Kunst frisst Pupsdemokratien

5. Dezember 2012, 18:52
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Jonathan Meeses Predigtdienst über versachlichte Diktatoren

Wien - Die Weihnachtszeit mag schuld sein, denn ein wenig erinnern Jonathan Meeses neueste Gemälde in ihrer pastosen Buntheit an Zuckerguss, mit dem direkt aus der Tube Ornamentales auf die Leinwand gezaubert wird. Spiralen, Kringel, Punkte neben - historisch belasteten - Symbolen wie Haken- und Eisernes Kreuz. Für Meese, dienende Ameise in der Diktatur der Kunst, sieht Letzteres eher nach einem Lolli aus statt nach Kriegsideologie. Kurz: entideologisieren, statt weiter nach alten Mustern zu marschieren!

Und so stürzt das malerische Naschwerk auch Helden wie Hagen von Tronje in bunte Lächerlichkeit, da kann Meese noch so wortgewaltig seinem treuen, gewissenhaften Kämpfer "Erzhagenerz Erzvonerz Erztronjerz" huldigen. Die von Meese verwendeten Revolutionsepen sind also wohl nur Kulissen, die zerbröselt und der erlösenden Allmacht der Kunst unterworfen werden. Radikale Kunst statt radikaler Realität.

In Meeses Utopie ist die Kunst Evolutionssieger und ruft: "Ich will euch fressen!" So wird es auch der Religiosität im Parsifal gehen, den Meese in Bayreuth 2016 inszenieren soll. Richard Wagner wird er zum Soldaten im Heer der Kunst uminterpretieren, ob es Bayreuths konservativen Gralsrittern schmeckt oder nicht.

Denn: "Kunst ist keinerlei pupsdemokratisches Meinungsforum, Kunst ist versachlichtester Drilldrilldrill." Also sehr gefährlich. Auch wenn Meeses filigrane, aus recycelten zuckerlrosa Kosmetiktubendeckelchen gefertigte Plastiken verharmlosen und Betrachter sich daher in Sicherheit wiegen: "Kunst ist nur Angriff der japanischen Schulmädchen." Dann aber schlägt die Kunst - der versachlichte Diktator - zu, zermalmt den Feind der Ideologie zwischen Zuckerkringeln.

Ganz autonom ist die Anarchie der Kunst allerdings nicht: Sie gehorcht den Gesetzen des Marktes. Denn der provokante Gestus von Meese als Söldner der Kunst hat ihn ganz nach oben, in den höheren fünfstelligen Bereich gespült. Meese, den Katja Kullman einmal dem Kreis der Postmaterialisten zurechnete, könnte also zukünftig seine Preise einfach als mit aller Härte einzutreibende Steuern in der Diktatur der Kunst argumentieren. Jawoll!    (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 6.12.2012)

Bis 26. 1., Galerie Krinzinger, Seilerstätte 16, 1010 Wien

  • "Der geilste, ultimativste Dienstgeist (Kunst ist Kampfgeist, Kunst ist kein Schön- und Freigeist)", so der programmatische Titel eines von Jonathan Meeses neuesten Bildern.
    foto: galerie krinzinger

    "Der geilste, ultimativste Dienstgeist (Kunst ist Kampfgeist, Kunst ist kein Schön- und Freigeist)", so der programmatische Titel eines von Jonathan Meeses neuesten Bildern.

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