Der "kurdische Faktor" und die rote Linie

Markus Bernath
6. Dezember 2012, 05:30

Ankaras Kriegsdrohungen gelten nicht nur dem syrischen Regime, sondern auch der syrischen Kurdenpartei PYD, die der PKK nahesteht. Eine Autonomie der syrischen Kurden nach Assad ist für die Türken ein rotes Tuch

Das Einfallstor zum internationalen Krieg gegen Syrien trägt kurdische Namen. Kobani, Serekanieh, Kamishlo (Ayn al-Arab, Ras al-Ayn, Qameshli). Dort, in den Grenzstädten im Norden Syriens, hat sich die Miliz der PYD, der kurdischen Partei der Demokratischen Union, unter den entsetzten Augen der Türken ausgedehnt. Die PYD gilt ihnen als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Ein Anschlag auf der türkischen Seite, ein Überfall auf einen Konvoi der Armee durch PKK-Rebellen aus Syrien würde genügen, um den Einmarsch der Türkei auszulösen. "Das muss nicht einmal erst diskutiert werden", stellte Tayyip Erdogan klar, "das ist ein Faktum."

Für seine Drohung mit Krieg hat Erdogan gleich den Republikgründer als Zeugen genommen. "Mustafa Kemal sagte ,Frieden zu Hause, Frieden in der Welt', aber er sagte nicht, ,Frieden mit den Feinden'". So viele rote Linien hat Ankara schon wegen des Kriegs in Syrien gezogen, dass den Türken Sinn und Zeitpunkt einer denkbaren Militärintervention beim Nachbarn vor den Augen verschwimmen. Doch der "kurdische Faktor" im Norden Syriens zählt.

Zwangsassimilierung

"Wir wollen nicht, dass dieses Gebiet ein Terrornest ist", meint ein Regierungsvertreter und lässt offen, was geschieht, wenn nach Assads Sturz ein neues Parlament in Syrien die Selbstverwaltung der kurdischen Minderheit beschließen sollte. Denn Ankara will ebenso wenig wie eine PKK-Bastion die Entstehung einer zweiten autonomen kurdischen Region an den türkischen Grenzen nach dem Vorbild des Nordirak. Dabei waren die Beziehungen zu Erbil nie besser.

Die Losung Atatürks war immer Wunsch und Diktat zugleich: Die Zwangsassimilierung aller Minderheiten in der neuen türkischen Republik sollte einen Staat der inneren Harmonie schaffen, der Frieden nach außen strahlt. Doch auch nach drei Jahrzehnten Krieg gegen die PKK ist es der türkischen Armee nicht gelungen, die Guerilla zu besiegen. Das innenpolitische Problem der Türkei ist nun Teil der internationalen Syrienkrise. Für die Nato und die westlichen Partner, die Patriot-Raketen an die Grenze schaffen, ist schwer abzuschätzen, welche Dynamik der Privatkrieg der Türkei gegen die Kurden entfalten kann.

PKK-Konflikt in harter Phase

Fast 900 Tote haben die Auseinandersetzungen mit der PKK seit der Parlamentswahl im Sommer 2011 gefordert. Es ist eine der seit Jahren härtesten Phasen im Konflikt zwischen Staat und Untergrundarmee. Der Umbruch in der gesamten Region macht die PKK-Kommandeure offenbar noch wagemutiger. Gleichzeitig nimmt Erdogan aus innenpolitischem Kalkül eine besonders harte Haltung gegenüber kurdischen Politikern ein - er will nun die Unterstützung der türkischen Rechtsextremen von der MHP im Parlament gewinnen, um sich eine Präsidialverfassung für das nächste Jahrzehnt an der Macht zu schreiben.

Dass türkische Armee und Geheimdienst die arabisch-sunnitischen Milizen der Freien Syrischen Armee unterstützen, um die PYD im Norden Syriens zurückzudrängen, ist naheliegend. Fehlende Transparenz und Disziplin der Kämpfer dürften das zu einer schwierigen Unternehmung machen. Koray Caliskan, Kolumnist und PKK-Experte der Zeitung Radikal, hat für den Vorschlag, die Rebellen zu bewaffnen, nur Spott übrig: "Wie amüsant! Macht es, und ihr werdet innerhalb eines Jahres nicht mehr in der Lage sein, einen Hubschrauber sicher im Osten der Türkei zu fliegen." (Markus Bernath, DER STANDARD, 6.12.2012)

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17 Postings
@ Freier nachrichtendienst: Wie lange dauert der Konflikt in Syrien bereits an? Wieviel Menschen sind dadruch gestorben und vertrieben worden? Und wie oft ist die Türkei einmaschiert?

das letzte Jahrhundert war für die Kurden ein schlechtes doch in diesem werden sie ihrer Freiheit gewaltig näher kommen, die Kurden in den jeweiligen Ländern werden durch ihr gemeinsames Schicksal überall unterdrückt zu werden immer mehr geeint...

die geschätzten Zahlen für die Kurden sind immer untertrieben, da die Staaten in denen sie leben nur ungern zugeben wieviele Kurden dort leben, die Türkei versuchte sogar bis vor 10 jahren komplet die existenz der Kurden zu leugnen, in der Türkei sind es etwa 20 Millionen im Irak 6, im Iran 7 in Syrien 3,5 und der Rest Weltweit ca. 5 Millionen wobei die Kurden in den jeweiligen länder der am scnellsten wachsende Bevölkerungsteil bilden, die Türkei versuchte die Kurden durch fehlende investitionen bzw. Rückständig zu halten doch sie dachten nicht daran das genau das zu einer erhöhten Geburtenrate führen könnte, alle resourcen bzw. investitionen und Vorstand wurden im Westen der Türkei ausgegeben, höherer Lebensstandard weniger Geburten xD

Die USA haben gesagt dass sie sich nicht einmischen werden wenn die Türkei die grossen Ölquellen im Nordirak anzapft. Das war der Deal. Dafü ist im Südirak alles in Hand der US Konzerne. Narren meinen das wäre nicht so aber sie verstehen nicht wie..

internationale Firmen mittlerweile verquickt sind. Das dumme ist das in Kirchturm fast nur Kurden wohnen.

hahaha "Kirchturm" hahaha wie ist das denn zustande gekommen?....ich beömmel mich über mich selbst..ich bring jetzt eine eigene satire zeitung raus ...nur für mich...

KIRKUK!!!

Der Vorsitzende des SNC Moaz al-Khatib beim Interview..

..in der kurdischen Zeitung Rudaw:

http://www.rudaw.net/english/i... /5504.html

Sorry aber so ein aggressives Land

hat in der Europäischen Union nichts verloren. Die Türkei hat so viele innen und außenpolitische Probleme, welche sich die Union nicht einkaufen sollte

es ist immer wieder verwunderlich wie manche ernsthaft gegen einen eu-beitritt der tuerkei schreiben.

der eu-beitritt der tuerkei ist sowas von unrealistisch:
-zypernproblem
-geschichtsaufarbeitung betreff armenier
-repression der kurden

um die wichtigsten gruende zu nennen.

Terrornest...

"Wir wollen nicht, dass dieses Gebiet ein Terrornest ist",

Haha warum Terrornest weil Kurden für Ihre Freiheit kämpfen ? Sind die Bestrebungen der FSA ehrenvoller ? Die FSA will doch nur ein Diktatorisches Regime gegen ein Islamofaschistisches ersetzen. Diese sogenannten Aufständigen akzeptieren keine andere Gruppe neben Ihrer. Kurden, Christen und Alawiten und Schieeten sollten ausgerottet werden wenn es nach denen ging. Viele gämäßigten Sunniten wollen mit der FSA ebenfalls nicht zu tun haben. Wenn das Volk sich gemeinsam einige wäre dann hätte man Assad schon längst beseitigt. Im Moment sieht es eher so aus als würde sich Assad halten. Einen 2 Fronten Krieg zwischen Kurden und Assad können sich die Aufständigen eigentlich nicht leist

mir fehlt da a bissl das thema

kurdistan ,ausgehend von mama erde sozusagen, sprich dem ölland nordirak, der praktisch selbständig sind.

mit dem osten türkeis und dem nordosten syriens ginge sich schon ein kurdistan aus.

die fronten wären dann klarer:
schiiten gegen sunniten sowieso
kurden gegen sunniten (irak gegen türkei)

wenn israel noch mit pkk weiter paktiert, werden die türken aber sauer. dann spielt wiedermal der iran das zünglein an der waage. die können eigentlich mit allen, aussen den sunniten.

da kann was nicht stimmen mit der grafik

Syrien hat 21 Millionen Einwohner, davon sind laut Grafik 9% Kurden; dies ergibt nach meiner Rechnung ca. 1,9 Millionen Kurden in Syrien

Irak hat 29 Millionen Einwohner, davon sind laut Grafik 15-20% Kurden; dies ergibt nach meiner Rechnung 4,35 bis 5,8 Millionen Kurden im Irak

Türkei hat 75 Millionen Einwohner, davon sollen 18% Kurden sein, das wären also 13,5 Millionen Kurden; 14 Millionen sprechen kurdisch; viele Kurden wurden im 20. Jahrhundert zwangsassimiliert und verloren ihre kurdische Muttersprache, daher liegt der Bevölkerungsanteil der Kurden in der Türkei noch um einiges über den Werten von 13-14 Millionen

Nun weiß es jeder, NATO, Türkei, Golfmonarchen wollen die reformorientiertere Regierung des reformierteren Assad Jr. um jeden Preis (islamistischen Gottesstaat Syrien) vernichten.

Auch wenn es utopisch ist, hoffe ich, dass mehr Soldaten der angreifenden Allianz als Zivilisten ihr Leben lassen.

Diesen Kriegstreibern muss endlich Einhalt geboten werden. Das ganze Geld was in Waffen und Geheimdienste verschwendet wird könnte aus allen Ländern Paradiese machen.

Interessant das Sultan Erdogan sich auf Mustafa Kemal beruft, gerade wo Erdogan's AKP den Islamismus forciert hat (ok, das war bekannt und sie wurden auch gewählt) und aggressiv gegenüber seinen Nachbarn ist. Kemal wäre ein erbitterter Feind von Erdogan's panarabischen Bestrebungen gewesen.

Er springt eben gerne auf einen Zug auf

wenn er glaubt, dass ihn dieser eine Haltestelle auf dem Weg zur Alleinherrschaft weiterbringt...

"ein Überfall auf einen Konvoi der Armee durch PKK-Rebellen aus Syrien würde genügen, um den Einmarsch der Türkei auszulösen."

Zur Not geben eben die USA selbst das Geld um den Grund für Sultan Erdogans Angriffskrieg zu liefern. Mit Geld kann man Söldner verwenden. Wer Glück hat kommt lebend raus und wird reich. Wer Pech hat stirbt, aber die Versicherung zahlt an Angehörige aus, also ist es eine win-win Situation verglichen mit einem Leben ohne sonstige Perspektive.

Da wir alle wissen das Sultan Erdogan und seine Mordschergen alles tun wird um die Kurden zu provozieren, stellt sich die Frage was die Kurden tun werden. Werden sie Sultan Erdogan's Spiel mitspielen und sich provozieren lassen?

Großmachts-Ambitionen 2.0

aber es geht ja um die bösen Kurden. Oder etwa doch nicht?

Die Kurden dienen als Ausrede für Sultan Erdogan's Angriffskrieg gegen Syrien. Gelogen hat er bereits mehrmals, dieser Geisteskranke ist völlig durchgeknallt.

Abgesehen vom Ernst der Lage,

schaut das Foto aus wie ein Fußballstadion aus der Tor-Kamera . Mit einem zu allem bereiten Goalie.

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