Die Insel der Seligen und ihre Störenfriede

Leserkommentar |

Vom Christkind wird man sich doch noch Frieden und Toleranz wünschen dürfen ...

Liebes Christkind, als Erstes ist ein Dankeschön fällig.

Dafür, dass du dich nicht von Getränkeherstellern finanzieren lässt oder im Oktober mit der Dekoration für das Fest der Feste beginnst. Das Fest der Liebe, die manchmal die Kunst der Camouflage besser beherrscht als der weltberühmte Wiener Charme. Ich melde mich normalerweise nicht so früh, aber diesmal ist (schon wieder) alles anders. Eigentlich wünsche ich mir etwas weg, aber ein weiser Mensch lehrte mich einst die Kunst der positiven Formulierung.

Deshalb ist der Kern meines Wunsches Erkenntnis. Ich wünsche mir eine Auflehnung der Wiener Gratis-U-Bahn-Zeitungsleser gegen das konstruierte Bild der anderen, die uns alle immer alles wegnehmen. Es reicht mit subtilen Nachrichten, die irgendwo zwischen Kleinhirn und Neocortex hängenbleiben. Am liebsten würde ich schnippen und diese Artikel bösartigen Schwachsinns Jeannie-artig aus den Zeitungen verbannen. Denn sie machen den Wiener zu etwas, vor dem ich Angst habe. Dabei bräuchte ich das gar nicht. Ich zahle Steuern, bin blond und vor allem kein "Ausländer".

Der Mensch 2.0 hat sich schon lange sein eigenes System abseits von Flora und Fauna geschaffen hat. Er will sich unbedingt als das Endstadium seiner eigenen Entwicklung sehen, gibt sich aber gleichzeitig damit zufrieden, vorgekaute Meinungen und Werte blind zu übernehmen. Ich frage mich wirklich nach den Motiven von Journalisten, denen es nicht zu blöd ist, über den verstorbenen Hofdackel der dänischen Königsfamilie zu berichten. Solange das jemand lesen möchte ist dagegen aus meiner Sicht aber nichts einzuwenden. Wogegen jedoch alles in mir rebelliert, wenn auch in diesem Falle stellvertretend, ist die Beschreibung von Ereignissen, die einen hierarchischen Unterschied zwischen ÖsterrreicherIn oder NichtösterreicherIn schaffen. Formulierungen und subtile Meinungsübertragung machen, vor allem in Summe, einen Unterschied. Sie färben Gedanken. Vielleicht sogar Einstellungen.

Klar folgt die Themenwahl auch hier den klassischen Medienprinzipien. Als interessant gelten Themen, in denen es um Aufregung (Strasser? korrupt?), Mitleid (die arme Minki wurde aus dem Baum gerettet), Befriedigung von Pseudo-Bedürfnissen (Robert Pattinson ist schon urfesch), Mord und Tragödie (besser ein Totschlag im nahen Umfeld als eine Flutkatastrophe mit tausenden Toten in Asien; wirklich große Desaster fallen wiederum in die Kategorie "Mitleid") oder eben den oben erwähnten Schwachsinn. Letztendlich stellt sich die Frage: Macht es einen Unterschied, ob der 16-jährige Messerstecher Tschetschene war oder nicht? Das Resultat bleibt für Täter und Opfer das gleiche. Wobei, eigentlich nicht ganz. Opfer bleibt Opfer. Täter bleibt Tschetschene. Oder eben einfach Ausländer. Willkommen in der Welt der Stereotype und Stigmatisierungen.

Es mag sein, dass die Zahl der Straftäter unter Immigranten relativ gesehen höher ist. Dazu muss man fairerweise aber schon auch sagen, dass das nicht in der Natur der Sache liegt. Menschen wandern nicht aus Jux in den rechtlichen Graubereich oder verkaufen Drogen, weil sie böse sind. Unsere Gesellschaft tut ihren Teil dazu. Ganz ehrlich: Ich würde aus einem Land, in dem Krieg herrscht, auch zu fliehen versuchen. Mit allen Mitteln, auch illegal. Ich würde auch Marijuana verkaufen, um meine Familie und mich zu ernähren. Das ist sicher nicht richtig. Aber es ist menschlich. Nicht weniger menschlich als die, die es verurteilen.

Anders sieht es natürlich mit Gewalttaten aus. Da fällt mir keine bessere Lösung ein, als Polizisten besser zu sensibilisieren. Es bedarf schlicht und einfach nicht sechs hämisch grinsender Beamter für die Kontrolle eines jungen Mexikaners in der Fußgängerzone. Exekutivbeamte mit eindeutig rassistischen Tendenzen dürfen weder akzeptiert noch geduldet werden. Harte rechtliche Konsequenzen für Gewalttäter sind letztendlich die logische Antwort auf gesellschaftlichen Druck. Emotionen haben diesbezüglich vor allem in einer Demokratie keinen Platz. Ungleiche Behandlung nach Herkunftsland ebenfalls nicht.

Die Übeltäter in ihre Heimat zurückzuschicken würde einer Neubemalung des Rubik-Würfels gleichkommen. Das kann wohl nicht die Lösung sein. Vor allem weil die Heimat von Immigranten aus zweiter Generation oft Wien-Favoriten oder Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus heißt. Vielleicht sollte man auch über die Sinnhaftigkeit der (scheinbar sehr begrenzten) Häfn-Plätze nachdenken. Eine Lösung wäre Sozialarbeit - wenn möglich mit Löhnen, die die Delinquenten nicht sofort wieder mit Graubereichen liebäugeln lässt (sagte der Zivi.)

Gleichberechtigung spielt sicher eine entscheidende Rolle. Was theoretisch einfach klingt scheint praktisch beinahe unmöglich. Ich habe den Eindruck, als würde oft nur eine Seite "gleich" berechtigt und das ist naturgemäß die stärkere, numerisch überlegene. Klar sollten Immigranten sich mit uns verständigen können. Das bedeutet jedoch nicht Einwanderer zum Erlernen einer Sprache zu zwingen, sondern Ihnen die Vorteile schmackhaft zu machen. Zu erklären warum es wichtig ist kommunizieren zu können. Was spricht gegen mehr interkulturelle Veranstaltungen, in denen man neue Leute kennenlernt und gemeinsam lachen kann? Vielleicht interessieren sich Ahmed und Horsti ja für Fußball. Solange Ahmed das Können der Rapidler nicht bezweifelt kann das auch gut gehen. Leider passiert es viel zu selten.

Wenn ich es mir genau überlege habe ich vielleicht gar nicht vor der möglichen Entwicklung Angst, sondern zumindest teilweise vor mir selbst. Vor kurzem ertappte ich mich beim Gedanken, dass ich die Existenz rechter Parteien, für deren Beschreibung mein Schatz an Pfui-Wörter kaum ausreicht , gar nicht so schlecht finde. Ich sehe ein Problem immer größer werden und einige Parteien, die dieses Problem entweder leugnen oder zahnlos und nicht an der Wurzel zu beseitigen versuchen.

Die Geschichte hat gezeigt, dass Angst ein wunderbarer Nährboden ist um "uns" von "denen" abzugrenzen und kulturelle Hierarchien vorzugaukeln. Obwohl rechte Parteien die Immigrationsproblematik nur verschlimmern, kann man ihren Wählern nicht böse sein, denn auch sie haben Angst. Angst, dass man ihnen etwas wegnimmt. Somit stellt sich nur die Frage ob rechte Parteien, deren plumpe Slogans von Andersdenkenden belächelt werden, das System zum Kippen bringen können. Die Statistik der letzten Jahrzehnte sagt Ja. Wir sehen eine Flut auf uns zukommen und versuchen ihr einzureden, dass sie sich gefälligst schleichen soll. Wir brauchen hier keine Flut. Und wenn es unbedingt sein muss, soll sie sich zumindest an unsere Kultur und die damit verbunde Denkweise anpassen. Das war immer schon so. Und so bleibt es auch. Ein echter Wiener ...

Die Ureinwohner der Insel der Seligen sollten langsam erkennen, dass sie genau so fremd wirken wie diejenigen, die oft gar nicht freiwillig hier gelandet sind. In diesem Zusammenhang sind Gratiszeitungen entgegen ihrem Slogan zweifellos umsonst. Zum Glück sind sie zur freien Entnahme. Von begrenzter Stückzahl steht dort nichts. Weißt du was, Christkind, ich wünsche mir doch keine Erkenntnis, sondern jedes Exemplar, das 2013 gedruckt wird. Und eine große Packung Streichhölzer. (Markus Enenkel, Leserkommentar, derStandard.at, 19.12.2012)

Markus Enenkel (27) ist Dissertant am Department für Geodäsie und Geoinformation der Technischen Universität Wien.

Share if you care