum 6. Mediengipfel, der vom 29. 11. bis zum 1. 12. in Lech stattfand.

  • Erinnerungsorte wie Katyn, die lange Zeit aus dem Bewusstsein verdrängt wurden, 
gibt es in Ostmitteleuropa viele. In der Ukraine, in Polen, in Litauen, in 
Belarus, in Slowenien, auch in Österreich ...
    foto: epa/michael reynolds

    Erinnerungsorte wie Katyn, die lange Zeit aus dem Bewusstsein verdrängt wurden, gibt es in Ostmitteleuropa viele. In der Ukraine, in Polen, in Litauen, in Belarus, in Slowenien, auch in Österreich ...

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