"Kinder werden völlig unnötig behindert"

Interview5. Dezember 2012, 18:35
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Nachmittagsbetreuung, wie sie die Regierung will, habe mit einer richtigen Ganztagsschule nichts zu tun, sagt Stefan Hopmann

STANDARD: Die Regierung baut die ganztägige Betreuung an Schulen aus. Ist das ein großer Wurf?

Stefan Hopmann: Nein. Mit den Mitteln, zu denen die Regierung greift, lässt sich nur ein Betreuungsproblem lösen. Das ist auch vernünftig: In einer modernen Gesellschaft sollen beide Elternteile arbeiten können, ohne die Großmütter in Haft zu nehmen. Aber ein Förderproblem ist so nicht zu bewältigen.

STANDARD: Gibt es denn ein solches Förderproblem?

Hopmann: Aber sicher. Österreichs Schulsystem setzt eine aktive Mitarbeit des Umfeldes voraus. Kinder, die zu Hause nicht genug Unterstützung kriegen, verlieren spätestens nach der Volksschule Anschluss, Motivation und Lernvertrauen - je leistungsorientierter die Schule, desto schwieriger. Da werden Kinder völlig unnötig in ihrer Laufbahn behindert, indem sie zu wenig Förderung bekommen. Daran ändert eine simple Nachmittagsbetreuung nichts.

STANDARD: Unterricht am Nachmittag ist schon möglich - aber nur, wenn zwei Drittel der Lehrer zustimmen. Ist das Veto das Problem?

Hopmann: Das ist ein Nebenkriegsschauplatz, der zum in Österreich üblichen Lehrerbashing passt. Um die Betreuung auszubauen, brauche ich nicht unbedingt vollqualifizierte Lehrer, sondern kann ich auch ein paar Freizeitpädagogen hinstellen wie im Hort. Da gibt es keinen sachlichen Grund, jemanden zu zwingen, bis 16 Uhr in der Schule zu bleiben. Was dabei nämlich übersehen wird: Der Lehrerberuf ist nicht zuletzt deshalb populär, weil er eine flexible Tagesgestaltung erlaubt und sich gut mit Familie vereinbaren lässt. Ändert sich das plötzlich, werden viele Lehrer in Teilzeit gehen. Das wird den herrschenden Lehrermangel nicht gerade entschärfen.

STANDARD: Machen die Lehrer nicht mit, ist aber keine Verschränkung von Unterricht und Betreuung am Nachmittag möglich.

Hopmann: Ob der Unterricht und die Betreuung hintereinander oder abwechselnd stattfinden, ist reichlich egal. Auch die nun immer wieder zitierte "verschränkte" Form entspricht nicht einer richtigen Ganztagsschule. Wer das, was die Regierung nun beschlossen hat, so nennt, verkauft eine Mogelpackung.

STANDARD: Was ist der Unterschied?

Hopmann: Echte Ganztagsschulen funktionieren ganz anders, indem sie den Unterrichtstag auf die Lernbedürfnisse der Kinder abstimmen. Da wird nicht mehr mit festen Jahrgangsklassen gearbeitet, sondern mit flexiblen Groß- und Kleingruppen, die Gruppenräume, Ruhezonen, Werkstätten und so weiter zur Verfügung haben. Der Ablauf in den Schulen muss so beweglich sein, dass Personal gezielt an den Stationen eingesetzt wird, wo es am meisten leisten kann - derzeit müssen Lehrer viel Kram bewältigen, für den man nicht studiert haben muss. Von all dem ist im Regierungsbeschluss keine Rede. Für eine Ganztagsschule braucht es nicht nur Freizeitpädagogen, sondern Logopäden, Nativespeaker, Sozialpädagogen - das ganze Inventar, um die Kinder zu fördern.

STANDARD: Sollte die Ganztagsschule also zur Regel werden?

Hopmann: Das wird sich Österreich nicht leisten können, weil es dafür um 20 bis 30 Prozent mehr Lehrkräfte bräuchte. Es wäre schon ein Riesengewinn, wenn es echte Ganztagsschulen in jenen Ballungszentren gäbe, wo sich die Problemkinder häufen. Die Ressourcen müssten nach Maßgabe der Schwierigkeiten zugewiesen werden: Natürlich hat eine Schule ein größeres Problem, wenn dort zu 90 Prozent Moldauer und Tschetschenen sitzen und nicht Kinder von Juristen und Ärzten. (Gerald John, DER STANDARD, 6.12.2012)

STAFAN HOPMANN (58), geboren in Göttingen in Deutschland, ist Professor am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien.

  • Die Vetomöglichkeit der Lehrer sei nur ein Nebenkriegsschauplatz, sagt Hopmann.
    foto: der standard/urban

    Die Vetomöglichkeit der Lehrer sei nur ein Nebenkriegsschauplatz, sagt Hopmann.

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