Selbstbestimmte Asylwerber

Kolumne |

Für entwurzelte Menschen ist nichts so schädlich wie erzwungene Untätigkeit

Jede Menge Schwierigkeiten beim Unterbringen von Asylwerbern in Österreich: zu wenige Standorte, zu wenig Geld zum Herrichten von Quartieren, Klagen über mangelhaftes Essen und ungeeignete Security-Leute. Ist eigentlich noch niemandem die Idee gekommen, dass viele Aufgaben besser und billiger von den Flüchtlingen selbst übernommen werden könnten?

Rückblende auf den Mai 1945. Zweitausend erschöpfte und traumatisierte Flüchtlinge treffen nach einem 80-Kilometer-Fußmarsch in einer westböhmischen Ortschaft ein, die soeben von der US-Armee eingenommen worden ist. Die Amerikaner stecken die Leute in eine verlassene Fabrikhalle, fragen: Wer von euch spricht Englisch? Einer meldet sich und wird sofort zum Lagerleiter ernannt. Ab da organisieren die Flüchtlinge sich selbst. Es gibt eine Lagerpolizei, einen Verantwortlichen oder eine Verantwortliche für die Sauberkeit im Lager, für die Kinderbetreuung, für die Essensverteilung. Alles klappt. Kaum Streit und viel gegenseitige Hilfsbereitschaft.

Sollte so etwas, unter viel günstigeren Bedingungen, nicht auch im Österreich von 2012 möglich sein? Muss man erwachsene Menschen, die keine Verbrecher sind, ständig bewachen, betreuen, bevormunden? Die unselige Saualm und in letzter Zeit auch Traiskirchen sind nicht gerade einladende Beispiele dafür. Asylwerber sind in ihrer überwältigenden Mehrheit Leute, die in ihrem schwierigen Leben gelernt haben, schwer zu arbeiten, zu planen, zu improvisieren, Probleme zu lösen. Viele Fachleute für alles Mögliche sind unter ihnen.

Warum sollen sie ihre Quartiere nicht selbst bewohnbar machen, in Ordnung halten und reparieren, was zu reparieren ist? Warum sollen sie ihr Essen nicht selbst kochen, und zwar auf eine Weise, die ihren Kulturen und Speisevorschriften entspricht? Warum sollen sie nicht selbst Verantwortung übernehmen und selbst für Sicherheit und Ordnung sorgen? Sie sind weder hilflose Kinder noch gefährliche Wilde.

Vor allem aber: Nichts ist so schädlich für entwurzelte Menschen wie erzwungene Untätigkeit. Wenn sie schon nicht - was schlimm genug ist - einer geregelten Arbeit in Österreich nachgehen dürfen, warum sollen sie dann nicht wenigstens ihr eigenes Leben organisieren? In jenem Flüchtlingslager am Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Leute, von denen viele Schlimmes mitgemacht hatten, nur allzu froh, eine Aufgabe zu haben. Und wer sich in einem fremden Land integrieren soll, kann das auf keine bessere Art angehen, als indem er arbeitet.

Und was die Standorte angeht: besser Kasernen als entlegene Landgasthöfe. Wenn ein paar Landsleute in der Nähe sind, kann man einander gegenseitig helfen, einander beraten, Informationen austauschen und auch etwas über das Ankunftsland erfahren. Erste Schritte zur Integration sind möglich. Allein im fremden Dorf ist man völlig verloren.

Das überfüllte Lager Traiskirchen ist jetzt entlastet. Man kann nur hoffen, dass die Ausquartierten nun anständig untergebracht werden und halbwegs selbstbestimmt leben können. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 6.12.2012)

Share if you care
  • 11.12.2014
    • Leistung hilft nicht [46]

      Österreich hat eine alternde Bevölkerung und braucht die Zuwanderung qualifizierter Leute

  • 27.11.2014
    • Notwendiger Kraftakt [42]

      Der Zustrom von Flüchtlingen wird nicht aufhören, und das zu bewältigen ist eine nationale Aufgabe

  • 13.11.2014
    • Pop-Jihadisten [88]

      Die von jungen Leuten mit Migrationshintergrund aufgebaute radikalislamische Jugendszene ist keineswegs archaisch, sondern durchaus hip

  • 30.10.2014
    • Große Erwartungen [9]

      Auch niedergeschlagene Revolutionen wirken weiter und inspirieren künftige Generationen

  • 16.10.2014
  • 2.10.2014
    • Islam im Zwielicht [381]

      Für die westlichen Gesellschaften stellt sich nun zunehmend die Frage, wie viel Toleranz hier angebracht ist und wo sie endet

  • 18.9.2014
    • Bildungsblockade [49]

      Die Hoffnung besteht, dass an der Bildungsfront ein Neubeginn gelingt

  • 4.9.2014
  • 21.8.2014
  • 7.8.2014
  • 24.7.2014
    • Sterbehilfe aus Liebe [222]

      In der alternden Gesellschaft Europas wird die Sterbehilfe mehr und mehr zum Thema. Den europäischen Regierungen wird es daher nicht erspart bleiben, sich mit dem Sterbehilfeverbot zu befassen, zumindest mit der Entkriminalisierung der Beihilfe

  • 10.7.2014
    • Zu den Waffen greifen [76]

      Bundespräsident Joachim Gauck hinterfragte vor kurzem die außenpolitische Zurückhaltung des eigenen Landes. Die Vorstellung, dass Deutschlands Militär nicht nur den Frieden sichert, sondern aktiv in Konflikte eingreift, ist unerträglich

  • 26.6.2014
    • Caro Turista [45]

      Der überbordende Tourismus in Venedig ist warnendes Beispiel für viele andere schöne Städte in Europa, inklusive Salzburg und Wien

  • 5.6.2014
  • 15.5.2014
    • Ein europäischer "Tatort" [99]

      Was wir trotz alldem an Europa haben, sehen wir vermutlich erst dann, wenn wir uns außerhalb unseres Kontinents befinden

  • 24.4.2014
    • Siedlung oder Grätzel [37]

      In der Frage, ob Stadtplaner etwas dazugelernt haben, vermittelt die neue Wiener Seestadt in Aspern einen Hoffnungsschimmer

  • 10.4.2014
    • Lechts und rinks [64]

      Ist es wirklich schlecht, wenn Christdemokraten und Sozialdemokraten voneinander lernen?

  • 27.3.2014
    • Putins westliche Freunde [346]

      Gut, dass in Österreich noch niemand auf die Idee gekommen ist, in Bozen einzumarschieren

  • 13.3.2014
    • Europa im Fernsehen [44]

      Vor der EU-Wahl im Mai soll erstmals so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit entstehen

  • 27.2.2014
    • Maidan. Tahrir. Taksim. [29]

      Die revolutionären Umwälzungen der jüngsten Zeit sorgen für einen Imagewandel der betreffenden Länder

  • 13.2.2014
    • Europawahl ohne Europäer [141]

      Die Europawahlen bringen uns ins Bewusstsein, dass unser Horizont nicht weiter als bis zu den Landesgrenzen reicht

  • 30.1.2014
    • Die Angst vor den Roma [187]

      Wenn wir ein solidarisches Europa wollen, müssen wir akzeptieren, dass auch die Millionen osteuropäischer Roma dazugehören

  • 16.1.2014
    • Was übrig blieb [69]

      Hundert Jahre nach dem Schicksalsjahr 1914 hat sich vieles geändert

  • 2.1.2014