Peking schweigt zu Selbstverbrennungen

    5. Dezember 2012, 18:43
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    Seit dem Amtsantritt der neuen chinesischen Führung haben sich fast 30 Tibeter aus Protest gegen die Unterdrückung durch China selbst verbrannt

    Vereinzelte Selbstverbrennungen als Verzweiflungstaten unter Tibetern sind in den Minderheitengebieten der Provinzen Sichuan, Gansu oder Qinghai zu einer ganzen Protestserie eskaliert. Am Sonntag übergoss sich ein 17 Jahre alter Tibeter in Xiahe in der Nähe des tibetischen Klosters Bora in der Provinz Gansu mit Benzin. Er soll sich unter Rufen gegen die Unterdrückung der Klöster und für eine Rückkehr des Dalai Lama öffentlich angezündet haben. Seit Anfang November, als Chinas Parteitag mit seinem Generationenwechsel Hoffnungen auch auf einen Neuanfang in der Tibet-Politik weckte, demonstrieren täglich junge Tibeter, dass sie nichts mehr von Peking erwarten.

    Der 17-Jährige sei der 27. Fall einer Selbstverbrennung seit Anfang November, hieß es in einem Bericht der exiltibetischen Regierung im indischen Dharasalam. Makabre Statistiken von Menschenrechtsgruppen zählen seit Frühjahr 2009 mehr als 90 Selbstmordversuche unter Tibetern innerhalb Chinas. Weitere fünf Selbstverbrennungen sollen Exiltibeter in Indien und Nepal aus Solidarität unternommen haben. Die Mehrheit der Opfer, darunter ein Dutzend Nonnen und tibetische Frauen, starb an ihren schweren Brandwunden.

    "Einzelfälle"

    Das Signal scheint Pekings Politik bisher nicht aufzurütteln. Die Nachrichtenagentur Xinhua meldete anfangs noch die meisten Selbstanzündungen als "Einzelfälle" angeblich "entwurzelter", oder aus den Klöstern entlassener Tibeter. Sie seien für Anstiftung oder Aufhetzung durch Tibets geistliches Oberhaupt Dalai Lama anfällig gewesen.

    Als sich die Verbrennungen häuften, berichtete Xinhua auffallend wenig, nur über vier solcher "Vorfälle". In einer grotesken Reportage lobte sie am 19. November die "Feuerwehr in Mönchsroben". Überall würden junge Mönche in den Klöstern im Löschen ausgebildet. Die Selbstverbrennungen wurden nicht erwähnt.

    Im jüngsten Fall von Xiahe könnte der junge Tibeter überlebt haben, sollen Augenzeugen Exiltibetern berichtet haben. Überprüfbar sind diese Berichte nicht.

    Behörden rächten sich

    Im Frühsommer 2008 durften zuletzt ausländische Journalisten, darunter auch der Korrespondent des STANDARD, Xiahe auf einer organisierten Reise besuchen, wenige Wochen nach den Unruhen von Lhasa. Im Kloster Labrang nutzten damals zwei Dutzend Mönche die Gelegenheit, um vor den Journalisten in einem improvisierten Umzug gegen ihre Unterdrückung zu protestieren. Die Behörden rächten sich später an ihnen. Sie sorgten dafür, dass Pekinger Korrespondenten seit 2009 nicht mehr nach Tibet reisen können.

    Diese sind nun auf Chinas Nachrichten oder Informationen der Exiltibeter angewiesen. Die Regierung erlaubt keine internationale Untersuchung der Selbstverbrennungen. Sie begannen im Frühjahr 2009 mit dem Tod eines Mönches aus dem Kloster Kirti in Sichuan. Die Unterdrückung des Klosters wurde zur Initialzündung des Protests. Mindestens zehn der Tibeter, die sich verbrannten, sollen Mönche aus Kirti gewesen sein. (Johnny Erling, DER STANDARD, 6.12.2012)

    • Bild nicht mehr verfügbar

      "Tibet brennt": eine Exiltibeterin in Neu-Delhi bei einer Solidaritätsaktion angesichts der zahlreichen Selbstverbrennungen.

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