Frauen in Afrika: "Müssen Männerdomäne im Energiebereich knacken"

Interview6. Dezember 2012, 18:08
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Zugang zu leistbarer Energie ist der Schlüssel für Entwicklung, ist Rose Mensah-Kutin überzeugt. Mit ihrer NGO Abantu for Development kämpft die Ghanaerin für die Einbindung der Frauen in diesen wichtigen Sektor.

STANDARD: Weltweit haben an die 1,3 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Elektrizität; ein hoher Prozentsatz davon lebt in Ländern südlich der Sahara. Auf was führen Sie das zurück?

Mensah-Kutin: Das ist das Ergebnis verfehlter Entwicklung. Viele afrikanische Länder haben, nachdem sie das Joch des Kolonialismus abgeschüttelt hatten, ihre oberste Priorität im Ausbau der Infrastruktur gesehen. Mit der Zeit wurde aus den Augen verloren, was die Menschen wirklich brauchen. Vieles kam von außen, war nicht hausgemacht und deshalb teuer. Das war auch bei Energie so.

STANDARD: Afrika ist doch reich an Öl, Gas, Kohle und hat auch erneuerbare Energien wie Wasserkraft, Photovoltaik oder Geothermie?

Mensah-Kutin: Es ist aber nicht gelungen, die vorhandenen Ressourcen zur Verbesserung des Lebensstandards der Menschen einzusetzen. Der Großteil der aufgebrachten Energie stammt letztlich von Frauen. Sie müssen schauen, dass es Holz zum Kochen gibt, Wasser von weit her holen und die kargen Erträge der Feldarbeit mühsam zum Wochenmarkt schaffen. Statt schwere körperliche Arbeit zu verrichten, könnten sie ihre Energie viel produktiver einsetzen.

STANDARD: Den Frauen kommt folglich eine Schlüsselrolle zu, wenn es um die Verbesserung des Lebensstandards der Menschen geht?

Mensah-Kutin: Absolut. Auf ihnen lastet die Verantwortung, was das Geschehen im und rund um das Haus betrifft. In ärmeren Gegenden auf dem Land ist das noch stärker ausgeprägt. Wenig überraschend sind das meist auch jene Regionen, die ohne Strom sind.

STANDARD: In der Politik spielen Frauen eine untergeordnete Rolle?

Mensah-Kutin: Es gibt aber zunehmend Unterstützung, was die Rechte der Frauen betrifft. Dennoch ist es so, dass man in Bereichen wie der Energiewirtschaft vergleichsweise wenige Frauen antrifft. Die meisten Frauen schlagen, sofern sie studieren, eine sozialwissenschaftliche Richtung ein. Männer hingegen bevorzugen naturwissenschaftliche oder technische Studien. Die meisten Angestellten in der Energiebranche sind Ingenieure - und männlich. Die können sich schwer in die Situation von Frauen hineinversetzen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass Frauen, anders als bisher, in die Energiepolitik und Energieplanung einbezogen werden.

STANDARD: Was müsste dringend gemacht werden, um die Situation zu verbessern?

Mensah-Kutin: Da der Energiebereich für die Entwicklung der Gesellschaft so entscheidend ist und auch zur Entlastung der Frauen beitragen könnte, müsste man alles daransetzen, diese Männerdomäne aufzubrechen. Da spielt Österreich eine wichtige Rolle.

STANDARD: Inwiefern?

Mensah-Kutin: Experten und Expertinnen der Austrian Development Agency (ADA) waren maßgeblich an der Ausarbeitung regionaler Grundsatzpapiere für alle Länder Westafrikas beteiligt, das eine zu erneuerbaren Energien, das andere zu Energieeffizienz. Das wird jetzt gerade umgesetzt. Der Zugang der Frauen ist dabei ein entscheidendes Kriterium. Zudem geht es um die Förderung von Kleinwasserkraft sowie eine Strategie für Bioenergie.

STANDARD: Hat es bei Energie zuletzt Verbesserungen gegeben?

Mensah-Kutin: In einigen Sektoren ja, in anderen nein. In Ghana etwa haben 76 Prozent der Bevölkerung nun Zugang zu Elektrizität.

STANDARD: Was ist mit Gas?

Mensah-Kutin: Infrastruktur dazu gibt es hauptsächlich in Städten. Gasnetz gibt es in Ghana keines, das Gas wird in Flaschen verkauft. Nun ist man bemüht, kleinere Gasflaschen auf den Markt zu bringen, damit sich auch Kleinfamilien so etwas anschaffen können. (Günther Strobl, DER STANDARD, 6.12.2012)

Rose Mensah-Kutin (52) ist Chefin des in Accra (Ghana) angesiedelten Regionalbüros für Westafrika der Organisation Abantu for Development, einer NGO. Die verheiratete Mutter von vier Kindern hat in Birmingham einen PhD in Energy and Gender Studies gemacht, am Institut für Sozialstudien in Den Haag ihren Master. Mensah-Kutin war auf Einladung der Austrian Development Agency in Wien.

  • Für bessere Einbindung der Frauen: Rose Mensah-Kutin.
    foto: matthias cremer

    Für bessere Einbindung der Frauen: Rose Mensah-Kutin.

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