Asylwerber am Wort: Wie es uns so geht

Leserkommentar |

Ein klärendes Statement aus dem Camp

Ich bin seit mehr als acht Jahren in diesem Land, ohne an die Zukunft denken zu können - ich habe acht Jahre hier verbracht, als ein Asylwerber. Das bedeutet zum einen, dass ich vom Feuer in eine Bratpfanne gekommen bin. Und das bedeutet zum anderen, dass in Österreich Träume sterben. Ich frage mich oft, "Was bedeuten die Menschenrechte für ÖsterreicherInnen, die das Ausmaß an Ungerechtigkeit sehen, und trotzdem nichts sagen?" Wie kann es sein, dass die Übereinkunft zwischen einem gewissen Bürgermeister in Kärnten und dem Innenministerium, AfrikanerInnen und TschetschenInnen nicht in dessen Dorf zu verlegen, von so Vielen stillschweigend hingenommen wird?

Flüchtlinge und AsylwerberInnen sind weder Idioten noch AnalphabetInnen, die ihre Rechte nicht kennen, oder nicht erkennen, wenn ihre Rechte verletzt werden. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die EuropäerInnen immer noch nicht erkannt haben, wie weit sich die gesamte Welt vorwärts bewegt hat.

Im Moment gibt es mir zu denken, dass viele AsylwerberInnen sich immer noch nicht aus ihren Quartieren trauen - trotz unseren wiederholten Aufforderungen, sich uns im Sigmund Freud Park in Wien anzuschließen. Hätten sie dies getan, wären jene Stimmen, die behaupten, dass wir von AktivistInnen und politischen Parteien benutzt werden, wohl erheblich leiser geworden.

Die AktivistInnen, die uns unterstützen, hören uns zu und helfen uns dabei, die Öffentlichkeit zu erreichen. Ist das etwas Schlechtes? Wir haben Repressionen erlitten und sind dazu verdammt worden, eine sprachlose Einheit zu werden, der nur eine Option offen steht: Zu versagen, ganz egal in welche Richtung wir uns drehen, und dabei zu hören, dass Österreich ein freier Staat ist, in dem jedem (zumindest in der Theorie) Rede- und Bewegungsfreiheit zugestanden wird.

Bisher haben auch die Medien einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, die Glaubwürdigkeit der Flüchtlinge zu untergraben, die sich im Moment gegen die unmenschlichen Umgangsweisen in den Lagern auflehnen. Das Gleiche gilt für die politischen Parteien die von der Initiative des Flüchtlingscamps zu profitieren versuchen.

In Reaktion auf den Standard-Kommentar "Traiskirchen und das 'Sprachrohr'-Problem", der darauf hinweist, dass AsylwerberInnen noch nie so gut organisiert waren, bleibt zu sagen, dass der Moment der Wahrheit gekommen ist. 'What goes up, must come down' - der Rassismus, die Repression und die Kriminalisierung, die die AsylwerberInnen ertragen mussten, haben eine Reaktion ausgelöst. Ich habe, im Gegensatz zu Euch, in einem Flüchtlingslager gelebt. Ich wurde diskriminiert, ich habe offensichtlichen Rassismus und Hass erlebt, und ich weiß, wie sich Freiheit anfühlt.

Freiheit ist das Gegenteil davon, was ich hier in Österreich erlebt habe. Ihr beschuldigt Flüchtlinge auf der faulen Haut zu liegen und antriebslos zu sein. Wie könnt ihr euch Gegenteiliges überhaupt erwarten, wenn eure Bemühungen immer wieder darauf ausgerichtet sind, uns unsere Rechte an dieser Gesellschaft teilzunehmen und zu ihr beizutragen, zu nehmen. Talente und Träume sterben hier. In diesem Land fließen weder Milch noch Honig im Überfluss, deshalb sind wir Flüchtlinge ausgetrocknet. Die kontinuierliche Manipulation durch das Asylwesen und vergangene und gegenwärtige InnenmisterInnen wird ganz bestimmt auch den letzten Rest unserer Energie ersticken, wenn wir uns weiterhin in unseren Sechser-Betten verstecken. (Leserkommentar, Clifford Aghator, derStandard.at, 7.12.2012)

Clifford Aghator sieht sich als Aktivist; auf Grund des Drucks, unter dem er seit fast einem Jahrzehnt lebt, wurde er zu einem Freiheitskämpfer, der sich für seine Familie einsetzt. Er zieht drei Kinder groß und hofft darauf, dass die Situation sich bald verändern wird.

Den englischen Originalbeitrag können Sie hier nachlesen.

Link zu den Forderungen der Flüchtlinge auf dem Blog von Refugee Camp Vienna

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