Der "kurdische Faktor" und die rote Linie

Ankaras Kriegsdrohungen gelten nicht nur dem syrischen Regime, sondern auch der syrischen Kurdenpartei PYD, die der PKK nahesteht. Eine Autonomie der syrischen Kurden nach Assad ist für die Türken ein rotes Tuch

Das Einfallstor zum internationalen Krieg gegen Syrien trägt kurdische Namen. Kobani, Serekanieh, Kamishlo (Ayn al-Arab, Ras al-Ayn, Qameshli). Dort, in den Grenzstädten im Norden Syriens, hat sich die Miliz der PYD, der kurdischen Partei der Demokratischen Union, unter den entsetzten Augen der Türken ausgedehnt. Die PYD gilt ihnen als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Ein Anschlag auf der türkischen Seite, ein Überfall auf einen Konvoi der Armee durch PKK-Rebellen aus Syrien würde genügen, um den Einmarsch der Türkei auszulösen. "Das muss nicht einmal erst diskutiert werden", stellte Tayyip Erdogan klar, "das ist ein Faktum."

Für seine Drohung mit Krieg hat Erdogan gleich den Republikgründer als Zeugen genommen. "Mustafa Kemal sagte ,Frieden zu Hause, Frieden in der Welt', aber er sagte nicht, ,Frieden mit den Feinden'". So viele rote Linien hat Ankara schon wegen des Kriegs in Syrien gezogen, dass den Türken Sinn und Zeitpunkt einer denkbaren Militärintervention beim Nachbarn vor den Augen verschwimmen. Doch der "kurdische Faktor" im Norden Syriens zählt.

Zwangsassimilierung

"Wir wollen nicht, dass dieses Gebiet ein Terrornest ist", meint ein Regierungsvertreter und lässt offen, was geschieht, wenn nach Assads Sturz ein neues Parlament in Syrien die Selbstverwaltung der kurdischen Minderheit beschließen sollte. Denn Ankara will ebenso wenig wie eine PKK-Bastion die Entstehung einer zweiten autonomen kurdischen Region an den türkischen Grenzen nach dem Vorbild des Nordirak. Dabei waren die Beziehungen zu Erbil nie besser.

Die Losung Atatürks war immer Wunsch und Diktat zugleich: Die Zwangsassimilierung aller Minderheiten in der neuen türkischen Republik sollte einen Staat der inneren Harmonie schaffen, der Frieden nach außen strahlt. Doch auch nach drei Jahrzehnten Krieg gegen die PKK ist es der türkischen Armee nicht gelungen, die Guerilla zu besiegen. Das innenpolitische Problem der Türkei ist nun Teil der internationalen Syrienkrise. Für die Nato und die westlichen Partner, die Patriot-Raketen an die Grenze schaffen, ist schwer abzuschätzen, welche Dynamik der Privatkrieg der Türkei gegen die Kurden entfalten kann.

PKK-Konflikt in harter Phase

Fast 900 Tote haben die Auseinandersetzungen mit der PKK seit der Parlamentswahl im Sommer 2011 gefordert. Es ist eine der seit Jahren härtesten Phasen im Konflikt zwischen Staat und Untergrundarmee. Der Umbruch in der gesamten Region macht die PKK-Kommandeure offenbar noch wagemutiger. Gleichzeitig nimmt Erdogan aus innenpolitischem Kalkül eine besonders harte Haltung gegenüber kurdischen Politikern ein - er will nun die Unterstützung der türkischen Rechtsextremen von der MHP im Parlament gewinnen, um sich eine Präsidialverfassung für das nächste Jahrzehnt an der Macht zu schreiben.

Dass türkische Armee und Geheimdienst die arabisch-sunnitischen Milizen der Freien Syrischen Armee unterstützen, um die PYD im Norden Syriens zurückzudrängen, ist naheliegend. Fehlende Transparenz und Disziplin der Kämpfer dürften das zu einer schwierigen Unternehmung machen. Koray Caliskan, Kolumnist und PKK-Experte der Zeitung Radikal, hat für den Vorschlag, die Rebellen zu bewaffnen, nur Spott übrig: "Wie amüsant! Macht es, und ihr werdet innerhalb eines Jahres nicht mehr in der Lage sein, einen Hubschrauber sicher im Osten der Türkei zu fliegen." (Markus Bernath, DER STANDARD, 6.12.2012)

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