Selbstbestimmte Asylwerber

Kolumne | Barbara Coudenhove-Kalergi
5. Dezember 2012, 18:44

Für entwurzelte Menschen ist nichts so schädlich wie erzwungene Untätigkeit

Jede Menge Schwierigkeiten beim Unterbringen von Asylwerbern in Österreich: zu wenige Standorte, zu wenig Geld zum Herrichten von Quartieren, Klagen über mangelhaftes Essen und ungeeignete Security-Leute. Ist eigentlich noch niemandem die Idee gekommen, dass viele Aufgaben besser und billiger von den Flüchtlingen selbst übernommen werden könnten?

Rückblende auf den Mai 1945. Zweitausend erschöpfte und traumatisierte Flüchtlinge treffen nach einem 80-Kilometer-Fußmarsch in einer westböhmischen Ortschaft ein, die soeben von der US-Armee eingenommen worden ist. Die Amerikaner stecken die Leute in eine verlassene Fabrikhalle, fragen: Wer von euch spricht Englisch? Einer meldet sich und wird sofort zum Lagerleiter ernannt. Ab da organisieren die Flüchtlinge sich selbst. Es gibt eine Lagerpolizei, einen Verantwortlichen oder eine Verantwortliche für die Sauberkeit im Lager, für die Kinderbetreuung, für die Essensverteilung. Alles klappt. Kaum Streit und viel gegenseitige Hilfsbereitschaft.

Sollte so etwas, unter viel günstigeren Bedingungen, nicht auch im Österreich von 2012 möglich sein? Muss man erwachsene Menschen, die keine Verbrecher sind, ständig bewachen, betreuen, bevormunden? Die unselige Saualm und in letzter Zeit auch Traiskirchen sind nicht gerade einladende Beispiele dafür. Asylwerber sind in ihrer überwältigenden Mehrheit Leute, die in ihrem schwierigen Leben gelernt haben, schwer zu arbeiten, zu planen, zu improvisieren, Probleme zu lösen. Viele Fachleute für alles Mögliche sind unter ihnen.

Warum sollen sie ihre Quartiere nicht selbst bewohnbar machen, in Ordnung halten und reparieren, was zu reparieren ist? Warum sollen sie ihr Essen nicht selbst kochen, und zwar auf eine Weise, die ihren Kulturen und Speisevorschriften entspricht? Warum sollen sie nicht selbst Verantwortung übernehmen und selbst für Sicherheit und Ordnung sorgen? Sie sind weder hilflose Kinder noch gefährliche Wilde.

Vor allem aber: Nichts ist so schädlich für entwurzelte Menschen wie erzwungene Untätigkeit. Wenn sie schon nicht - was schlimm genug ist - einer geregelten Arbeit in Österreich nachgehen dürfen, warum sollen sie dann nicht wenigstens ihr eigenes Leben organisieren? In jenem Flüchtlingslager am Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Leute, von denen viele Schlimmes mitgemacht hatten, nur allzu froh, eine Aufgabe zu haben. Und wer sich in einem fremden Land integrieren soll, kann das auf keine bessere Art angehen, als indem er arbeitet.

Und was die Standorte angeht: besser Kasernen als entlegene Landgasthöfe. Wenn ein paar Landsleute in der Nähe sind, kann man einander gegenseitig helfen, einander beraten, Informationen austauschen und auch etwas über das Ankunftsland erfahren. Erste Schritte zur Integration sind möglich. Allein im fremden Dorf ist man völlig verloren.

Das überfüllte Lager Traiskirchen ist jetzt entlastet. Man kann nur hoffen, dass die Ausquartierten nun anständig untergebracht werden und halbwegs selbstbestimmt leben können. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 6.12.2012)

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Der übliche Denkfehler der Salonkommunisten

Asyl ist nur für jene, die tatsächlicher Verfolgung ausgesetzt sind.
Dies zu gewähren muß durch eine Asylgrundfeststellung begründet werden.
Asyl ist kein Migrationsgrund.
Also kann es nur im Interesse des Asylwerbers liegen, daß sein Asylverfahren rasch positiv abgeschlossen wird.
Dazu ist seine intensive Mithilfe erforderlich.
Das wiederum bedingt auch seine ständige Verfügbarkeit im Verfahren.
Erst bei einem positiven Ausgang des Verfahrens kann er sich um Beschäftigung und Einkommen kümmern.
Das Erzwingen eines Aufenthaltes durch vorgegebene oder tatsächliche Integration durch Beschäftigung kann und darf nicht das Ziel eines Asylverfahrens sein.
Das wäre ein Schlag ins Gesicht tatsächlich Verfolgter.

Ironie des Schiksals

2 WW. hat mit Asylwerbern genau was zu tun? Soll es untermauern, dass Menschen dazu in der Lage sind, sich selbst zu organisieren? Dafür hätten es auch andere Beispiele getan. Auch kann man semel atque iterum fordern, Asylwerber müssten arbeiten dürfen. Die NGO wissen es, alle die sich mit Asyl befassen sollten es wissen: Ab 2013 dürfen Asylwerber arbeiten, sofern die Verfahren länger als 6 Monate dauern.

Darüber hinaus, zum Thema Selbstverwaltung, wie soll das gehen? Wir reden hier von über 54 Sprachen, und vermutlich keiner lingua franca, keine Kenntnisse über fremde Kultur, etc. Wie würde so etwas gehen?

Selbstbestimmt leben, da kommen wir zur Ironie, dass wird Asylwerbern ab 13/14 möglich sein. [1]

Allerdings abgelehnten Asylwerbern, in einer Schubhaft Einrichtung in Vordernberg. http://www.sue-architekten.at/projekte/... ordernberg

Solche modernen Zentren, nur eben für Asylwerber, und ähnlichem Hintergrund: Also Verwaltung, selbst kochen, kleine Wohneinheiten in einem mordernen Gebäude, Schulungsräumen, und allem sonstigen um Verfahren schnell abzuwickeln, wäre wirklich höchst an der Zeit. (Und ohne Zugang für einschlägig bekannte NGO, die nur Verfahren verschleppen, etc.) Daran angegliedert, direkte Integration in den Ländern. Das aber fordert irgendwie niemand.

Die Problem bleiben - und wachsen weiter, weil sich um bestehende Probleme niemand kümmern mag, nicht NGO und nicht die Politik.

Probleme wie Integration, Sprache, keine Ausbildung, keine Integration, die Untergetauchten, um die sich auch mal jemand kümmern und sie Ausweisen könnte, und vieles mehr.

Da müsste mal angesetzt werden, denn mit Träumerein, wird sich nichts ändern. Und wer Probleme verleugnet, wird dafür sorgen dass sie unlösbar werden. Noch sind sie lösbar, wenn auch mit großer Anstrengung, man müsste es nur mal angehen.

vielen dank, meine unterstützung für diesen vorschlag!

Wenn ein paar Landsleute in der Nähe sind,

dann klappt auch die Familiengründung während des Asylverfahrens viel besser. Siehe der kürzlich aus Bregenz abgeschobene Tschetschene.

Bravo für diesen Artikel!

Es wäre natürlich einfach. Aber wo kommen wir denn da hin. Da könnt ja jeder kommen. Das war schon immer so. Die österreichische Mentalität setzt sich hier durch. Wenn es ein Problem gibt, muss es der Staat lösen - wofür hamman denn? Und das war schon immer so.

Dass es auch anders ginge, darf man nicht denken. Dass es bei Asylsuchenden auch Menschen gibt, die teilweise hochqualifiziert sind und aufgrund der "Rückständigkeit" in ihrem Herkunftsland immer schon improvisieren und reparieren mussten und keine Staatlichkeit hatten, die das übernommen hat wird ebenso vergessen, wie der Umstand dass in psychischen Krisensituationen am besten Stabilität und Sinn hilft. Es ist sinnvoller ein Bett selbst zu reparieren, zu kochen, als zu warten.

"Und wer sich in einem fremden Land integrieren soll"

Das ist nicht das Ziel der Politik.
Das Ziel ist "Aufbewahrung" bis zur Abschiebung.

das ist so nicht ganz richtig

das trifft nur auf die 85% Wirtschaftsflüchtlinge zu - und in der Praxis bleiben die auch fast alle hier um unsere Pensionen zu sichern ...

Sie machen den gleichen Fehler, wie der Boulevard.

Wirtschaftsflüchtlinge sind nicht das selbe wie Asylsuchende. Die sitzen fast nie in Traiskirchen, sondern kommen anders nach Wien. Meist ganz legal. Die Schlepper profitieren nicht von denen, sondern von den Menschen, die keine andere (legale) Möglichkeit mehr sehen, als jemandem viel zu zahlen.

Eigenartige Relationen

Wenn das stimmt, was Sie sagen: Wieso kommen dann jährlich "legal", d.h. nach dem Aufenthaltsgesetz, lediglich ca. 1500 hochqualifizierte Rotweissrot-Karte-Migranten nach Österreich? An Schikanen kann´s nicht liegen, Länder wie Kanada und Australien kriegen weit mehr qualifierte Migranten.

Für 2012 sind dagegen ca. 16.000 Asylwerber zu erwarten. Und viele von denen können dann trotz negativen Bescheids aus menschenrechtlichen Gründen (krieg etc.) nicht zurückgeschickt werden oder kriegen Bleiberecht.

Jeder der halbwegs intelligent ist und für uns von Nutzen wäre, weicht Österreich großräumig aus.

Spüren werden wir das vermutlich erst, wenn uns die Ratingagenturen zum ersten mal so richtig downgegraded haben.

Warum nicht mehr hochqualifizierte Menschen kommen

ist klar: Sie kennen das Klima in Österreich, das "Ausländern" entgegenschlägt und entscheiden sich für Demokratien, wo das nicht so ein Problem ist. Die USA sind ein gutes Beispiel für ein Land, wo Menschen gerne hingehen, weil es dort eben völlig unerheblich ist, woher man kommt - solange man gut ist oder was "bringt". Das alte Europa wird also in der Hinsicht tatsächlich bald *alt* aussehen.

Sehr richtig!

In den USA ist es völlig unerheblich, wo man herkommt.

Der Zaun, den die USA an der Grenze zu Mexiko bauen, dient nur dazu, mexikanische Rinder vor dem Verlaufen zu schützen.

dafür gibts grün

für mein anscheinend nicht korrektes wording, obwohl ich hoffe dass hier niemand wirklich glaubt dass alle Asylsuchenden wirklich verfolgt werden und dass nicht manchmal auch klitzekleine wirtschaftliche Komponenten wir zb unser Sozialnetz eine untergeordnete Rolle spielen ...

Das Sozialnetz spielt da kaum eine Rolle,

da es so gestrickt ist, dass die meisten Asylsuchenden ohnehin durchfallen. Das Märchen von den vielen, vielen Menschen, die ohne was einzuzahlen viel, viel bekommen ist eben auch nur das: Ein Märchen.

Fakt ist, dass die Migrantinnen (nicht Asylsuchenden) Jahr für Jahr mehr in den Sozialtopf einzahlen, als sie rausbekommen. Das kann Ihnen die statistik.at immer wieder belegen.

"in der Praxis bleiben die auch fast alle hier"

Am Stammtisch sicher ein Brüller.
Sachlich schlicht und einfach falsch.

Das ist die erlogene Behauptung von 85% "Wirtschaftsflüchlinge" IMO auch.

Das große Missverständnis

Zitat: Und wer sich in einem fremden Land integrieren soll, kann das auf keine bessere Art angehen, als indem er arbeitet.

Und genau das ist der fundamentale Irrtum, dem die ältere Dame genauso unterliegt wie viele, die meinen, dass sich die Welt in 60 Jahren nicht geändert hat: Flüchtlinge sind verfolgt, sind arm und hilflos. So wie nach dem 2. Weltkrieg, als Zigtausende vertrieben wurden. Und Schutz unter der Genfer Konvention fanden.

Genau das sind sie heute nur selten. Nämlich verfolgt, arm und hilflos. Viele sind organisiert und wissen bestens über die unterschiedlichen Wohlfahrtssysteme des Westens Bescheid.

Und schaffen es mit ihren Helfern aus der Asylindustrie, auch noch einen Rechtsanspruch auf das Hierbleiben zu erwirken.

hat man ja gestern in Moskau gesehen

dass es keine Verfolgung gibt. und woher sie die Info haben, warum und wie Flüchtlinge heute im Vergleich zu früher "sind", haben's uns auch ncoh nicht verraten. Ich tip mal krone.

Wenn Sie den wahren Grund für die Verhaftung kennen, dann bitte sagen Sie uns das.

Ansonsten vermischen Sie Äpfel mit Birnen. Das ist einmal mehr am Naschmarkt möglich.

Woher willst du das wissen, dass Flüchtlinge heute meist keine Feinde haben, sondern reich und bestens organisiert sind? Vom blaunen Nazi-Stammtisch?

Sollte so etwas, unter viel günstigeren Bedingungen, nicht auch im Österreich von 2012 möglich sein?

Nein, denn aufgrund der Herkunft der allermeisten Flüchtlinge und Asylwerber, würde sich innert kürzester Zeit eine Art Gottesstaat im Lager entwickeln, die Scharia eingeführt werden, Ungläubige, Frauen und Homosexuelle drangsaliert werden. Schließlich kennt man ja von zu Hause nix anderes.

" Wenn sie schon nicht - was schlimm genug ist - einer geregelten Arbeit in Österreich nachgehen dürfen..."

Es wäre wünschenswert Fr. Coudenhove-Kalergi würde sich auch Gedanken über jene Menschen hierzuland machen, die dann unter gesteigertem Lohndumping leidend noch tiefer ins Prekariat absinken. Aber, was opfert man nicht alles ums den Neuankömmlingen recht zu machen?! Wenns sein muss eben auch die eigenen Leut'.

Gutmenschliche Schnapsidee...

zb bei der mediaprint hackeln als zeitungszusteller, eine tätigkeit der ja sooooo viele österreicher nachgehen

-> siehe "Lohndumping" und "Prekariat"

Ich halte es fuer eine Frechheit den Oesterreichern vorzuwerfen sie seien sich "zu gut" fuer bestimmte Taetigkeiten. Was die wollen ist eine angemessene Bezahlung, und wenns die nicht gibt kann man sich solidarisieren und die Arbeit halt nicht unterm Preis erledigen. Ausser natuerlich es gibt Personen die, aus welchen Gruenden auch immer, leichter unter Druck zu setzen sind und diese Arbeiten trotzdem annehmen (muessen).

Die Idee war einst einen gewissen minimal angenehmen Lebensstandard fuer alle im Land sicherzustellen. Nur mittlerweile werden, scheints systematisch, Personen importiert die deutlich darunter leben und "hungrig" sind... um sie gegen die mit dem "minimal angenehmen" auszuspielen.

ich nehm nicht an, dass sie ein standard-abo haben, aber zum bezahlt werden gehört auch ein bezahlen wollen.
zum "zu gut" für bestimmte tätigkeiten. ich habs mit autochtonen und mitarbeitern mit mihi zu tun gehabt. am anfang war ich skeptisch, aber dann waren mir die mit mihi bzw "unangepasstem aussehen" lieber, die waren verlässlicher, und ich muss sagen auch intelligenter als die meisten autochtonen, braven.

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