Zwischen Inflationsschutz und Spekulationsobjekt

Der Goldpreis eilt von Rekord zu Rekord. Doch Experten warnen vor überzogenen Erwartungen an das Edelmetall, ein Blick ins neue Jahr

Gold glänzt. Der Preis des edlen Metalls steht, in Euro gerechnet, so hoch wie noch nie. Mehr als 1350 Euro kostete eine Feinunze Ende November, und Gold hat damit eine bemerkenswerte Renaissance erlebt. Während der britische Ökonom John Maynard Keynes das Edelmetall noch als "barbarisches Relikt" bezeichnete, das in der modernen Wirtschaft kaum einen Platz im Finanzsystem hat, tummeln sich in deutschen und österreichischen Städten neben Nobelboutiquen neuerdings auch immer mehr Goldhändler. Angesichts der anhaltenden Staatsschuldenkrise in Europa und der Niedrigzinsen auf Sparbüchern gelten Immobilien (die gerne auch als Betongold bezeichnet werden) und Gold als sichere Häfen.

Doch was ist Gold? Ist es ein Schutz vor der Geldentwertung oder eine Wette für spekulative Anleger, dass die Zinsen niedrig bleiben? Campbell Harvey weiß nicht so recht, was er von dem Goldboom halten soll. Er wiegt den Kopf hin und her, wenn er gefragt wird, ob Gold ein guter Inflationsschutz ist. Der renommierte Finanzprofessor von der amerikanischen Duke University warnt, dass viele Mythen um den Goldpreis ranken, die sich von den Daten nicht belegen lassen. Tatsächlich sei der Preis des gelben Edelmetalls schwer zu fassen. "Der Goldpreis kann überall sein, bei 35 Dollar oder 2000 Dollar. Gold ist kein effektiver Inflationsschutz, das ist ein Mythos. Gold ist so volatil, dass man damit für mehrere Dekaden ein Verlierer sein kann." Das mussten etwa Anleger schmerzhaft merken, die zwischen 1980 und 2000 in Gold investiert waren.

Gold als Investment

Dass der Inflationsschutz nicht immer gegeben ist, hänge nicht zuletzt mit Spekulanten zusammen. Gold ist immer mehr zu einem Investment geworden. Wurden 2003 noch gerade einmal 331 Tonnen Gold für Investitionszwecke gekauft, waren es nach aktuellen Zahlen des World Gold Council, einer Lobby-Organisation der Goldminenunternehmen, 2011 bereits mehr als 1700 Tonnen. Knapp 40 Prozent der Goldnachfrage kommen damit inzwischen von Investoren. Das sind genauso private Anleger wie auch Hedgefonds oder institutionelle Anleger.

So werden etwa mehr als 1300 Tonnen Gold vom größten Gold-ETF (SPDR Gold) gehalten, einem Fonds, der physisch in das Edelmetall investiert. In dem Fonds ist mehr von dem Metall gebunden, als etwa die chinesische Zentralbank von dem gelben Metall hält. Doch auch die Zentralbanken sind zuletzt auf den Geschmack gekommen. Insbesondere in den Schwellenländern haben die Verwalter der Währungsreserven angefangen, neben dem US-Dollar und dem Euro auch Gold beizumischen. "Das ist einfach Risikomanagement, nicht ausschließlich in ein paar wenigen Papierwährungen investiert zu sein", findet Harvey.

Tatsächlich sind die Zentralbanken ein wichtiger Faktor beim Goldpreis, ob nun als Käufer oder als passive Unterstützer des Booms. "Gold bleibt eine sichere Wahl, wenn sich die massive Lockerung der Geldpolitik fortsetzt", sagt der Rohstoffanalyst Jeremy Friesen von Société Générale. Das Kalkül: Wenn die Zinsen niedrig bleiben, bleiben Anleihen relativ unattraktiv, und Gold könnte weiter glänzen. Tatsächlich ist die Wall Street derzeit weiter heiß auf das Edelmetall. Für 2013 erwarten die Analysten laut einer Umfrage von Bloomberg im Schnitt eine Preissteigerung auf 1925 Dollar je Feinunze. Das wäre ein Plus von mehr als zehn Prozent.

Dabei muss Gold gar nicht die hohen Erwartungen der Analysten erfüllen, um etwa für Philipp Vorndran interessant zu sein. Der Anlagestratege des deutschen Vermögensverwalters Flossbach von Storch sagt, dass Gold auch ohne hohe Rendite seinen Zweck erfüllen kann. "Gold gibt kein Versprechen von zweistelligen Kurszuwachsraten, sondern das Versprechen, langfristig die Kaufkraft zu erhalten." Denn im Grunde schütze das Gold die Anleger vor einem möglichen monetären Unfall, also etwa wenn die Zentralbanken doch Inflation erzeugen sollten. "Gold ist das Geld der letzten Instanz. In dem aktuellen Umfeld ist es nicht unmöglich, dass die Bevölkerung mehr und mehr den Glauben in das Papiergeld verliert, wenn sich die kreativen Maßnahmen der Notenbanken weiter so fortsetzen."

Versicherung und Wette

Um dieses Kalkül zu verstehen, hilft etwa ein Blick in die vergangenen Monate. Seitdem die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank ihre neuesten Lockerungsmaßnahmen diskutiert haben, ist der Goldpreis je Feinunze von knapp 1550 Dollar auf über 1700 Dollar gestiegen. Daher sei es auch unwichtig, ob eine Investition in Gold sich ein paar Jahre nicht rechne, sagt Vorndran: "Physisches Gold ist für uns eine Versicherung, falls es wirklich zu einem Vertrauensverlust ins Papiergeld kommt."

Damit bleibt Gold eines: eine Wette auf die Ausweitung der Zentralbankbilanzen (siehe Grafik). Seit dem Beginn der Finanzkrise 2007 haben sich die Zentralbankbilanzen der Industrie- und der Schwellenländer mehr als verdoppelt. Laut Daten der Bank für internationalen Zahlungsausgleich sind die Bilanzen der Notenbanken bis April 2012 auf 18.414 Milliarden Dollar angewachsen. Das ist mehr als das aktuelle Brutto inlandsprodukt der Europäischen Union. Wenn die Zentralbanken in den vergangenen Monaten genauso aktiv waren wie im Durchschnitt der Krisenzeit, und davon ist angesichts der Ankündigung der US-Notenbank Fed, mehr Hypothekenpapiere anzukaufen, auszugehen, dann steht die Bilanzsumme aktuell bereits bei über 20.000 Milliarden Dollar.

Es gibt einen "Ugly Contest" der weltweit wichtigsten Währungen. Zentralbanken drucken Geld, um die eigene Währung zu schwächen und damit einen Exportvorteil für die schwache Wirtschaft herauszuschlagen. Doch damit werde sich das Risiko von sehr hohen Inflationsraten erhöhen, warnt Harvey. "Gold reagiert bereits auf kleine Wahrscheinlichkeiten von Hyperinflation." Selbst wenn man davon ausgeht, dass eine Hyperinflation in einem von über einer Million Szenarien eintritt, lassen sich in Goldpreismodellen schon deutliche Effekte feststellen: "Auch wenn der Inflationsschutz von Gold nicht immer funktioniert, bei Hyperinflation kann man mit Gold den Wert erhalten", sagt Harvey. Doch wenn dieses unwahrscheinliche Szenario nicht eintritt, könnten die Goldpreise wieder massiv fallen. Nur wenn sich die Wirtschaft weiter eintrübt, kann Gold weiter glänzen. (Lukas Sustala, DER STANDARD/PORTFOLIO, 5.12.2012)

Studie von Campbell Harvey: goo.gl/NKUD0

Die STANDARD-Beilage PORTFOLIO ist auch am Kiosk erhältlich

  • Berechnen Sie Ihr Brutto- oder Netto-Gehalt mit dem Brutto-Netto-Rechner von derStandard.at/Karriere
Share if you care