Medienexperte Mayer-Schönberger: "Kein Urheber lebt in einem Vakuum"

Festplattenabgabe schafft laut dem österreichischen Wissenschafter "genau die falschen Anreize"

Zu Beginn des Jahres starteten heimische Künstler und Kreative die Initiative "Kunst hat Recht" zur Stärkung der Urheberrechte mit der zentralen Forderung nach einer Festplattenabgabe. Gut zwölf Monate später scheint die Debatte immer noch fest gefahren. Geht es nach Viktor Mayer-Schönberger, würde eine Abgabe "genau die falschen Anreize" schaffen. Dem österreichischen Professor am Oxford Internet Institute fehlt vor allem Rationalität und Sachbezogenheit in der Urheberrechtsdiskussion, wie er der APA erklärte. "Es wird unglaublich schnell unglaublich emotional und es fehlen die ökonomischen Fakten zur Analyse."

Freibrief

Gerade am Beispiel der Festplattenabgabe lasse sich dies festhalten. Konsumenten könnten diese mit einem Freibrief für die Nutzung von illegalen Inhalten verwechseln. Stattdessen sollte man sich im Kreativbusiness die Anreizsysteme genauer ansehen. Wenn im Urheberrechtsbereich "von 100 Cent, die für Content eingenommen werden, etwa zwei bis drei Cent an die Autorinnen und Autoren gehen", müsse die Frage nach Effizienz gestellt werden. "Aber diese ökonomische Debatte führen wir nicht. Meistens ist es eine ideologische Diskussion und dann wird mit tiefen Argumenten gearbeitet." Anstatt um "Absicherung von Besitzständen" geht es Mayer-Schönberger zufolge um die richtige Balance, "sodass ausreichend viel an intellektuellen Informationen produziert und genutzt wird. Das ist letztendlich ein mathematisch-ökonomisches Problem, aber dort landet die Diskussion in den seltensten Fällen."

Davon abgesehen spricht sich der Professor für Internet Governance, der aktuell auch bei der Novellierung des europäischen Datenschutzes involviert ist, für ein proaktives, Freiräume bejahendes Urheberrecht aus. Im Unterschied zum derzeit vorherrschenden reaktiven Urheberrecht könnten dadurch "Nischen und Experimentierräume" geschaffen werden, die "Innovation bevorzugen und Anreize schaffen". In diesem Zusammenhang sei auch zu bedenken, dass etwa das österreichische Urheberrecht von einer ganz bestimmten Zeit geprägt ist. "Als es in den 1930er Jahren eingeführt wurde, war der Urheber schon gar nicht mehr so 'Urheber", wie das Gesetz es abgebildet hat. Schon damals, so könnte man argumentieren, war das Gesetz eigentlich veraltet", sieht Mayer-Schönberger diesen "idealistischen Urheberbegriff des 19. Jahrhunderts" in der Wirklichkeit kaum mehr auffindbar. "Fast kein Urheber lebt mehr in einem absoluten Vakuum."

"Delete" für das "Recht auf Vergessen"

Geht es nach dem gebürtigen Salzburger, der sich 2007 in seinem Buch "Delete" für das "Recht auf Vergessen" im Internet aussprach, sollte dieser Aspekt auch in der Plagiats-Debatte Einzug halten. "Wie kann ich verhindern, dass eine Idee von einem anderen in meinen Kopf eindringt, ohne dass dazu eine Fußnote gemacht wird?" Würde man schon bei Kombinationen von drei oder vier Wörtern in Richtung Plagiat argumentieren, sei der Ansatz der Remix-Kultur doch bedeutend realistischer. "Weil sie einfach auch akzeptiert, dass wir nicht nur Produzenten, sondern auch Rezipienten sind, und dass das eine in das andere übergeht." Wie so etwas funktionieren kann, zeige etwa die Akzeptanz für das Online-Lexikon Wikipedia, "das in Wirklichkeit aus einem Remix-Prozess heraus kommt".

"Dann wird die CD aufgebrochen, werden individuelle Lieder um 99 Cent angeboten und alles in die Cloud verlagert."

Eine Lösung für das Dilemma rund um ein neues Urheberrecht ist laut Mayer-Schönberger allerdings nicht zwingend notwendig. "Ich glaube, dass sich diese Problematik von selbst lösen wird. Weil die Konsumenten einfach ihr Konsumverhalten verändern." In der Folge würden dann Geschäftsmodelle einfach umgebaut, wie es etwa iTunes für die Musikindustrie vorgezeigt habe. "Dann wird die CD aufgebrochen, werden individuelle Lieder um 99 Cent angeboten und alles in die Cloud verlagert." Eine derartige Veränderung geschehe genau dann, wenn der Druck für die Rechteinhaber hoch genug wird. "Ganz unabhängig vom Recht. Das Recht ist dann einfach irrelevant", folgert Mayer-Schönberger.

Bei derzeitigen Auseinandersetzungen werde oft versucht, "Regeln, die aus einer analogen Wirklichkeit kommen, auf eine digitale Realität zu übertragen." Gelinge das nicht, werden aus der Praxis heraus Lösungen angenommen, "und ob diese Lösungen dann rechtskonform sind oder nicht, ist zunächst einmal zweitrangig", so Mayer-Schönberger. "Zu glauben, dass die Gesellschaft in die Regel gezwungen werden kann - das gilt nur, solange die Mehrheit die Regel nicht bricht." (APA, 05.12. 2012)

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