Lumpenbourgeoisie?

Kolumne |

Wildwest/Wildost-, verfaulender oder gezähmter Kapitalismus? Oder weshalb soziale Marktwirtschaft faire Verteilungs- und Sozialpolitik braucht – und die schwieriger ist als alles andere

Nach drei Jahrzehnten Casino-Kapitalismus zeigt sich ein Niedergang bürgerlicher und Arbeiter-Arbeitsmoral, Berufs- und Leistungsethik zugunsten asozialer Korruption, "fun morality" und Lotto-Gesinnung ("wo woa mei Leistung?") am oberen und unteren Rand der Gesellschaft. "Passive Verfaulung" (Marx) indolenter Unterschichten reiner Versorgungsempfänger und oft müßiggängerischer Erben frisst sich tief in den Kern produktiver Erwerbsklassen. Glamouröse, pseudoaristokratische und lumpenproletarische Gangsta-Rapper-Leitbilder demoralisieren. Sie verhöhnen Arbeiterschweiß, bürgerlichen Fleiß, unternehmerisches Wagnis und professionelle Wertschöpfung zugunsten vermögensverzehrenden Konsums - auf Pump oder auf Kosten tüchtiger Vorfahren. Wiedergeburt des Rentiers nach einem halben Jahrhundert Frieden, Wohlstand und Wohlfahrt.

Die in die Zange genommenen Mittelschichten flippen nach weit rechts und links aus: dem bedrohten Kleinbürger gilt schnell als ungebührlich "reich", wer mehr als ein paar hundert Pfund mehr pro Woche als der Schwager oder man selbst verdient; und als "Asi" oder "undeserving poor" wer bei demonstrativem Nichtstun oder Pfusch gut oder jedenfalls sichtbar besser lebt als die "working poor" Erwerbsarmer, die sich - angesichts solcher Alternativen - für so gut wie nichts zerfransen. Doch statt über den "white trash" und seine Anfälligkeit für Extremismus die liberale Nase zu rümpfen ist dem Hass gegen "die Parasiten da oben" und "die Schmarotzer da unten" nur durch wirksame Verteilungs- und Sozialpolitik beizukommen.

Dazu zwei Beispiele: erlaubt eine Gesellschaft "oben" völlig steuerfreies Erben selbst größter Vermögen, gleiche Steuersätze für 60.000 und 60 Millionen Euro Jahreseinkommen oder zig-faches des Durchschnittseinkommens als Betriebsausgabe, dann darf sie sich über den Verfall von Leistungsmoral und Statuspanik im Mittelstand nicht wundern. Der altliberale Management-Guru Peter Drucker hielt mehr als 15-fache Einkommen von Managern gegenüber Arbeitnehmern für unzuträglich, wofür ihn neoliberale Dummyuppies heute wohl als "Kommunisten" denunzierten. Jedenfalls bedeuteten 48-100-fache Managergehälter oder astronomische Showbiz- und Sportlergagen Jahres- oder Wochenboni höher als durchschnittliche Lebenseinkommen - und das ist mit jeder Meritokratie unvereinbar.

Und "unten": wenn eine "Sandlerin" mit 60 und Ausgleichzulage in Wien zu den offiziellen 14 x 814,92 Euro Mindestrente eine reale Netto-Kaufkraft von 1.500 bis 2.500 Euro haben kann*, so wird die gerade nicht mehr erwerbsarme vierköpfige Familie nebenan mit 2.200 Euro oder die Alleinerzieherin mit Baby und 1.350 Euro ziemlich unrund reagieren, wenn sie weder Mindestsicherung noch Vorteile subventionierter Gemeindewohnung, Mitbeihilfe, Heizkostenzuschuss, Befreiung von Rezeptgebühr, Medikamenten- und Arztkosten, Hundesteuerermäßigung, GIS-Rundfunkgebührenbefreiung, Gratis Grundentgelt und Grundgebühr A1-Handy, Mobilpass Wiener Linien und einen einzigartigen Kulturpass für Theater, Oper, Kino, Kabarett und einzelne Festspiele hat. Vergünstigter Einkauf in Sozialmärkten allein kann - je nach Einkaufsverhalten und Sortiment - einen Kaufkraftgewinn von 310 bis zu 1.040 Euro monatlich bedeuten.

Nichts ist also schwieriger als faire Verteilungs- und Sozialpolitik. Die Umstellung der sechs Millionen Heizkostenzuschuss von Geld auf Sachleistungen durch die "Wiener Energieunterstützung" ist so ein intelligenter Neubeginn Jänner 2013. (Bernd Marin, DER STANDARD, 8/9.12.2012)

* So rechnet etwa der rechtsliberale Michael Hörl, Die Gemeinwohl-Falle, 2012, übrigens mit unbegreiflicher Unterschätzung des Kaufkrafthebels von Sozialmarkteinkäufen.

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